„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

Willkommen in der neuen Dating-Welt, willkommen auf dem Single-Markt, willkommen im Ausverkauf der Katalogware Mensch.

„Wie lange machst du das denn schon?“ will ich aus echter Neugierde heraus wissen. „Och, ewig – mit den Unterbrechungen für Beziehungsversuche seit vielen Jahren. Da haste ja immer Nachschub, da lässt du dich nicht leicht auf was Festes ein. Was bleibt, ist die Suche nach dem Glück.“ antwortet er.

Wie kann es sein, dass in unserer heutigen Zeit, in der Dating und damit Kennenlernen leichter als je zuvor ist, es umso schwerer scheint, eine echte Beziehung einzugehen? Eine Beziehung, die nicht sofort aufgegeben wird, wenn die beiden Neuverliebten feststellen, dass es eine Herausforderung werden könnte (noch lange keine wirklich IST), die unterschiedlichen Essens-, Sport-, Reise- oder Filmvorlieben unter einen Hut zu bringen?

Wenn morgen ein 3D-Drucker unsere Wunschpartner fabrizieren kann – wie lange wären wir dann zufrieden?

„Eine finde ich ja ganz toll, mit der schreibe ich seit Wochen“, setzt mein Freund fort, „aber ich will sie nicht treffen, denn dann werde ich enttäuscht sein.“

Ich verstehe, was er meint – für Menschen, die verliebt in das Gefühl des Verliebtseins sind, kann die Wirklichkeit selten an die Vorstellung heranreichen: Meinem Freund ist klar, dass er, sollte er die „Ausgewählte“ wirklich treffen, Gefahr läuft, seine (tatsächlich realen) Gefühle für sie zu verlieren. Sie wird anders aussehen, als er glaubt (auch, wenn er selbstverständlich Bilder gesehen hat), sie wird anders sprechen (auch, wenn sie sich schon Sprachnachrichten schickten), sie wird anders lachen, als er sie sich gezeichnet hat, oder vielleicht können sie sich schlichtweg nicht riechen.

Bildquelle: fotolia.de

Eines meiner Lieblingsgedichte ist von Gustavo Adolfo Bécquer, Rima XI – er beschreibt in der letzten Strophe wunderbar die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: „Ich bin Traum, bin nicht vorhanden, bin ein nichtiges Gespinst aus Nebel und Licht, ich bin ätherisch, bin unberührbar. Ich kann dich nicht lieben.“

„Oh, komm´, komm´ du“, lässt Bécquer seinen Helden ausrufen, der die Liebe, die er wirklich erleben könnte, zuvor ablehnt.

Geht es um das? Um das reine traumverhangene Gedankenspiel, das zu echten Emotionen wird? Und um diese Emotionen zu halten, die dem echten Leben nicht mehr standhalten können, muss eben jenes gemieden werden? „Leben in der Matrix“, nannten wir früher als Studenten die bewusste Wahl der Täuschung. Macht es einen Unterschied, ob deine Gefühle sich auf ein wirkliches Gegenüber oder auf deine Vorstellung beziehen?

„Wenn es nicht um Verliebtsein, sondern um Glück ginge (für mich ein genauso definitionsbedürftiger Begriff wie Liebe)“, frage ich meinen Begleiter, „wäre es für dich dann auch eine Frage, ob du es real erleben oder in der Vorstellung bleiben wolltest?“

Ich meine die Frage ganz ernst und nicht nur rhetorisch – denn für viele verspricht tatsächlich nur ein Traum Glück, wenn er erreicht ist, ist´s um das Glück geschehen... 

„Nein“, sagt er, „aber Glück ist ja auch irgendwie nicht so erlebbar wie Liebe, finde ich“ entgegnet er.

„Vielleicht, weil du eben schon bei der Liebe diese Abstriche in der Virtualität machst? Und es für Glück noch keine APP gibt?“ füge ich nur noch, zwinkernd, hinzu.

„Oh“, grinst er plötzlich, „ich habe ein Match – die von eben hat mich auch geliket!“

Ich seufze, lasse ihn mit seinem Handy kommunizieren und flüchte mich in meine Traumwelten der spanischen Poesie.

 

Rima XI

 

Yo soy ardiente, yo soy morena,
yo soy el símbolo de la pasión,
de ansia de goces mi alma está llena.
¿A mí me buscas?
—No es a ti, no.

 

Mi frente es pálida, mis trenzas de oro:
puedo brindarte dichas sin fin,
yo de ternuras guardo un tesoro.
¿A mí me llamas?
—No, no es a ti.

 

Yo soy un sueño, un imposible,
vano fantasma de niebla y luz;
soy incorpórea, soy intangible:
no puedo amarte.
—¡Oh ven, ven tú!

 

Standardübersetzung ist von Christiane Busl

 

Ich bin feurig, mein Haar ist schwarz, voll Glanz, Symbol der Leidenschaft bin ich, Verlangen nach Lust erfüllt mich ganz. Bin ich's, die du suchst?

- Nein, nein, dich nicht!

 

Mein Haar: goldne Flechten, meine Stirne: bleich. Glückseligkeit grenzenlos biete ich dir. An Zärtlichkeit bin ich unendlich reich. Bin ich's, die du rufst?

Nein, nein, nicht dich!

 

Ich bin Traum, bin nichtiger Phantasie Gebilde aus Licht und Nebeldunst. Körperlos bin ich und greifbar nie. Ich kann dich nicht lieben.

- O komm; komm, du!