In meiner Studentenzeit verdiente ich mir mein Auskommen selbst. Einmal hatte ich einen kleinen Job: Bei einem großen Event heuerte ich als Wahrsagerin, als Orakel an. Es war ein riesig inszeniertes Firmensommerfest, und ich rückte mit einem bunten Zelt, meinen Tarotkarten, einer Glaskugel und meiner schwarzen, langen Perücke an. Ich war relativ bewandert im Hand- und Karten lesen. Manch einer mag sich fragen, woher diese Kenntnisse stammten - hatte ich doch bereits Psychologie studiert, die sich, damals noch stärker als heute, als Naturwissenschaft etabliert glaubte. Die stärksten Gegner der Naturwissenschaft sind wohl Esoterik, sind Mystik und Prophetentum – wie vielleicht die Theologie das Hinterfragen der Philosophie herausfordert: Und genau deswegen tauchte ich in deren Abgründe ein – ich wollte verstehen, nach welchen Prinzipien sie sich richten.

Sobald ich meine Orakelstätte eingerichtet hatte, in meinen bunten Gewändern und dem wallenden schwarzen Haar im Schneidersitz dort auf meiner matte sah, standen die Menschen Schlange vor meinem Zelt: Von morgens 9 Uhr bis abends 19 Uhr hatte ich nicht mal Zeit, etwas zu essen. Obgleich ich jedem nur 5 Minuten „Beratungszeit bei der Wahrsagerin“ zustand, konnte ich bei weitem nicht den Bedarf von allen decken.

Ich war bestürzt, ich war entsetzt: Ich zweifelte am Sinn meines Vorhabens, psychotherapeutisch tätig zu werden.

Psychotherapie richtet sich darauf aus, Menschen an ihre Eigenverantwortung zu erinnern, mit ihnen Möglichkeiten zu erarbeiten, sich ihrer (Wahl-)Freiheit bewusst zu werden und sie umzusetzen. Psychotherapie will sich selbst so schnell wie möglich überflüssig machen, weil sie versteht, dass jeder von uns in sich nicht nur die Verpflichtung, sein Potenzial zu verwirklichen, in sich trägt – sondern auch die Fähigkeit dazu. Gleich, wie die Umstände bestimmt und bestimmend sein mögen.

Hier, bei meiner Orakelei, erlebte ich genau das Gegenteil: Meine Besucher waren begierig darauf, zu erfahren, welche Fäden das Schicksal um sie, für sie gesponnen hatte – sie wollten ihre Verantwortung für sich nicht selbst tragen, sie konnten es nicht – sie wollten sie delegiert sehen, übertragen an eine Entität, eine Macht, die über ihnen steht. Was sie vor allem erfahren wollten, war, dass sie in ihrer Besonderheit von etwas Höherem erkannt waren, dass ihr Schmerz, ihr Glück, sich eben darauf gründete.

Ähnliches erlebe ich heute, wenn ich auf dem Weg von oder zur Arbeit, zum Einkaufen, beim Laufen, in die Gesichter der Menschen sehe, wenn ich Satzfetzen bezeuge, die sie in ihre Handys quäken, wenn sie allein durch Straßenzüge eilen, wenn sie auch nach Wochen Lockdowns ohne greifende Veränderung, ohne Plan „von oben“, die Infektionswelle denn nun mal kontrolliert in Gang zu setzen, um Kranke bestmöglich versorgen zu können, wenn das das Ziel ist, auf das doch alle warten, immer noch zu mehr als 80 % den Ausgangsbeschränkungen zustimmen: Wie bereitwillig wir die Verantwortung für unsere Gesundheit übertragen, wie leichtfertig wir unsere Freiheit aufgeben. Wie selbstverständlich wir zusehen, wie Angst zu Aggression wird, wie die anfängliche Sorge um andere, um uns selbst, in Anklage, in Hass auf anders Denkende umschlägt. Wieder einmal spaltet sich die Gesellschaft – und wir „binge-watchen“ Serien dazu vor uns hin.


Nach Hannah Arendt sind Menschenrechte uns nicht in die Wiege gelegt: Sie sind zu verhandeln, in Auseinandersetzungen, in jeder Begegnung neu. Wie kommt es, dass wir, beinahe erleichtert schon, uns lieber fügen als selbst zu denken? Die meisten von denen, die nun über uns entscheiden, wissen auch nicht mehr von Medizin als wir – und ob sie über validere Informationsquellen und Informanten verfügen als wir, sei ebenso dahingestellt.

Statt unsere Freiheit zu verhandeln und sie damit ins Leben zu holen, gaukeln wir uns vor, sie sei ein angeborenes Faktum – und merken somit nicht einmal, wenn sie uns entschlichen wird, wie leicht sie sich auflösen kann – weil sie an sich, unverhandelt, nicht mehr als abstrakte Worthülse ist. Ich bemerke, wie fragil das Recht auf Selbstbestimmung ist: Und wie bereitwillig wir es abgeben, um uns in die Wohligkeit der Entscheidungsautokratie, die uns unsere Verantwortung endlich abnimmt, uns ihrer auch beraubt, zu kuscheln.
„Sapere aude“ war der Leitspruch der Aufklärung, habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, übersetzte Kant den Satz.

Wagen wir es, das Risiko des eigenen, bewussten Lebens, auf uns zu nehmen? Trauen wir uns, den Glauben loszulassen, jemand könnte uns allumfassend schützen, uns von jeder Schuld befreien, uns Unsterblichkeit vermitteln?