Was du erleben musstest, hättest du, hätte niemand, erleben dürfen: Unsere Sprache reicht nicht aus, um dem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Du willst verstummen, und du musst doch reden, immer und immer wieder, über das, was du bezeugen musstest.

Nichts konntest du tun, was du dem Furchtbaren entgegenrichten hättest können. Nie hättest du gedacht, dass dir das geschehen wird, das so etwas überhaupt geschehen darf.

Aus psychologischer Sicht entsteht ein Trauma, wenn ein Mensch in einer Situation a) sein Leben und / oder seine physische und / oder psychische Integrität (oder das einer anderen Person) bedroht sieht, b) er hilflos ist: Das Ereignis entzieht sich seiner Kontrolle, er kann nichts ausrichten c) keine oder kaum Bewältigungsstrategien vorhanden sind, um mit dem Ereignis umzugehen und d) das Selbst- und das Weltbild erschüttert werden. Menschenverursachte Traumata (wie bei Krieg, Terrorismus, Amokläufen, Misshandlungen und Missbrauch) sind meistens viel schwerwiegender als Naturkatastrophen oder Unfälle.

Die meisten traumatisierten Menschen durchleben verschiedene Phasen posttraumatischen Stresses: Während viele während des Ereignisses noch gut funktionierten, sogar anderen helfen konnten oder sich in Sicherheit bringen konnten, kommt es (um Stunden oder Tage zeitverzögert) zur Phase der verzweifelte Fassungslosigkeit. Das entsetzte Hadern beginnt, Angst und teilweise bereits Wut mischen sich mit einer tiefen Trauer. „Was wäre wenn“ beginnt – und hält sich oft hartnäckig über Tage, Wochen. Je mehr das Erlebte verarbeitet werden kann, umso mehr setzt sich Wut durch. Manche greifen auf die Bewältigungsstrategie des Zynismus zurück: Sie beginnen, über das Ereignis zu spotten und reißen Witze. Andere, wenn in einer wieder schlaflosen Nacht das Grauen erneut zurückkommt, zweifeln an ihrem eigenen Verstand – sie denken, sie werden verrückt. Doch nicht der Mensch, der das Trauma durchleben musste, ist verrückt – das, was er durchstehen musste, ist es. Viele denken, sie müssten gleich wieder funktionieren, viele meinen, all diese schrecklichen Gedanken, all diese überflutenden Erinnerungen dürften nicht sein.

Doch es braucht Zeit.
Wie bei einem Todesfall klopft irgendwann die Trauer an die Tür: Der Betroffene spürt, dass etwas unwiederbringlich verloren, dass seine vorher heile Welt zerstört ist. Ein Teil seines Ichs ist irreversibel zerstört. Aus dem „Warum hat es mich getroffen?“ wird häufig ein „Warum habe ich überlebt?“. Wo ist der Sinn, was kann ich nicht erkennen? 
Noch ist nicht vorstellbar, dass auch dieser Schmerz leichter wird, dass es gelingen kann, das Erlebte als furchtbare, aber vergangene Erfahrung in die eigene Biographie zu integrieren. 

Das Umfeld versucht hilflos, dem Betroffenen zu helfen: Weil es eben nichts gibt, was Freunde, was Angehörige tun können, neigen sie zu guten Ratschlägen: Sprich darüber, such dir Therapie, versuch´ es zu vergessen, hol dir Hilfe, nimm dir Urlaub stürz´ dich in Ablenkung hinein...

Was wirklich hilft, weißt nur du allein. Unsere Existenz ist darauf ausgelegt, auch schwere, schlimme Zeiten zu überstehen, unser Körper kann Katastrophen überdauern. Wenn wir ihn lassen, aktiviert er sein Notfallprogramm, baut all den traumatischen Stress ab, holt sich neue Lebensenergie.

Dein Körper lässt dich spüren, was du brauchst: Brauchst du Ruhe oder Bewegung, brauchst du jemanden, der zuhört, jemanden zum Trost, jemanden, der Ähnliches erlebte? Brauchst du jemanden, der dich hält, dich wiegt, dir leise ein „Es wird wieder gut“ zuflüstert, auch, wenn du es noch gar nicht hören kannst? Brachst du jemanden, der dir Strategien nennt, das Erlebte zu verarbeiten?

Du weißt genau, was du jetzt brauchst – wenn du dir Zeit gibst deinem Ich, das unzerstörbar hinter all dem Grauen auf dich wartet, zuzuhören. 
Nie wieder kannst du jemandem glauben, besser zu wissen als du, was gut für dich ist.