Wir alle sind Menschen auf unserem Lebensweg begegnet, die uns prägten – so oder so. Es sind Begegnungen, die wir als Erinnerungen mitnehmen, die uns begleiten, die uns, retrospektiv oder gegenwärtig, unser Ich spiegeln. Menschen sind es, die uns zerstören, aber auch wachsen und reifen lassen können.

Wenn meine Schüler der Verhaltens- oder Hypnotherapie beginnen, sich in psychotherapeutischen Techniken zu üben, laufen sie oft Gefahr, zunächst das wirklich Wichtige der Therapie aus den Augen zu verlieren: die Begegnung zwischen dem Therapeuten und Klienten. In vollster Konzentration auf die Methodik fahren sie die Beziehung an die Wand. Sie vergessen, dass die Lösung, die jeder Mensch schon in sich trägt („Der Klient bringt nicht nur das Problem, sondern auch die Lösung mit“) nur dann entdeckt werden kann, wenn der Klient sich traut, den Blick nach innen zu wenden. Sich selbst Hinterfragen, sich selbst Erkennen ist riskant. Wie hilfreich ist ein Du, das mich nicht-wertend auf dieser Reise zu meinem Ich begleitet, das mir das Potenzial meines Ichs reflektiert!

Seit mehr als 15 Jahren bin ich therapeutisch tätig, noch länger unterrichte ich: Und immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das, was wir Menschen brauchen, wirklich brauchen, kein Ratschlag, kein Lösungsvorschlag, kein (moralisches) Urteil (auch kein positives!!!) ist. Diese externen Bewertungen entfernen uns nur noch mehr von uns selbst, entfremden uns von unserem „Seinskern“. So macht es manchmal einen großer Teil der Therapie aus, sich durch all die Rollen, all die (Vor-)Urteile und Gaukeleien, die der Klient sich angewöhnte (um schlussendlich doch nur sich selbst zu betrügen) hindurchzuarbeiten.

Ich glaube: Wonach wir uns sehnen (nicht nur in der Therapie) ist ein Gegenüber, das signalisiert: „Ich sehe dich. Ich sehe durch das, was du vorgibst zu sein, hindurch. Ich halte aus, was du tust und unterlässt, ich urteile nicht, ich richte nicht. Ich lass dich so sein, wie du im Augenblick bist – damit du wirst, was du sein kannst.“

Die echte Begegnung, das „vom Ich zum Du“, wie es Carl Rogers in zahlreichen Variationen immer wieder beschrieb (und er war maßgeblich von Martin Buber geprägt), ist meiner Erfahrung und Überzeugung nach das eigentlich Entscheidende: Die Beziehung zueinander ist der heilende Faktor  der Therapie. Und dieser reicht doch weit über das therapeutische Setting hinaus in  jede Art von Beziehung: natürlich zwischen Therapeut und Klient, aber auch zwischen Dozent und Student, in Partnerschaften, Freundschaften, Begegnungen zweier Menschen aus der Straße. Selbst, wenn dieses Aufeinandertreffen (die Therapie ist nur ein Sonderfall einer zwischenmenschlichen Begegnung, meinte Rogers) nur kurz ist – als Momentaufnahme des Menschseins muss die Wirkung nicht flüchtig bleiben.

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Ich war noch nicht ganz volljährig, als der Kroatienkrieg ausbrach. Ich erinnere mich genau an das Entsetzen, an die Fassungslosigkeit, die mich ergriff, als ich die Nachrichten im Radio hörte: Wie konnte es sein, dass sich im Jahre 1991 Menschen gegenseitig umbrachten? Wie konnten alle tatenlos zusehen?

Ein Banner war schnell gemalt – ich schnappte mir meine Gitarre und meine beste Freundin, schmierte mir Asche ins Gesicht und wollte am Rathausplatz der Stadt, in der ich damals wohnte, eine spontane Demo organisieren. Doch niemand interessierte sich für die beiden Mädchen, die mit schwarzen Gesichtern am Brunnen standen. So zogen wir weiter zum S-Bahnhof. Den aus der Station eilenden Passanten schleuderte ich mein Mantra „Gegen den Krieg!“ entgegen – und erntete nur ängstliche oder verächtliche Blicke. Ich war verstört, in meiner Seele tobte ein Aufruhr, den ich nicht besänftigen konnte. Verschuldigte sich nicht ein jeder, der wegsah, genauso wie die Kriegstreiber an der Menschlichkeit?

Da trat mir eine Frau entgegen – sie muss um die 50 Jahre alt gewesen sein. „Sie dürfen nicht gegen den Krieg sagen!“, meinte sie, „Sagen Sie: Für den Frieden!“

Ich weiß nicht, wie es genau geschah – ich fand mich weinend in ihren Armen wieder. Diese fremde Frau ließ mich an ihrer Schulter all die Tränen, die nur ein noch junges, vom Pathos ergriffenes Mädchen weinen kann, vergießen – sie hielt mich fest, sie stand mir für diese wenigen Augenblicke bei. Dann trennten sich unsere Wege. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich erfuhr, dass Menschen nicht nur verletzen können: Wir können an Begegnungen genesen.

 

Begegnungen lassen uns wachsen, sie helfen uns zu gesunden, uns selbst zu entdecken.

Erstaunt uns dies wirklich?

Menschen sind es, die uns zerstören können – ist es da nicht nur gerecht, dass es auch Menschen sind, an denen wir heilen können?