Wer sich in den ersten Januar-Wochen noch nicht gesehen hat, wünscht sich immer noch viel Glück im neuen Jahr. Manchmal frage ich dann, was denn Glück bedeuten mag.

Ist es das für immer unerreichbare Glück des Señor Rossi unserer Kindheit, bei dem nach jedem Kuchenstück, dem Auto, der Reise immer noch eine andere Verlockung die erzielte Zufriedenheit verhindert?

Den Menschen in meiner Umgebung ist es meistens ziemlich klar, welches Stück zum Glück ihnen zu fehlen scheint: manchmal ist es der Traumjob, oft das Unabhängigkeit versprechende Geld, fast immer die große Liebe.

„Wenn ich sie / ihn / es nur endlich finden / erreichen würde, wäre alles gut“ ist der hoffnungsvolle Leitsatz der ewig Suchenden und Leidenden.

Wehe dem, der dieses Ideal vom Glück in unzähligen tragikomischen absurden Versuchen tatsächlich nicht nur jagen, sondern auch erlegen kann - nur, um dann festzustellen, dass weder der Job, noch das Geld und schon lange nicht dieser eine Mensch meine Erlösung bedeuten.

Und doch krallen wir uns an dem fest, was einst unsere Rettung versprach, was heute zumindest noch Sicherheit gibt. Mit beiden Händen klammern wir uns an die Illusion, wohl ahnend, dass wir mit unserer Sturheit unser Elend verfestigen: Statt unser Problem zu lösen, werden unsere Lösungsstrategien selbst zum Problem.

Das einzige, was noch zu tun bleibt, wäre loszulassen.

Loslassen, um endlich die Hände wieder frei zu bekommen, um Neues empfangen zu können.

Doch wie geht das, wie geht Loslassen? Je verzweifelter ich etwas loslassen will, umso mehr halte ich mich daran fest.

Doch irgendwann, irgendwie in diesem Stolpern durch dein Leben, gerade, als du wieder auf einer Eisscholle ausgerutscht bist, du zu stürzen drohtest, vielleicht bist du schon gefallen, da rappelst du dich auf, hebst die Augen, starrst dem Himmel entgegen und schleuderst ihm ein schicksalstrotzendes „Gut, dann ist es nun mal so – auf mich wartet kein großes Glück, das Glück ist für die anderen gemacht. Was soll´s – ich gehe einfach weiter.“

In diesem positiven Aufgeben, dieser sinnerfüllten Resignation hast du verstanden, dass nicht die ich-bezogene Jagd nach dem Glück dein Leben bedeutungsvoll macht. Du bist eben nicht der Nabel der Welt, das Leben hat besseres zu tun, als gerade dich reich zu beschenken.

Du selbst musst deinem Leben Bedeutung geben, dir bleibt nichts übrig, als in der Einsicht, dass es kein Glück von außen gibt, dich der Aufgabe zu stellen, dein Leben dennoch mit Sinn zu erfüllen.


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Schau dich um – worin liegt deine Aufgabe verborgen? Wie würdest du leben, was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass nirgendwo dein Glück, worin auch immer du es vermuten magst, noch auf dich wartet?

Würdest du nicht innehalten, würdest du dich nicht bemühen, in diesem einen Moment für dich zufrieden zu sein? Würdest du dein Augenmerk nicht darauf richten, was du der Welt, dem Leben noch Gutes zu tun vermagst?

Auch aus meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen weiß ich, dass wir nicht nur an Menschen zugrunde gehen – wir finden auch in Menschen Rettung.

Wenn im Alltag ein Ärgernis reicht, um zwanzig angenehme Erlebnissen zu überlagern, ist es bei lang andauernden Traumata umgekehrt: Eine einzige Begegnung mit einem uns wohl gesonnenen Menschen, der uns mit echter Menschlichkeit gegenüber tritt, kann reichen, um jahrelanges Leiden zu kontrastieren. Das, was gut für uns ist, ist allein durch uns bedingt. Manchmal trägt allein ein Blick, eine Umarmung, ein Lächeln, ein Wort, eine Melodie zu unserer Erlösung bei.

Was ist es, was du der Welt geben kannst? Was ist es, was du ihr schon gegeben hast? Du kannst niemals wissen, welcher deiner Sätze diese eine Person in ihrer Not als Mantra erreicht, du kannst nie wissen, welche deiner Noten, die die singst und spielst, für diesen einen Menschen zum Klang wird, der ihn hält, der ihn befreit.

Hör auf, dein eigenes Glück zu jagen – lass all dein sinnloses egozentrisches Streben los. Schau nach oben. Wer weiß, wie viele Sterne, wie viele bedeutungsvolle Augenblicke dir gerade eben in deine offenen, freien Hände vom Himmel fallen.