Bewältigung

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

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„Der Angst ins Gesicht lachen“ beschrieb Viktor Frankl seine Paradoxe Intention: Er war der festen Überzeugung, dass es uns allen gelingen kann, die Trotzmacht des Geistes zu wecken. Denn auch hinter jeder physischen oder psychischen Beeinträchtigung existiert die noetische (geistige) Dimension unversehrt weiter – und in ihr können wir die Kraft finden, unsere Angst nicht nur zu ertragen, sondern uns über sie hinwegzuheben. Denn: „Wir brauchen uns von uns selbst nicht alles gefallen zu lassen“.

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Wer versucht, auf seine ersten Lebensjahre zurückzublicken, schaut in ein schwarzes Loch: Es muss kein düsterer Abgrund sein, der sich da auftut, und doch erhellt kein Licht die Vergessenheit. Es ist unmöglich, sich bewusst an die ersten Jahre zu erinnern. Das Gehirn ist erst ab dem 3. Lebensjahr überhaupt in der Lage, Erinnerungen abzuspeichern. Und doch prägt uns diese Zeit sehr.

So bestimmen die Beziehungserfahrungen dieser Zeit, welche (und ob überhaupt) Bindungen wir im Laufe des Lebens eingehen, welche Beziehungsmuster sich ausprägen. 
Untersuchungen zeigen, dass ca. die Hälfte aller Kleinkinder im Alter von bis zu vier Jahren sicheren Bindungstypen entsprechen. Die zweite Hälfte teilen sich vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert gebundene Bindungstypen. Das meint, dass ca. 50 Prozent der Menschen auch als Erwachsene sich schwer tun, stabile, ausgeglichene Beziehungen einzugehen.

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Wie viele Träume hast du dieses Jahr begraben? Welche Liebe nicht gelebt? Welchen Glauben hast du aufgegeben? Wie viel hat es gekostet, nicht, es wäre doch so einfach, aufzugeben?

Vielleicht hast du eingesehen, dass es für dich doch keine Hoffnung gibt – alles, was sie versprach, ist als Lüge entlarvt. Kein Sonnenuntergang wartet darauf, dass du in ihn tanzt, kein grüner Hügel lädt dich zum Hinunterlaufen ein. Alle Tränen sind geweint, alle Berührungen umsonst.

Was bleibt scheint nur das Warten auf die Linderung der Traurigkeit. Nicht, weil du noch denkst, sie könne je vergehen, sondern weil irgendetwas anderes sich wie ein dickes Tuch darüber legt. Lange schon weißt du, dass sie darunter wartet - nicht behände lauernd wie die Verzweiflung und das Entsetzen, sondern träge mäandernd wie ein gemächlicher Strom.

Du hast alle Schichten abgezogen, glanzlos rostet dein skelettiertes Ich dahin. Woran hältst du dich nun fest?

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„Ich glaube fest daran, dass, wenn wir selbst heilen, die Welt mit uns heilt“, sagte vor kurzem während einer Traumatherapie-Fortbildung eine Teilnehmerin.

Können wir heilen? Ist es wirklich möglich, von dem, was niemals hätte geschehen dürfen, was du aushalten musstest, ganz zu heilen? Wie lange wird dies dauern? Reicht die Unendlichkeit dafür?

„Jede unendliche Teilmenge einer abzählbaren Menge ist abzählbar. Abzählbare Mengen haben den kleinsten Grad von Unendlichkeit“, las ich neulich in einem Mathematiklehrbuch – und war gebannt vom Zauber dieser Vorstellung: Unendlich ist präsent, ist überall, sogar, wenn sie gefangen scheint von einem Zaun aus Zahlen.

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Ich träume.

Ich habe für meine Lieblingsweinbergschnecke ein Miniatur-Geschirr gebastelt, die lange, filigrane Leine kann ich um meinen kleinen Finger wickeln, um die Schnecke spazieren zu führen. Behutsam zäume ich die Schnecke auf. Wir beginnen unseren Weg.

Ich erinnere mich.

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Was du erleben musstest, hättest du, hätte niemand, erleben dürfen: Unsere Sprache reicht nicht aus, um dem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Du willst verstummen, und du musst doch reden, immer und immer wieder, über das, was du bezeugen musstest.

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„Du sollst das Segel dann reffen, wenn du das erste Mal daran denkst“, begleitete ein lieber Freund eine Anekdote.

Diesen Merksatz aus dem Segelsport machte ich mir zur Leitlinie für alle jene Situationen, in denen wir uns fragen: „WANN soll ich das tun, mich damit auseinandersetzen, das sagen etc.?“

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„Was würdest du tun“, fragt mich ein Freund, „wenn du genau wüsstest, dass morgen der letzte Tag deines Lebens wäre?“ Ich habe ihn erst vor kurzem kennengelernt, als er, desorientiert und in Aufruhr, durchs Klinikum irrte. Er begleitete seine Mutter zur Tumorsprechstunde und suchte die Radiologie. Ich zeigte sie ihm, und während seine Mutter eine weitere Untersuchung über sich ergehen lassen musste, gingen wir einen Kaffee trinken – und freundeten uns an. 
Er ist Statistiker – doch in diesem Fall tut ihm sein Wissen kaum Gutes. Denn, was als Zahlen relativ positiv wirkt: „Im Durchschnitt überleben 80 % der Frauen mit Brustkrebs die nächsten 5 Jahre und über 70 % die nächsten 10 Jahre. 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr, 17.000 sterben pro Jahr daran“ wirkt gleich ganz anders, wenn wir an den Einzelfall denken. Was ist, wenn du zu den 20 Prozent gehörst, die es eben nicht über die nächsten 5 Jahre schaffen? Wenn du eine der 17.000, die es nicht schaffen, bist?

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Von den insgesamt nur fünf so genannten Primärgefühlen, also jene Emotionen, die wir nicht nur mit allen höheren Säugetieren zu teilen scheinen, sondern die uns auch ins Gesicht geschrieben stehen, hätten wir vier lieber nicht: Nur die Freude fühlen wir gerne – die anderen Grundgefühle vermeiden wir lieber.

Wut, Trauer, Angst, Ekel und Freude gelten dabei als interkulturelle und angeborene Gefühle. Wer über ein gesundes, spiegelfähiges Gehirn verfügt, kann diese fünf Emotionen intuitiv und sehr genau aus der Mimik unseres Gegenübers ablesen. Diese Grundemotionen haben unserer Spezies durch ihren handlungsauffordenden Charakter auch das Überleben gesichert: Emotionen motivieren uns also, etwas zu tun – oder es besser sein zu lassen.

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Ich schlendere durch den nächtlichen Schlossgarten in Stuttgart – der Unterrichtstag war lang, der Theaterabend ergiebig – lange schon habe ich meine Begleitung verabschiedet und will nun noch, nur für mich, zur Ruhe kommen: Ich möchte Stille atmen. 
Im Schatten der Bäume erkenne ich eine Gestalt: Sie liegt zusammengekauert am Boden. Das Mondlicht lässt nur erahnen, dass es sich um eine menschliche Gestalt handelt. Während mein Denken kurz erschreckt („Liegt hier ein Toter?“) läuft mein Körper auf den Schattenriss zu. Ich knie mich neben ihm nieder und berühre sanft seine Schulter, schüttle ihn ein wenig: „Alles ok?“ frage ich unbeholfen und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Wie erleichtert bin ich, als ich ihn atmen sehe!

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Für alle, die loslassen müssen

Du stehst knietief im eiskalten Wasser: Du bist an deinem Ziel. Lange hast du diesen Augenblick herbeigesehnt, lange hast du davon geträumt.

Das Echo deiner Gefühle hallt von den Wänden des schneebedeckten Bergmassivs im Hintergrund wider, während die Kälte des Wassers an deinen Beinen emporkriecht, dir ans Herz zu fassen droht, nein, vielmehr mitten hinein, und immer mehr, alte und noch unbekannte Gefühle, perlen aus den Poren deiner Haut und steigen auf, verlieren sich, in der frischen Abendluft.

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