Bedeutungsschwanger trällern die Spatzen ihr Lied vom Neubeginn in die noch kühle Abendluft. Sie scheinen mit dem torkelnden Stimmengewirr, das vom nahen Frühlingsfest herüberdringt, um meine Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Gedankenleer und ausgesprochen lasse ich meinen Körper wandeln und sehne mich nach allem und nach nichts.

Was ist das Gegenteil von allem? Ist es nichts? Oder ist es etwas? Wenn nichts existiert, und sei es nur als Gegenpol, hört es dann nicht damit auf, nichts zu sein und wird zu etwas?

Ich vermisse. Was das ist, vermag ich nicht zu sagen. Ist es das Schweigen, das ich teilen kann? Die Hand, die meine hält? Ist es das leise Nicken, das mir wortlos „Ich verstehe dich“ sagt?

Dort vorne fordern drei Polizisten die Ausweise von zwei Nordafrikanern. Missmutig kramen sie sie aus den Discounter-Plastikbeuteln hervor. Einige Meter weiter müht sich ein betrunkenes Paar in einer Umarmung ab. Und meine Füße tragen mich weiter.

Der Unterrichtstag war lang – die selbsterkennenden Tränen einiger Teilnehmer hallen noch wie das Echo von Regentropfen in einer leeren, nassen Schlucht in meiner Seele nach. Es dunkelt und Kälte kriecht über den Fluss heran.

Wie viele Menschen liegen heute Nacht wach, wie gelähmt ihren Dämonen ausgeliefert? Wie oft werden sie sich selbst, verzweifelnd-sinnloser Versuch des Trosts, mit dem Gesicht in den Decken zuraunen müssen: „Auch die längste Nacht geht irgendwann vorbei!“? Wie vage und flüchtig doch die Erinnerung einer haltenden Hand ist...

Bildquelle: fotolia.de

Zehn gute Erfahrungen mit Menschen reichen nicht aus, um eine schlechte zu kontrastieren. Was kaputt geschlagen ist, heilt vielleicht nie ganz. Wunden vernarben, die Angst zieht sich zurück und lauert, geduldig ausharrend, auf ihren Moment der Nacht. Dann kriecht sie langsam aus ihrer Deckung, packt den Schlafenden am Hals und drückt zu. Dann erwacht er, wie betäubt von seiner Atemlosigkeit. Was bleibt ist auszuharren, die Minuten zu zählen, bis die Helligkeit des Tages in das Zimmer scheint.

„Gott liebt dich“ lese ich an der Brückenmauer in roter Schrift.

Gott liebt mich, sagst du dir, und fragst dich: „Doch weshalb finde ich ihn nicht?“

Und irgendwo gibt es einen Menschen, in dessen Seele du wohnst, der dich in Gedanken festhält und immer und immer wieder geduldig dir sagt: „Ich bleibe, ich gehe nicht weg, egal, was du machst.“

Ja, das Leben schlägt uns Narben. Wir können sie stolz als Signatur unserer Lebendigkeit tragen.

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