Tod

Ich halte deine Hand mit der viel zu groß gewordenen Haut, die lose und faltig um deinen Handrücken liegt. Wann hast du all diese Altersflecken bekommen, frage ich mich und meine Lippen rezitieren von selbst die medizinischen Bezeichnungen, Lentigines Seniles, aber ich mag die Alternative, Lentigines Solares, viel, viel lieber, und ja, es passt mehr: Wir haben jeden Sonnenstrahl genutzt, haben uns zu Kindern der Sonne gemacht, damals, als wir noch glaubten, ich ginge vor dir. Ist das wirklich erst so wenige Wochen her?

Deine Hand ist kühl, nein, sie ist eiskalt, sie fühlt sich nicht mehr wie deine Hand an, wie sie hier reglos, leblos, in meiner Handfläche ruht, und während durch die offenen Balkontür Baulärm hereindringt, ein Vogel scheint den Presslufthammer mit seinem Gezwischter imitieren zu wollen, Mimikri der Moderne, es wirkt wie ein groteskes Konzert, bei dem der Dirigent zuverlässig falsche Taktstockzeichen gibt, und ich merke, dass ich schluchze. Wo sind sie hin,

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Ich sitze am kalten, feuchten Kiesstrand und halte nach dem schwarzen Schwan Ausschau, der angeblich hier lebt. Mit ihm geht es mir wie mit Sternschnuppen: Jeder, den ich kenne, hat schon welche gesehen. Nur ich nicht. Obwohl oder vielleicht auch weil ich ständig danach Ausschau halte.
Der schwarze Schwan zeigt sich auch jetzt nicht, natürlich nicht. Stattdessen spüre ich, wie mir etwas von hinten ins linke Schulterblatt pikst.

Noch bevor ich mich umdrehe, nehme ich seine Präsenz wahr: „Hallo, Tod!“, grüße ich ihn und werfe ihm über meine rechte Schulter einen Blick zu.

„Long time no see“, raunt er, „Hast du dich vor mir versteckt?“
„Ich hatte erst mal echt genug von dir, alter Freund, wirklich schön war´s nie mit dir!“

Er steht im Abstand von zwei Metern hinter mir. Er sticht mich mit dem Ende eines dürren, langen Asts in den Rücken.

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Frustriert betrachte ich mein dürres Mandelbäumchen: Versuchsweise breche ich ein Ästchen ab. Es ist trocken, abgestorben, der letzte Frost hat es eingehen lassen. Ich setze mich ins kalte, feuchte Gras, wünsche, ich könnte mich schrumpfen lassen, um mich dann an das Stämmchen anzulehnen. Ich möchte mich verwinzigen, in einem Dickicht untergehen. Wenn ich klein wie ein Marienkäfer wäre, käme ich mir wie im Urwald vor.

Ich rieche Rauch, rümpfe die Nase, „Du rauchst wieder?!“ fauche ich dem Tod entgegen, als er sich neben mich setzt. „Nur Zigarillos“, grient er mich an und klemmt sich den Stummel in seine Schneidezahnlücke.

„Wie ist der Status?“, will er wissen: „Wir haben uns länger nicht gesehen!“.

„Was heißt länger?!“, ich bin genervt, „Glaubst du echt,, dass irgendjemand täglich mit dir zu tun haben mag?“

„Ich

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In der Ferne muss ich mich verlieren, um dich zu finden. Ich schicke mein wanderndes Herz in die Steppe der Nacht, hatte ein Ziel vor Augen, umkreiste mottengleich das Licht. Wie eine künftige Momentaufnahme meines Seins, und was doch dort fehlen wird, ist dein müdes, sanftes, dünnes Lächeln, das mich erst in die Welt entsandte, weil ich es verlor. Weil es mir abhanden kam wie anderen Menschen der Briefkastenschlüssel, weil ich es vergaß, wie einen Handschuh liegen ließ, meist den rechten, weil es mir genommen war, weil du starbst. Und immer noch, nach all der Zeit, werden meine Augen feucht, kann denn jemals jemand auch vergessen? Und alles in mir sehnst sich nach dir, nach deinen Armen, deiner knochigen Schulter, deine Größe, die es mir erlaubte, mich in ihr zu verbergen. All die Momente, in denen du mir deine Welt eröffnetest, all das Kleine war so groß, unwiederbringlich heute klein geschrumpft. Und wenn ich nun beim Betreten dieses Kellers, ganz automatisch, meinen Arm nach

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„Was würdest du tun“, fragt mich ein Freund, „wenn du genau wüsstest, dass morgen der letzte Tag deines Lebens wäre?“ Ich habe ihn erst vor kurzem kennengelernt, als er, desorientiert und in Aufruhr, durchs Klinikum irrte. Er begleitete seine Mutter zur Tumorsprechstunde und suchte die Radiologie. Ich zeigte sie ihm, und während seine Mutter eine weitere Untersuchung über sich ergehen lassen musste, gingen wir einen Kaffee trinken – und freundeten uns an. 
Er ist Statistiker – doch in diesem Fall tut ihm sein Wissen kaum Gutes. Denn, was als Zahlen relativ positiv wirkt: „Im Durchschnitt überleben 80 % der Frauen mit Brustkrebs die nächsten 5 Jahre und über 70 % die nächsten 10 Jahre. 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr, 17.000 sterben pro Jahr daran“ wirkt gleich ganz anders, wenn wir an den Einzelfall denken. Was ist, wenn du zu den 20 Prozent gehörst, die es eben nicht über die nächsten 5 Jahre schaffen? Wenn du eine der 17.000, die es nicht schaffen, bist?

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