Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

Sehnsucht zu haben bedeutet jedoch, dass ich an die Existenz dessen, wonach ich mich sehne, glaube. Ich spüre also, dass es etwas gibt, wonach ich streben kann – und dass ich es erreichen kann. In dieser Erkenntnis liegt auch Viktor Frankls Aufforderung, Stellung zu beziehen – Stellung dem Schicksal, auch dem nicht gewollten, gegenüber. Hierin liegt deine Freiheit: Du kannst dich jederzeit (er-)finden.

Heute, so viele Jahre später, habe ich in der Philosophie (und Psychotherapie entspricht für mich angewandter Philosophie) nicht nur seit langem meinen Beruf, sondern meine Berufung gefunden. Doch welche Sehnsucht steckt dahinter?

Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie, ging von der humanistischen Grundhaltung aus, dass das „Ich am Du“ wird – dass wir alle von der Sehnsucht nach einer wahren, einer authentischen Ich-Du-Beziehung bewegt sind. Wir benötigen, um unser wahres „Selbst“ verwirklichen zu können, ein Gegenüber, das uns ohne Maske gegenüber tritt. Ein Gegenüber, bei dem auch wir unsere Maske fallen lassen können.

Wenn Rogers noch annahm, dass es niemanden in diesem Leben gelingen kann, zum vollständig kongruenten (stimmigen) Erleben (das Erleben, das ermöglicht, alles, was sich zeigt, wertfrei anzunehmen) zu gelangen, meine ich, dass in unserem letzten Moment unsere tiefste Sehnsucht (also unser Traum) erfüllt ist – in dem Augenblick, in dem wir finden, was wir suchten, können wir, friedvoll, gelassen, ein letztes Mal ausatmen.

Die echte Begegnung zeigt sich mir am besten in einem Bild – es beschreibt für mich den Moment, in dem wir in gegenseitiger Bedingungslosigkeit echt sein können – der Moment, in dem sich Eros, Philia und Agape begegnen (Blog: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen).

Aneinander gelehnt blickt ihr schweigend hinaus aufs Wasser, keiner muss sich stärker oder leichter an den anderen lehnen, ihr braucht euch genauso viel und genauso wenig, keiner braucht den anderen mehr. Alles ist gesagt, Worte müssen keine Brücke mehr zwischen euren Wirklichkeiten bauen.

Bildquelle: eigene Aufnahme

Das Leben eines Traums setzt voraus, dass wir erkennen, was wir beeinflussen können: In ACT (der Akzeptanz- und Commitment-Therapie) orientieren wir uns am „Gelassenheitsgebet“: 
"Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Im Herausfinden des Unterschieds irren wir oft, straucheln und stürzen.

Doch fliegen lernst du, indem du fällst und vergisst, auf dem Boden aufzuschlagen. Mach´ alle Fehler jetzt – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und wenn du es noch nicht gefunden hast, dein Gegenüber, das dichwirklich sieht, das dir ermöglicht, loszuziehen, um das zu finden, was du liebst, dann sei dir sicher, dass auch es dich sucht. Ihr werdet euch finden.

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