Wir sitzen auf dem Steg und lassen die Beine ins Wasser baumeln: Wie so oft haben wir uns beim Laufen getroffen und nutzen die Morgenstille, um kurz innezuhalten. „Wohin fährst du in den Urlaub?“, fragt er, „Dahin, wo ich noch nie war“, grinse ich ihn an, wohl in dem Wissen, dass er wieder auf genau den Campingplatz fahren wird, an dem er seit 18 Jahren seine Sommerurlaube verbringt.

Für ihn sind Beständigkeit und Sicherheit die höchsten Werte, die deutlich spürbaren Bedürfnisse, bei mir stehen Veränderung und Entdeckung an erster Stelle. Das meint nicht, dass wir nicht auch jeweils die gegensätzlichen Bedürfnisse haben und ausleben würden – sie sind nur in unterschiedlicher Intensität, zu unterschiedlicher Zeit und mit unterschiedlichen Verhaltensstrategien Teil unserer Leben. Die Kunst einer jeden Beziehung, einer jeden Freundschaft ist dabei, den anderen in seiner Wahl zu lassen, zu akzeptieren und zu respektieren - und nicht die eigene Entscheidung als die einzig richtige zu betrachten.

Das ist dann möglich, wenn sich beide Partner nicht an den extremen Polen des Kontinuums Beständigkeit – Veränderung befinden. Im Extrem nämlich prallen hier Welten aufeinander: Der Beständige wird den Veränderungsmotivierten als getrieben, als ewig Suchenden, als nie zufrieden mit dem Status Quo wahrnehmen. Der Veränderungssuchende wird den Beständigkeitsmotivierten als langweilig, ewig gestrig, geistig träge und konservativ empfinden. Und, wie so oft, gilt es, sich des Kontinuums bewusst zu werden, das die beiden Pole verbindet. So können beide von ihrer Fixierung im Gestern oder im Morgen lassen und ins Leben finden.

Bewusst reflektiert bedeutet dies viel für unser Verhältnis zum Leben und zum Sterben: Denn, wenn wir genau hinsehen, ist dem Beständigen ein Tag Leben genug. Er verbringt die Jahre damit, der Vergangenheit nachzutrauern, bemüht sich, den „perfekten Tag“ wieder und wieder zu repetieren. Er will denselben Geschmack, dasselbe Gefühl, dieselbe Empfindung reinszenieren – neue Erlebnisse sind ihm ein Gräuel. Für den ewig Zukunftsorientierten ist die gute Zeit nie da, sondern immer nur im Kommen, und wenig ist im ärger als die „und ewig grüßt das Murmeltier“-Affinität.

Und so ist für den einen ein Tag Leben genug, denn er strebt nach der Endlosschleife und damit Unsterblichkeit des immer gleichen Tags. Für den anderen reichen 100 Jahre Leben nicht, um die gespürte existentielle Einsamkeit zu überwinden. Denn genau dieses Nichtangekommensein bei einem „Du“, einem echten Gegenüber, bedingt meist den Beginn der Geschichte des einen, der auszog, das Fürchten zu lernen. Doch bei der gierigen Suche nach stetigem Wandel und Erfüllung, die doch "da draußen, irgendwo, irgendwann" warten muss, verliert der Suchende sein Selbst ebenso, wie der Beständige es einbetoniert.

Beide verpassen das Leben: Das findet immer und ausschließlich  jetzt statt.

Gibt es einen Kompromiss, gibt es ein echtes Miteinander?

Die Gefahr ist groß, dass von einem Extrem ins andere gefallen wird. Bedürfnisse lassen sich nicht dauerhaft negieren: Im Wanderer zwischen den Welten wohnt ebenso ein Sicherheitsbestreben wie im Traditionsbewahrer der Wunsch nach Entwicklung.
Doch im anderen Extrem lässt es sich noch weniger aushalten, so ergibt sich ein ewiges Pendeln zwischen den Polen.

Der Beständige könnte damit beginnen, zwischen Bewahren und Mumifizieren zu unterscheiden. Will er das Gute, das er im Vergangenen erlebte, als Grabinschrift eingemeißelt sehen oder als Bereicherung der Gegenwart erfahren?

Die Frage, die sich für den Entdecker stellt, ist: Will er Fortschritt oder Entwicklung? Will er wieder einmal ein System stürzen, einen Kuhnschen Paradigmenwechsel provozieren – will er erneut fort-schreiten? Oder will er sich entwickeln?

Dann baue auf dem Bestehenden auf, integriere es in deinen Weg.

Die Begegnung geschieht in der Gegenwart: Nur hier können Bewahrer und Veränderer sich selbst hinterfragen und vom jeweils anderen lernen. Seid ihr es euch wert?