Liebe

Seit beinahe jeder ein Smartphone hat, hat die Psychotherapie eine zusätzliche Herausforderung und eine zusätzliche Chance gewonnen: Während es noch vor zehn Jahren durchaus möglich war, eine Stunde fokussiert auf der zugrunde liegenden Musterebene dysfunktionale Glaubenssätze zu beleuchten, unterbricht heute ein Piepsen des Handys häufig genug die Konzentration. Insbesondere, wenn zwischenmenschliche Konflikte im Vordergrund stehen (und das tun sie in der Psychotherapie meist), braucht es oft Überzeugungsarbeit, um das Gerät nicht in Sichtweite auf dem Tisch zu parken.

Und doch steckt auch ein Vorteil in der immerwährenden Erreichbarkeit: Wir Therapeuten können quasi als Verhaltensbeobachtung in vivo bezeugen, wie unser Klient auf Nachrichten reagiert, wie er kommuniziert. Und damit direkt intervenieren. Wir können den Klienten unterstützen, wenn er uns aufgelöst sein Smartphone unter die Nase hält und aufgeregt auf die blauen Haken hinter seiner gesendeten Nachricht

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Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

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Als wir jung waren, war es bei vielen von uns „in“, sich so unabhängig zu fühlen, dass keiner von uns sich je vorstellen konnte (oder es zugegeben wollte) ein „ganz normales Leben“ zu führen. Heirat, Kinder, Haus und einmal im Jahr an den Gardasee stellte sich uns als unbedingt zu vermeidende apokalyptische Fiktion dar.

Einige von uns lösten sich von der postpubertären Rebellionshaltung (jede Generation will es zunächst mal anders machen als die Eltern – und, mal ehrlich: Wer von uns ist in einem wirklich heilen Elternhaus aufgewachsen? Wer erlebte denn wirklich mit, dass eine Beziehung für ein ganzes Leben im GUTEN gedacht sein kann?) schon mit Mitte zwanzig und versuchten sich im Erwachsensein. Andere perfektionierten ein groteskes „Ich versuche mal eine Beziehung“-Verhalten. (Denn es ist nie schwer, eine Affäre zu beginnen – schwer ist, die Nähe, die sich in einer Beziehung entwickeln kann, auszuhalten.) 

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Wer versucht, auf seine ersten Lebensjahre zurückzublicken, schaut in ein schwarzes Loch: Es muss kein düsterer Abgrund sein, der sich da auftut, und doch erhellt kein Licht die Vergessenheit. Es ist unmöglich, sich bewusst an die ersten Jahre zu erinnern. Das Gehirn ist erst ab dem 3. Lebensjahr überhaupt in der Lage, Erinnerungen abzuspeichern. Und doch prägt uns diese Zeit sehr.

So bestimmen die Beziehungserfahrungen dieser Zeit, welche (und ob überhaupt) Bindungen wir im Laufe des Lebens eingehen, welche Beziehungsmuster sich ausprägen. 
Untersuchungen zeigen, dass ca. die Hälfte aller Kleinkinder im Alter von bis zu vier Jahren sicheren Bindungstypen entsprechen. Die zweite Hälfte teilen sich vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert gebundene Bindungstypen. Das meint, dass ca. 50 Prozent der Menschen auch als Erwachsene sich schwer tun, stabile, ausgeglichene Beziehungen einzugehen.

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„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

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Einsamkeit schleicht sich immer dann von hinten an, wenn wir uns klein, wenn wir uns hilflos fühlen. Selbst inmitten vieler Menschen kann sie dich umzingeln – wieder einmal bist du in einen Hinterhalt gelangt. Du könntest zum Telefonhörer greifen und deinen Liebsten anrufen, doch nur, um des Nachbarn Zwergkaninchens Probleme zu hören. Würde dies das Schreien deiner Gedanken übertönen?

Als ich kürzlich als Ersthelfer bei einem furchtbaren Unfall in Wien war, verlor ich mich später, viel später in den Fluten der Nacht. Es ergab keinen Sinn mehr, noch auf die Party zu gehen, auf der ich Freunde hätte treffen können, mein Pensionszimmer erschien mir als Schrein.

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„Was ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet,was er ist. [...]“ gibt uns Viktor Frankl mit auf unseren Weg. Ebenso legt er uns nahe, all unsere Forderungen nach einem guten, erfüllten Leben aufzugeben, uns vielmehr zu fragen, was das Leben von uns fordert. 
Was fordert es von uns? 
Können wir dabei stehen bleiben, zahlreiche Momente anzusammeln, die sich als Erfüllung tarnen? 

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Ich kenne kaum jemanden, dem 2016 wirklich wohl gesonnen schien – Dieses Jahr war voller Schmerz, ein jeder hatte seinen eigenen Dämonen gegenüberzutreten. Schuld, Leid und Tod traten aus dem Schatten heraus, führten uns die Endlichkeit vor Augen, erinnerten uns daran, wie wenig Zeit bleibt, um sich auszusöhnen.

Halte einen Moment inne, betrachte die, denen du noch vergeben sollst – ist es nicht das, was du auch von den anderen dir wünscht?

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Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

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Es ist Zeit: Zeit, zurückzuschauen. Einen Augenblick nur, bevor wir uns umdrehen, der Zukunft zu, die wir mit jedem Atemzug gegenwärtig machen. Es ist Zeit: Zeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Altlasten über Bord zu werfen – behalte stets nur das, was du auch tragen kannst. Was brauchst du wirklich, um du selbst zu sein?

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Bedeutungsschwanger trällern die Spatzen ihr Lied vom Neubeginn in die noch kühle Abendluft. Sie scheinen mit dem torkelnden Stimmengewirr, das vom nahen Frühlingsfest herüberdringt, um meine Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Gedankenleer und ausgesprochen lasse ich meinen Körper wandeln und sehne mich nach allem und nach nichts.

Was ist das Gegenteil von allem? Ist es nichts? Oder ist es etwas? Wenn nichts existiert, und sei es nur als Gegenpol, hört es dann nicht damit auf, nichts zu sein und wird zu etwas?

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Der Sommer ist beinahe vorbei und wie jedes Jahr zu dieser Jahreszeit drehen sich viele meiner Patientengespräche um die Liebe (und artverwandte Unpässlichkeiten): Viele Beziehungen überlebten den gemeinsamen Urlaub nicht, so manchen Flirt in der heißen Sonne kühlte das Air Conditioning im Flugzeug nur allzu schnell wieder herunter. Den Dauersingles ist wieder einmal ein Sommer entwischt, nun droht schon der Herbst mit seiner Endgültigkeit. Doch eine Restgruppe hadert noch mehr als die anderen: Es sind die Menschen, die eine Sommerliebe fanden und nun vor der Entscheidung stehen, sich auf einen Beziehungsversuch einzulassen. Oder doch lieber gleich Rilkes „Herbsttag“ zur Hand zu nehmen:

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„Jeder hat sein Auschwitz“, entgegnete Viktor Frankl einmal auf die Frage nach der Authentizität seiner Schüler. Er selbst schließlich sei glaubwürdig, weil er durch das Leiden hindurch gegangen sei, während seinen Schülern eine auch nur ansatzweise vergleichbare Qual erspart blieb. Wie aber kann einem Menschen mit einem 08/15-Lebensweg geglaubt werden, wenn er davon spricht, dass die letztmögliche Freiheit des Menschen stets darin besteht, sein Leiden in Würde zu schultern und „trotzdem ja zum Leben“ zu sagen?

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„Weil es einfach kompliziert ist, eine Beziehung zu führen!“ beantwortete mein Supervisor meine eigentlich nur rhetorisch gestellte Frage, weshalb Beziehungsgestaltung denn so schwierig sei. Ich hatte eine Praxiswoche voll dramatisch klingender Beziehungsthematiken hinter mir und verzweifelte am Verzweifeln meiner Klienten: Viele von denen, die in einer Beziehung sind, wünschten, sie wären es nicht und viele meiner Single-Klienten sehnen sich nach einer solchen. Internet-Dating und Co. sorgen heute zuverlässig für gebrochene Herzen und blaue Flecken auf der Seele – all die Möglichkeiten, seine tiefsten Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen, auf ein Foto am Bildschirm und einige wenige getippte Worte, zu projizieren – und wie kalt das Erwachen aus dem romantischen Stilisieren des Flirtpartners zum ewig Erwarteten! Kein solches Bild hält dem Abgleich mit der Realität stand. Natürlich bricht diese Scheinwelt bald zusammen, und damit fühlt es sich für den enttäuschten Liebenden an,

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"Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. [...] Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker dieser Liebe zu sein." 
(aus: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker, btb, S. 26) 

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Meist ist es ein langer Weg in der Therapie, die Selbstreflexion so weit voran zu bringen, dass die eigenen Gefühle, Bewertungen und Bedürfnisse nicht nur wahrgenommen werden können (und hier gilt es, zahlreiche dysfunktionale Glaubenssätze aufzuspüren und aufzulösen), sondern auch verbalisiert werden können.

Es braucht Mut, sich selbst auf die Schliche zu kommen, und noch mehr Mut, sich in seiner „Schwäche“ mitzuteilen. Denn es hat ja einen (nicht immer guten, aber doch stets triftigen) Grund, so lange Zeit das eigene Erleben verzerrt zu haben. In der Regel liegt dieser Grund in den Bewertungsmustern, die wir uns angeeignet haben (die wir uns aneignen mussten), um unser „Ich“ zu definieren. Aus diesen Bewertungen entstand der Wert, den wir uns selbst und unseren Mitmenschen zu schreiben: Doch Leben, Menschen, Sein einen bestimmten Wert zuzuschreiben, stellt die erste und eigentliche

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Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

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Kürzlich, während eines mehrtägigen Seminaraufenthalts, lief ich morgens immer dieselbe Strecke: Für meine Runde, die 8,2 km betrug, habe ich stets eine vergleichbare Zeit gebraucht. Doch dann, als ich eines Morgens wie gewohnt nach meiner Laufrunde auf meine Uhr blickte, zeigte sie mir 10,2 km in der gleichen Zeit an. 
Natürlich ist klar, dass sich das Raumzeit-Gefüge wohl kaum plötzlich verschoben hat, sondern dass meine Uhr sich „verzählte“. 
Und doch stolperte ich gedanklich über den Sprachgebrauch: Ich wunderte mich, weshalb wir von „dasselbe“ und „das gleiche“ bzw. weshalb wir von derselben Strecke, aber von der gleichen Zeit sprechen.  „Dasselbe“ setzt eine Identitätsbeziehung – „Das gleiche“ jedoch nicht.

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