Angst,

Das Meer klärt deine Gedanken, es lädt sich selbst zum Weinen ein. Du sitzt an seinem Ufer, blickst auf die funkelnden Wellen. Wie ein Perpetuum Mobile drehen sich deine Gefühle im Kreis, du brauchst sie nicht mehr durchzuarbeiten, denn sie kehren wieder, wie eine Figur auf einem Karussell, das sich beständig dreht und dreht und dreht.

Alles kehrt wieder, doch du bleibst. Und wenn du gehst, bleibt die Welt um dich herum. Du heftest deinen Blick auf das, was so beständig ist, was da sein wird, lange noch, nachdem du schon gegangen bist. Du stellst dir vor, wie all diese Atome, dicht gepackt und doch so weit getrennt, sich sehnsuchtsvoll zum Blues wiegen, immer in der Hoffnung wartend, doch, irgendwie, zu koinzidieren. Manchmal reicht die Illusion, nicht allein zu sein, schon aus.

Du hast gehadert, du bist verzweifelt, du hast dein Schicksal angeklagt. Wie konntest du von der

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Durch den vernebelten Morgenregenschleier entdecke ich eine vertraut wirkende Gestalt, einen Regenschirm über sich haltend, die steile Treppe zum Kirchlein hinaufsteigen. Ich hüpfe hoch, reiße beide arme winkend hoch und renne ihr, immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, entgegen.
Erst, als die Frau einen Meter von mir entfernt ist, erkenne ich, dass ich sie eben nicht kenne. „Oh“, sage ich, „entschuldigen Sie – ich habe Sie verwechselt!“
Die Dame grinst mich an: „Das macht gar nichts – man sieht heute so selten freundliche Gesichter!“
„Ja“, stimme ich zu und halte mir eine Hand vor den Mund, „das liegt wohl auch an der aktuellen Maskerade – sie schottet uns voneinander ab!“
Und wir beginnen eine angenehme Plauderei über das, was uns als Menschen verbindet, was uns wichtig ist, während wir uns langsam einregnen lassen und das aufgehende Rosenrot die Stadt

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Draußen ist es schon dunkel, als du zum Hörer greifst, um deinen Befund zu erfragen. Für dich ist es pro forma, du weißt schon längst, was für dich an der Reihe ist. Seit einem Jahr spürst du den Knoten in deiner Brust, und doch musste erst dein Himmel für dich einstürzen, dass du bereit warst, dir Gewissheit zu verschaffen.
Der Stimme am anderen Ende der Leitung fällt es hörbar schwer, ihr Urteil zu sprechen: Unter viele „Ähm“s und „Ah“s sollen die Signalworte einblenden, doch du verstehst: Es ist ein bösartiger Tumor, ein Karzinom, es muss raus, besser jetzt als später, danach wird man sehen, sicher sind Bestrahlen, Antihormontherapie, eine Chemo ist noch ungewiss.
Und du nickst, bis dir einfällt, dass die andere Person dich ja nicht sehen kann, also lächelst du, vielleicht kann sie das hören. Dann legst du auf und wartest, wartest, dass sich etwas, irgendetwas, in dir tut. Doch nichts als Stille echot dir zurück, selbst das Klirren deines zerspringenden Herzens ist

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