Aus der Gedächtnisforschung wissen wir genug, um eine durchaus weitreichende Behauptung zu belegen: Jede Erinnerung sagt mehr über mein gegenwärtiges Erleben als über die Vergangenheit aus. Manche gehen so weit um zu denken, jede Erinnerung käme einer Erfindung gleich, sei eine rückwärts gerichtete Illusion, so, wie eine Zukunftsvision eine vorwärts gerichtete ist.

Sicherlich ist irgendetwas geschehen, es wird nicht behauptet, wir würden einer reinen Halluzination erliegen, wenn wir uns erinnern. Und doch scheint eine Erinnerung mehr einer Fata Morgana, einer Luftspiegelung, oder auch einer Chimäre zu gleichen: Schon im präsenten Erleben werden Ereignisse nicht unverzerrt wahrgenommen – wir erleben doch immer aus der eigenen Perspektive heraus und schon in der Wahrnehmung und in der folgenden Weiterverarbeitung ändern wir die faktischen Begebenheiten ab. Im Weiteren, jedes Mal, wenn wir uns erinnern, fügen wir (nicht intentional) Details hinzu oder lassen welche weg.

Wir kennen diesen Phänomen vom beliebten Kinderspiel der Flüsterpost: Das, was anfangs gesagt wurde, hart reichlich wenig mit dem, was der letzte in der Reihe hört, zu tun.

In der Therapie geht es häufig darum, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. Oft begleitet der Wunsch, endlich loslassen, endlich vergessen zu können, das Leiden. Und doch scheinen gerade die ungewollten Erinnerungen, die automatisierten Gedankengänge, genau dies zu verhindern.

Vielmals glaubt man, keine Kontrolle über den traumatischen Gedankensog zu haben, die Erinnerungen und die begleitenden Emotionen scheinen sofort da zu sein. Und selbst, wenn dann der Moment der Erinnerung (im Trauma oft auch als Flashbacks oder Intrusionen auftretend) vorüber ist, bleiben all die unaushaltbar anmutenden Emotionen: Das Leben besteht mehr und mehr aus Angst, aus Wut, aus Groll. Doch wenn diese Gefühle einmal Überhand gewonnen haben neigen sie dazu, auch alle anderen Erlebnisse, sogar den Alltag, einzufärben: Wenn dieses Gefühl mein Standardgefühl geworden ist, begegne ich anderen Menschen und ihren Verhaltensweisen genau aus dieser Wahrnehmungsgrundlage heraus. Und so verbringe ich mehr und mehr meiner kostbaren Lebenszeit in Angst, in Wut, in Groll.

Wenn wir uns nun verdeutlichen, dass die Vergangenheit nur so viel Macht hat wie wir ihr jetzt verleihen, gewinnen wir Selbstwirksamkeit zurück: Wenn wir uns klar machen, dass es unser eigenes Narrativ ist, das wir wieder und wieder wiederholen, erfahren wir direkt Entscheidungsfreiheit. Wir können beginnen uns auszusuchen, welche Geschichte wir uns erzählen, wir merken, dass es an uns liegt, den nächsten Akt zu schreiben.

 

Jedes Mal, wenn der erste rückwärts gerichtete Gedanken kommt, hast du diese ultimative Freiheit der Stellungnahme zu dem Erlebten: Erzählst du dir die selbe tragische Geschichte erneut? Gehst du also wieder barfuß auf die frisch asphaltierte Straße, verglühst dir die Fußsohlen? Oder hältst du dieses Mal inne, blickst in die andere Richtung, betrittst den blumengesäumten Pfad oder die Wolke aus rosaroter Zuckerwatte? Suche dir einen Weg aus, deinen neuen Weg, der dir gut tut, der dir besser tut: Lass ihn vor deinem inneren Auge Bild werden.

Gleich, was du visualisierst: Tue es. Male dir aus, spüre nach, wie es sich anfühlt, auf weichem Gras zu gehen oder auf luftigen Wolken, schnüffle in die Luft, wie der Duft der Blüten riecht.
Gewöhne dein Gehirn daran, nicht die bekannte Straße erneut zu gehen, von der du weißt, dass sie dich nicht in dein gutes, selbstbestimmtes Leben führt. Betrete den neuen Weg, erschaffe dir ein neues Narrativ. Fange an zu leben. Es ist deine Lebenszeit.