Ich sitze am kalten, feuchten Kiesstrand und halte nach dem schwarzen Schwan Ausschau, der angeblich hier lebt. Mit ihm geht es mir wie mit Sternschnuppen: Jeder, den ich kenne, hat schon welche gesehen. Nur ich nicht. Obwohl oder vielleicht auch weil ich ständig danach Ausschau halte.
Der schwarze Schwan zeigt sich auch jetzt nicht, natürlich nicht. Stattdessen spüre ich, wie mir etwas von hinten ins linke Schulterblatt pikst.

Noch bevor ich mich umdrehe, nehme ich seine Präsenz wahr: „Hallo, Tod!“, grüße ich ihn und werfe ihm über meine rechte Schulter einen Blick zu.

„Long time no see“, raunt er, „Hast du dich vor mir versteckt?“
„Ich hatte erst mal echt genug von dir, alter Freund, wirklich schön war´s nie mit dir!“

Er steht im Abstand von zwei Metern hinter mir. Er sticht mich mit dem Ende eines dürren, langen Asts in den Rücken. Der Tod trägt einen schwarzen, langen Umhang – und eine Atemschutzmaske.

„Tod, du bist schon tot – wieso vermummst du dich? Wovor willst du dich schützen?“, frage ich verblüfft. „Ich schütze nicht nur mich, sondern auch dich“, darth-vadert er mir zu. „Das musst du mir erklären“, fordere ich ihn auf, „vorletztes Jahr noch saßen wir Seite an Seite unter dem Baum und haben zusammen Kirschkerne gepflanzt! Wieso glaubst du, bist du jetzt gefährlicher?“

„Ich sterbe, mein Atem ist jetzt vergiftet, er beinhaltet kein Leben mehr. Ihr macht euch vor, unsterblich sein zu können, wenn ihr mich zum Feind erklärt“, sagt er, und ich glaube, einen Anflug von Traurigkeit im Tod zu erkennen. „Ihr habt mich gejagt, umstellt und erlegt. Plötzlich habt ihr mich aus eurem Leben verbannt, gaukelt euch vor, mich töten zu können. Ihr habt mich zum Feind gemacht und vergesst dabei euer Leben. Doch das Leben und ich, wir bedingen einander. Löscht du das eine aus, vernichtest du das andere. Im Tauschhandel eurer Existenz sind wir die zwei Seiten der selben Münze. Aus Angst, euer Leben zu verlieren, lebt ihr es nicht mehr.“

„Wieso war das früher anders?“, will ich von ihm wissen, und er zuckt lapidar mit seinen knöchernen Schultern. „Wenn du genug gelebt hast, reicht es aus. Du bist genährt, gesättigt. Das, was du nicht kennst, macht dir keine Angst. Nur, wenn du im Leben hungerst und glaubst zu wissen, dass du im Tod ewig leidest, hältst du am Hunger im Leben fest.“

Ich denke zu verstehen: „Wir halten uns heute im Leben die Lebendigkeit vor. Und projizieren diese Starre, diese Kälte auf dich.“

Der Tod nickt: „Wenn der Tod tot ist, lebt das Leben nicht. Eure menschliche Wahrnehmung ist kontrastfixiert. Nur wenn ihr Gegenteile kennt, nehmt ihr Existenz wahr. Tötet mich nicht, lasst euer Leben leben!“
Bevor es zu pathetisch wird, klopfe ich mit der flachen Hand auf den Boden neben mir, und der Tod breitet seinen Mantel aus. Doch er trickst mich aus, täuscht nur an, wirft mir etwas Weiches und doch Festes zu. Es trifft mich unerwartet am Kopf, mein Körper schreckt zurück, Wie ein Käfer strande ich auf dem Rücken, und etwas bedeckt mein Gesicht. Ein vage vertrauter Duft kitzelt mich in der Nase.

„Kirschkernkissen!“, lacht der Tod, „Unsere gepflanzten Kerne treiben eh nicht mehr aus. Halt dich warm - zu irgendwas ist alles gut!“

 

Mehr zum Kirschenessen mit dem Tod und andere Begegnungen mit der anderen Seite gibt’s hier:

Kirschenessen mit dem Tod, Teil 1

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/88-eine-parabel-kirschenessen-mit-dem-tod.html

Kirschenessen mit dem Tod, Teil 2

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/87-kirschenessen-mit-dem-tod-teil-2-zwiegespraech.html

Schattenboxen mit dem Tod

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/86-schattenboxen-mit-dem-tod-die-schnecke-an-der-leine.html

Ich werde Playmate für Radiologen

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/101-tanzen-mit-dem-tod-oder-ich-werde-playmate-fuer-radiologen.html

Bilder des Todes, ein Wimmelbild im Leben

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/103-bilder-des-todes-ein-wimmelbild-im-leben.html

Sanschlöserbauen mit dem Tod

https://hypnotherapie-augsburg.de/15-blog/endlichkeit-des-lebens/111-sandschloesserbauen-mit-dem-tod.html