Blogs zur Liebe

Wieder mal sitzen wir uns in unserer Stammkneipe gegenüber, schieben uns Blicke und Worte zu. Ab und zu tunken wir einen Satz in die Schaumkronen des Stouts, weil wir das Schimmern der nassen Wörter im dämmrigen Tresenlicht bewundern wollen. Und dann, ja, dann spielen sie Razorlights „wire to wire“, tu canción favorita de antes, dein Lieblingslied von früher, als du so geliebt und so gelitten hast. Du pflückst dir ein „ooohhh“ aus der Luft, mit feuchten Augen summst du mit:
„What is love but the strangest of feelings?
A sin you swallow for the rest of your life?
You've been looking for someone to believe in
To love you, until your eyes run dry.“
Ich hebe auffordernd eine Augenbraue, jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen. Es gibt nichts zu bedauern, es gibt keinen Schmerz zu antizipieren. Dein Trauern jetzt hilft nicht, zukünftigen Kummer zu erleichtern. Also halte ich mit Héroes del Silencio und „entre dos tierras“ dagegen,
„Déjalo ya
No seas

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Wenn du dich nur bewegen kannst, sagst du, bist du schneller: Schneller als deine Erinnerungen, die wie ein an der Oberfläche träger, innen brodelnder Lavastrom dahinfließen, alles mitreißend, was sich da noch traute zu wachsen.

Jetzt seist du in dieser erzwungenen Entschleunigung, in diesem Allein- und Auf-dich-Zurückgeworfensein wie ein ausgebremster Hunt, auf dessen Schienen dicke Holzklötze ihn zum Stehen brachten, und dass du nicht mal wüsstest, woher du den Namen dieser alten Kohlewagen kennst, mit der Eisenbahn hättest du wenig am Hut.

Und du zwinkerst deine Angst kurz weg, erzählst weiter: Dass, wenn du nicht aufpasst, sich aus dem mäandernden Glutfluss eine Erinnerung erhebt, wie eine Hand aus einem Grab um Mitternacht nach dir greift, und du siehst eine harte Faust, oder das Funkeln einer Gürtelschnalle, oder ein fratzenhaft verzogenes Gesicht, und du hörst all die Beschimpfungen, „du fette faule Sau“, „du stinkende Kuh“, und noch viel Schlimmeres,

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„Liebst du mich?“, fragst du, und ich höre das Klirren des zerbrechenden Glaskolbens, womit nun die radioaktive Substanz, die die Katze töten wird, freigesetzt wird.

Ich starre auf die Maserung des Holztisches, der in seiner kombinierten Wucht und Zierlichkeit so wertvoll wirkt, ein Beben erscheint die Flüssigkeit in Glas zu erfassen, der Rotwein wellt wie eine blutige See, schlägt konzentrische Miniaturkreise.

Wir beide wissen, was die Frage bedeutet, wir beide wissen, wie ich sie beantworten muss. Und doch musstest du sie stellen. Weshalb?

Ich schaue auf deine linke Brusttasche, direkt am Herz, durch das schimmernde Grau des Hemdenstoffs zeichnet sich die quadratische Schachtel ab. 5x5 cm, schätzt mein Hirn ohne Aufforderung ab, irgendwann hat es sich angewöhnt, Größen, Längen, Distanzen automatisch zu kalkulieren. Ich bin ziemlich gut darin geworden, ohne es zu wollen, immer wieder sind Menschen überrascht, wenn ich bei Wegbeschreibungen eine Anweisung

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„Ah, ich wollte dich auch gerade anrufen, das ist ja Telepathie“, ruft mein Lieblingsmensch ins Handy, und ich muss grinsen. Früher hätte ich jetzt eine Diskussion gestartet, wie achtlos ein derartiger Sprachgebrauch ist, wie fahrlässig es ist, simple Koinzidenzen, Zufälligkeiten, metaphysisch, schlimmer noch; esoterisch, zu deuten, und, überhaupt, wie es sein kann, dass ein Wissenschaftler sich nicht klar darüber ist, dass Sprache unser Denken und sogar unsere Wahrnehmung beeinflusst. Jetzt grunze ich nur ein wenig und lächle dabei, er versteht schon, was ich damit meine, wir kennen uns gut genug (und mir ist durchaus klar, wie anstrengend meine Sprachgenauigkeit jenseits der Psychotherapie sein kann - in der Psychotherapie ist sie ein Wundermittel. An Worten können wir heilen, wenn es die richtigen sind.)

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Es scheint eine Zeit, in der Solidarität hoch gepriesen und kaum gelebt wird. Eine Zeit, in der du durch die stillen Straßen eilst und Passanten sich, sollten Wege sich kreuzen, Ausscherspuren durch den Matsch am Wegesrand pflügen. Du versuchst, einen Blick mit einem Lächeln einzufangen, doch jeder hat seinen Kopf längst in die andere Richtung gedreht – sogar Hunde, die an einer Schleppleine laufen, werden als potentielle Gesundheitsgefährder mit zusammengekniffenen Augen und zusammengepressten Lippen beäugt. Die Welt hat wieder einen Feind und zieht sich zusammen, macht sich klein: Grenzen sind hochgefahren, Gesichter verdeckt, alles, was hineinlassen könnte, Landesgrenzen, Türen, Fenster, Nasenlöcher, Münder, Augen und Ohren werden verengt und abgedeckt.

Zettel kleben an Türen: Nachbarschaftshilfe wird ausgelobt. Menschen, die für andere einkaufen würden, selbstverständlich kostenlos.
Zettel kleben an den Supermärkten: „Abstand halten, mindst. 1,5 m“. Und die

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Adventszeit: Wer sich die Zeit nimmt hinzusehen, beobachtet uns Menschen durch die Straßen hetzen. Wir rempeln andere an, streiten um einen Parkplatz, fluchen übereinander. Das Ziel, Besorgungen zu erledigen, treibt uns alle an - um anderen Menschen, irgendwann, bald, ein Geschenk zu machen.
Wer sich die Zeit nimmt innezuhalten, sieht auf dem Weihnachtsmmarkt uns Menschen sich in der Schlange am Stand vordrängeln. Wir beschimpfen andere, kämpfen um einen Sehplatz am Tisch, wollen schnell, schnell Glühwein kaufen – um unsere Freunde einzuladen und mit ihnen gesellig zusammen zu sein.

Was ist geschehen, dass wir derart selektieren? Dass wir die Dichotomie „Das ist Freund – das ist Feind“ so nötig haben? Wie kann es sein, dass wir mit der Hoffnung, in einigen Wochen ein „danke“ von jemandem zu hören, jetzt den Menschen neben uns zur Seite stoßen?


„Niemand nimmt Rücksicht“, höre ich oft, oder: „Den letzten beißen die Hunde!“ „Wer sich nichts nimmt, kommt zu

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