Wir sitzen uns am Tresen gegenüber, lässig lehnt er an der Bar, es scheint ihn nicht zu stören, dass er sich mit dem rechten Ellenbogen in verschüttetem Bier abstützt.

Er greift sein Glas, nimmt einen tiefen Schluck, dann knallt er den Krug so fest auf, dass Schaum über den Rand auf den Untersetzer spritzt. Er kneift die Augen zusammen, schaut mich an und stopft sich eine Handvoll der Erdnüsse, die auf einer Schale auf der Theke stehen, in den Mund.

„Los, mach´ was draus!“ will sein Blick mich provozieren. „Rette deine Liebe über mich hinweg! Wie war es denn all die Male, als ich dich zum Tanz aufforderte, dich in den Armen hielt, dir die, du liebtest, aus den deinen riss? Als du am Grab zurückbliebst, ohne Glaube, ohne Halt, weil jeder, irgendwann, gegen mich verliert, selbst der, den du potentiell noch lieben kannst? Wie war es, als du um das Leben deiner Menschen bangtest, als Hoffnung gegen die Wirklichkeit verlor?“

Ich blicke ihm in die erstarrten Augen, verliere mich in ihrer unendlich verwüsteten Weite. Wie einsam muss er sein, der Tod, der uns besuchen kommt.

Wie oft schien die Welt in der letzten Zeit den Atem anzuhalten, erschauderte angesichts des Elends und Leids, das wir Menschen vollbringen? Wie oft dachten wir, die Gewalt nimmt nie ein Ende?

Wie leicht ist es, Hass mit Hass bekämpfen zu wollen, wie einfach scheint es, zum Gegenschlag auszuholen – immer auf der Suche nach Unsterblichkeit. Wie schwer ist es, auch im Unrecht, auch umgeben und betroffen von Gewalt und Terror, nicht auf die falsche Seite zu wechseln, wie schwer ist es, weiter an Werten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit festzuhalten.

 

 

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Der Tod ist unser nicht immer stiller Begleiter. Bei allem, was wir tun, schaut er uns über die Schulter – wir haben ihn zu fürchten gelernt statt ihn als Richtungsweiser, als Beschützer, als Friedensstifter zu sehen.

Wenn wir hinhören statt ihn zu überschreien, hören wir ihn raunen:

„Schließe Frieden in deinem Leben mit dem, was ist.

Zögere nicht, aus deinem falschen Stolz heraus, ehrlich und aufrichtig zu sein – zu all den Menschen, in all den Beziehungen, in denen du lebst. Es sind Begegnungen mit anderen, die lebendig halten. Lass all die wissen, die dir wichtig sind, dass sie in deinem Herzen sind – lass all die los, lass sie gehen, die nur Statisten in deinem Leben sind, löse dich von denen, die dir nicht Gutes wollen.

Biete denen, dir dir bedeutsam sind, das Geschenk deiner Lebenszeit an – wenn sie es ausschlagen, kannst du dennoch im Gleichgewicht mit dir selbst sein. Zeig einem anderen, was er dir bedeutet, was er dir bedeuten kann – auch, wenn du für ihn unbedeutend bleibst, hast du deiner Lebendigkeit damit Recht getan.

Lebe so, dass keine Rechnung offen bleibt, wenn du dich abends schlafen legst. Verhalte dich so, dass dir nichts zu bedauern bleibt. Höre auf, für ein Morgen zu leben, das vielleicht nie kommt, nimm dir heute, nimm dir jetzt Zeit, für das, wovon du willst, das es bleibt. Nicht das, was du tust, wirst du am meisten bedauern – das, was du nicht getan hast, wiegt viel mehr.

Lebe so, dass du in deinem letzten Moment niemanden mehr noch irgendetwas mitteilen wolltest oder müsstest, eine Handlung noch unvollzogen bleibt.

Ich bin der Spiegel deines Lebens – in mir wirst du dir selbst begegnen. Lebe so, dass dein letzter Gedanke „Jetzt ist es gut so“ sein kann.“

Ich will zu ihm hinübergreifen, seine knochige Wange tätscheln, beruhigend auf ihn einflüstern: „Du bist nicht allein. Du darfst hier sein, stoß mit mir auf das Leben an.“ Doch meine Hand, die sich zu ihm hebt, verharrt haltlos mitten in der Luft – bewegt sich weiter vorwärts, berührt ihr eigenes Spiegelbild. Die Kälte des Abbilds beginnt sich zu erwärmen.

 

Komm mit mir, lass uns leben – jetzt.