Jedes Jahr, wenn ich mich am Jahresende auf „meine“ Insel zurückgezogen habe, lasse ich die vergangenen Monate Revue passieren: So viele innerliche Polaraoidaufnahmen sind entstanden, so viele konservierte Augenblicke, so viele Begegnungen mit Menschen, deren Lebensweg sich mit meinem kreuzten, fordern noch einmal Beachtung ein! Mal nur kurz, mal länger, mal sind wir Menschen einmal nur aneinander vorbeigezogen, mal einige Schritte zusammen gegangen...

Seit ich vor langer Zeit Mitch Alboms „The five people you meet in heaven“ gelesen habe, frage ich mich, welche dieser Begegnungen für mich „schicksalshaft“ waren, und für welche dieser Personen vielleicht das Aufeinandertreffen mit mir, ohne dass ich mir dessen bewusst war, schicksalshaft war. Ebenso spüre ich nach, welche Begegnungen ich gerne festgehalten hätte, aus welcher Begegnung ich gerne Schicksal gemacht hätte...

Wenn ich zurückblicke, gab es einige Menschen in meinem Leben, die für mich richtungsweisend waren. Einige wirkten wie Retter, wie meine Engel – andere wirkten destruktiv, vernichtend. Einige Menschen ließen hoffen, andere drohten, jeden Glauben ans Gute zunichte zu machen. Waren sie sich dessen bewusst? Einige wohl schon, andere nicht.

Kann ein Mensch überhaupt intentional Böses tun?

Ich halte es mit dem britischen Empiristen John Locke, der davon ausgeht, dass jeder Allgemeinbegriff nur eine sprachliche Übereinkunft ist. Nicht an sich existieren das Gute und Schlechte, sie sind nur eine sprachliche Konstruktion. Diese Position ist als Nominalismus bekannt.

Vielleicht kann man hier ergänzen, dass „gut“ und „böse“ aus dieser Perspektive durchaus relativ verstanden werden können – wenn „an sich“ nichts „gut“ oder „schlecht“ ist, benötigen wir einen Vergleichspunkt, dann können wir immer nur sagen, etwas ist besser oder eben schlechter als etwas anderes.


Für Locke entsteht die Bewertung aus einer primär sensualistischen Wahrnehmung heraus: Über Sinneserfahrungen nehmen wir wahr, was dem Organismus Leid zufügt oder einen Lustgewinn bedeutet. Aus dieser hedonistischen Haltung heraus verhalten wir uns so, dass wir Gutes suchen und Schlechtes vermeiden.

Auch das, was anderen Menschen gut oder schlecht tut, sei für uns wichtig, so Locke – allerdings erst sekundär.

Eben hier stimme ich ihm nicht mehr zu: Denn nach heutigem Kenntnisstand sind wir Menschen dergestalt soziale Tiere, dass die Affekte unserer Bezugspersonen (ob es ihnen also „gut“ oder „schlecht“ geht), eine direkte Spiegelung in unserem Gehirn erfahren (es sei denn, wir haben als Psychopathen (dissoziale Persönlichkeiten) ein in den spezifischen Spiegelneuronenarealen nicht funktionierendes Gehirn). Wie es dem anderen er-geht, wirkt also direkt auf mich – ich kann mich diesem Vorgang nur durch Abbruch des Kontakts entziehen. Dies aber wiederum würde sich gegen unsere natürliche Soziabilität richten – wir Menschen brauchen Verbindung, wir nehmen unser Ich durch ein „Du“, ein Gegenüber, wahr... So wird das Leid des anderen mein eigenes, so wird das Glück des anderen meine Erfüllung.

In der modernen Traumatherapie, so z.B. dem Somatic Experiencing, stellen wir uns als reguliertes, gesundes Nervensystem den traumatisierten co-regulativ zur Verfügung – an unserer Stabilität kann das aus dem Gleichgewicht geratene System des anderen gesunden.

Achten wir also darauf, wie wir es uns ergehen lassen, achten wir darauf, welche Begriffe wir erschaffen, bevor wir sie als Abstrakta und Universalien als nicht-hinterfragbare Gesetze in die Atmosphäre projizieren.

Etymologisch stammt das Wort „Schicksal“ vom altniederländischen „schicksel“ ab, welches „Fakt“, seinerseits vom lateinischen „fatum“ herrührend, bedeutet... Und doch ist kein Schicksal Tatsache - vielmehr meine ich etwas, wenn ich davon spreche, ich deute also auf etwas hin, das „meins“ ist, nur in mir entsteht... und die anderen tun so, als wüssten sie, was es be-deutet.