In der Ferne muss ich mich verlieren, um dich zu finden. Ich schicke mein wanderndes Herz in die Steppe der Nacht, hatte ein Ziel vor Augen, umkreiste mottengleich das Licht. Wie eine künftige Momentaufnahme meines Seins, und was doch dort fehlen wird, ist dein müdes, sanftes, dünnes Lächeln, das mich erst in die Welt entsandte, weil ich es verlor. Weil es mir abhanden kam wie anderen Menschen der Briefkastenschlüssel, weil ich es vergaß, wie einen Handschuh liegen ließ, meist den rechten, weil es mir genommen war, weil du starbst. Und immer noch, nach all der Zeit, werden meine Augen feucht, kann denn jemals jemand auch vergessen? Und alles in mir sehnst sich nach dir, nach deinen Armen, deiner knochigen Schulter, deine Größe, die es mir erlaubte, mich in ihr zu verbergen. All die Momente, in denen du mir deine Welt eröffnetest, all das Kleine war so groß, unwiederbringlich heute klein geschrumpft. Und wenn ich nun beim Betreten dieses Kellers, ganz automatisch, meinen Arm nach oben recke, den Lichtschalter erreichen will, stoßen meine Finger an die Decke, weil ich längst schon keine 4 Jahre alt mehr bin.
Was ist mir geblieben von diesem meinen Leben, von all den Jahren, die da vor mir liegen, ohne dich?

Weißt du noch, als wir die Perseiden jagten, und ich keine einzige Sternschnuppe sah? Wie du, ganz sanft, meinen Kopf in deine großen Hände nahmst, um meinen Blick zu führen, und ich blinzelte, und starrte, und schaute in den Himmel. Ohne irgendetwas zu entdekcne außer der Berührung von dir. Erst, als ich dann die Augen schloss und meinen inneren Bildern folgte, da sah ich sie, den Meteoritenschwarm. Und ich frage mich, was geschieht, wenn wir uns, von all der Zuneigung ganz betäubt, zu sehr zueinander neigen, und unsere Zuneigung kollidiert? Wenn unsere Liebe aufeinanderprallt und explodiert? Sind unsere Träume, Wünsche, Zukunftspläne im Auseinanderdriften meteoritengleich, die irgendjemandes Nacht erhellen, ihr einen eigenen Zauber verleihen? Die anderer Hoffnungen schüren, ihm Wünsche erlauben, vielleicht erfüllen? Und wenn wir in diesem großen Nichts umeinander schwirren: Konvergieren, divergieren unsere Pfade? Und sollten sie sich erneut doch zueinander neigen, kann aus dem Nichts etwas Neues, etwas Altes entstehen?

Was ist die Null als großes, allumfassendes Etwas, das alles und doch nichts enthält, weil wir über ihre Umlaufbahn nicht hinausblicken können? Wenn ich heute an dich denke, unser „Uns“ reanimiere, auf meine Lichtung des Bewusstseins hole, dich heute wirklich vor mir sehe, ist das, was gestern war, lange schon vorbei – doch hat es aufgehört zu existieren?

Gewinnt etwas nur dann Existenz, wenn es geboren und bezeichnet wird? Oder tritt es erst dann hervor?

Und wenn ich heute, so viel später, in jemandes anderer Gegenwart die Perseiden schaue (und nicht sehe), ist alles längst so dumpf und leer. Ich weiß, dass dies der allerletzte Abend mit ihm ist, die blaue Stunde, und ich, vor Wochen schon, gegangen wäre, bliebe nicht mein allerletztes Geschenk: Ich warte, dass ER die Worte spricht, dass er der ist, der geht und mich verlässt. Weshalb? Weil ich weiß, dass es für ihn um so viel wichtiger ist als für mich, er kämpft um seine Selbsteffizienz. Und ich frage mich, wann er mich endlich gehen lässt. Doch er nimmt mich noch einmal mit zu sich, weshalb, weshalb, echot es in meinem Kopf, und es dauert, dauert lange, bis ich frei gegeben werde und im Morgenglühen durch die Felder streife, auf einen Schmerz warte, von dem ich weiß, dass er nicht kommt, weil ich ihn vor Wochen schon durchlebte. Nun bin ich frei, und er kann wachsen. Frage nicht nach einem weiteren Geschenk, ich gab genug.