Trauma: Wenn du dein Ich verloren glaubst

Was du erleben musstest, hättest du, hätte niemand, erleben dürfen: Unsere Sprache reicht nicht aus, um dem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Du willst verstummen, und du musst doch reden, immer und immer wieder, über das, was du bezeugen musstest.

Nichts konntest du tun, was du dem Furchtbaren entgegenrichten hättest können. Nie hättest du gedacht, dass dir das geschehen wird, das so etwas überhaupt geschehen darf.

Aus psychologischer Sicht entsteht ein Trauma, wenn ein Mensch in einer Situation a) sein Leben und / oder seine physische und / oder psychische Integrität (oder das einer anderen Person) bedroht sieht, b) er hilflos ist: Das Ereignis entzieht sich seiner Kontrolle, er kann nichts ausrichten c) keine oder kaum Bewältigungsstrategien vorhanden sind, um mit dem Ereignis umzugehen und d) das Selbst- und das Weltbild erschüttert werden. Menschenverursachte Traumata (wie bei Krieg, Terrorismus, Amokläufen, Misshandlungen und Missbrauch) sind meistens viel schwerwiegender als Naturkatastrophen oder Unfälle.

Die meisten traumatisierten Menschen durchleben verschiedene Phasen posttraumatischen Stresses: Während viele während des Ereignisses noch gut funktionierten, sogar anderen helfen konnten oder sich in Sicherheit bringen konnten, kommt es (um Stunden oder Tage zeitverzögert) zur Phase der verzweifelte Fassungslosigkeit. Das entsetzte Hadern beginnt, Angst und teilweise bereits Wut mischen sich mit einer tiefen Trauer. „Was wäre wenn“ beginnt – und hält sich oft hartnäckig über Tage, Wochen. Je mehr das Erlebte verarbeitet werden kann, umso mehr setzt sich Wut durch. Manche greifen auf die Bewältigungsstrategie des Zynismus zurück: Sie beginnen, über das Ereignis zu spotten und reißen Witze. Andere, wenn in einer wieder schlaflosen Nacht das Grauen erneut zurückkommt, zweifeln an ihrem eigenen Verstand – sie denken, sie werden verrückt. Doch nicht der Mensch, der das Trauma durchleben musste, ist verrückt – das, was er durchstehen musste, ist es. Viele denken, sie müssten gleich wieder funktionieren, viele meinen, all diese schrecklichen Gedanken, all diese überflutenden Erinnerungen dürften nicht sein.

Doch es braucht Zeit.
Wie bei einem Todesfall klopft irgendwann die Trauer an die Tür: Der Betroffene spürt, dass etwas unwiederbringlich verloren, dass seine vorher heile Welt zerstört ist. Ein Teil seines Ichs ist irreversibel zerstört. Aus dem „Warum hat es mich getroffen?“ wird häufig ein „Warum habe ich überlebt?“. Wo ist der Sinn, was kann ich nicht erkennen?
Noch ist nicht vorstellbar, dass auch dieser Schmerz leichter wird, dass es gelingen kann, das Erlebte als furchtbare, aber vergangene Erfahrung in die eigene Biographie zu integrieren.

Das Umfeld versucht hilflos, dem Betroffenen zu helfen: Weil es eben nichts gibt, was Freunde, was Angehörige tun können, neigen sie zu guten Ratschlägen: Sprich darüber, such dir Therapie, versuch´ es zu vergessen, hol dir Hilfe, nimm dir Urlaub stürz´ dich in Ablenkung hinein...

Was wirklich hilft, weißt nur du allein. Unsere Existenz ist darauf ausgelegt, auch schwere, schlimme Zeiten zu überstehen, unser Körper kann Katastrophen überdauern. Wenn wir ihn lassen, aktiviert er sein Notfallprogramm, baut all den traumatischen Stress ab, holt sich neue Lebensenergie.

Dein Körper lässt dich spüren, was du brauchst: Brauchst du Ruhe oder Bewegung, brauchst du jemanden, der zuhört, jemanden zum Trost, jemanden, der Ähnliches erlebte? Brauchst du jemanden, der dich hält, dich wiegt, dir leise ein „Es wird wieder gut“ zuflüstert, auch, wenn du es noch gar nicht hören kannst? Brachst du jemanden, der dir Strategien nennt, das Erlebte zu verarbeiten?

Du weißt genau, was du jetzt brauchst – wenn du dir Zeit gibst deinem Ich, das unzerstörbar hinter all dem Grauen auf dich wartet, zuzuhören.
Nie wieder kannst du jemandem glauben, besser zu wissen als du, was gut für dich ist.


Schattenboxen mit dem Tod: die Schnecke an der Leine

Ich träume.

Ich habe für meine Lieblingsweinbergschnecke ein Miniatur-Geschirr gebastelt, die lange, filigrane Leine kann ich um meinen kleinen Finger wickeln, um die Schnecke spazieren zu führen. Behutsam zäume ich die Schnecke auf. Wir beginnen unseren Weg.

Ich erinnere mich.

Die anderen Menschen haben längst den Friedhof verlassen, sie sitzen beim Leichenschmaus zusammen, unterhalten sich, vielleicht sprechen sie von dir, einige wagen bereits wieder die ersten Scherze, lachen, ab jetzt für immer ohne dich. Ich knie vor dem frisch aufgeschütteten Grab, meine Hände umklammern die kühle, feuchte Erde, es ist ein windiger, regnerischer Tag. Ich will mich durchgraben bis zu dir, mich neben dich legen, mich an deiner Seite auflösen. Was bleibt von mir, wenn du nicht bei mir bist?
Die Wellen des nahen Sees sind deutlich zu hören, auf der anderen Seite, dort hinten am anderen Ufer blinkt die Sturmwarnung ihren Alarm. Wie oft riefen sie dich raus, auch mitten in der Nacht, wenn wieder irgendein Segler die Warnung missachtete und in Seenot geriet... Wie oft lag ich in Sorge wach, dich da draußen wissend, während der Regen gegen die Fensterscheibe trommelte und die Böen an den Fensterläden rissen. „Kein guter Tag um zu sterben“ rauntest du mir zu, bevor du auszogst, das Wetter das Fürchten zu lehren. Du warst mein Held, mein Ritter, mein Abenteurer. Es war ein lieblicher, sonniger Tag, an dem du starbst.

Wo bist du nun?

Wie sehr wünschte ich, du wärst der Vogel dort, der sanft sein Lied im Regen trällert. Ich wünschte, du wärst der Fisch dort in den Wellen, der sich schemenhaft im Grau des Sees zu erkennen gibt.

Ich hebe mein Gesicht zum wolkenverhangenen Himmel, ob es nass vom Regen oder Tränen ist, ist mir nicht bewusst.

Der Tod bemüht sich, freundlich lächelnd zurück zu blicken, dabei verzerrt der Versuch seine Fratze nur noch mehr. „Willst du...?“ fordert er mich beinahe liebevoll auf. Ich muss nicht überlegen: Ich springe auf, lege meine Boxbandagen an, mache mich bereit. Leichtfüßig tänzelt der Tod um mich herum. „Bleib stehen“, denke ich, „du bietest mir kein Ziel!“ Er ist so schnell, dass sein Bild zu vibrieren scheint, es flimmert wie eine Wüstenstadt in der grellen Mittagssonne. Ich sehe ihn kaum, und aufs Geratewohl beginne ich, einige Schläge ins Leere zu platzieren Jab, Jab, Upper Cut, Hook.

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Kein einziger Schlag ist ein Treffer. Es ist, als ob ich meinen Schatten jage. Endlich gelingt mir ein Punch – und gleichzeitig gebe ich meine Deckung auf, der Tod landet einen Treffer in meiner Magengegend, mein Körper krümmt sich zusammen, und für einen Moment schweigt die Welt. Alle Geräusche verstummen und mir wird etwas klar, während ich den Tod flüstern höre: „Es tut mir so leid!“. Im Schattenboxen gewinnt der Tod doch immer – denn er zieht seine Macht aus dem Bewusstsein meiner Selbst. Weil ich mich selbst erkenne, mich damit abgrenze vom vagen, diffusen Zustand des ich-losen Seins, erlebe ich den Tod als absolute Trennung von der Kraft des Lebens, von der Wirklichkeit des Seins. Doch was ist mein Ich, was bin ich, wenn ich von allen Illusionen abstrahiere? Spiegeln wir alle nicht die Idee des allumfassenden, grenzenlosen Seins?

Das Zwitschern des Vogels dringt wieder zu mir durch, der Fisch schwimmt durch die Wellen, der Himmel weint. Nein, du bist nicht der Vogel, bist nicht der Fisch, bist nicht die Wolke, die auf mich blickt. Und in all dem finde ich dich wieder, erkenne dich, gestaltlos, im Gesang des Vogels dort, im Flüstern des Windes, im Raunen des Sees...

Mir träumt: Ich löse das Geschirr und die Leine von der Schnecke, lasse sie frei, sehe zu, wie sie gemächlich, selbstsicher und vertrauensvoll, in ihrer Geschwindigkeit, in ihre Zukunft zieht.


... lass dein Herz leicht werden wie eine Feder

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

Manchmal findest du dich in Situationen wieder, die nicht sein sollten, die niemand erleben dürfte. Und doch bist du es, der sie durchstehen muss, dem das Schicksal, oder ist es Zufall, auferlegt hat, ins eigene Innere zu blicken und sein wahres, weil mögliches, Ich zu erspüren.
Wer bist du angesichts der Herausforderung des Augenblicks? Welchen Weg wählst du, gehst du vor oder zurück, verharrst du im Schrecken? Wie tief ist das Tal, in dem du dich befindest?

Und doch: Irgendwo wartet auf uns der Moment, in dem die freiheitsbedingte Angst zum Bewusstsein der selbstbestimmten Wahl leitet. Es scheint, als ob du die existentielle Angst durchleben musst, überleben musst, bevor du, indem du alle Hoffnung auf Errettung von außen fahren lässt und dich, vielleicht ein allererstes Mal, auf diesen Blick in dein Ich einlässt. Was siehst du?

Adler im Flug
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Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal (indianische Erzählung)

Ich werde nicht weiterwissen.
Ich werde mich niedersetzen
und verzweifelt sein.

Ein Vogel wird kommen
und über das Tal fliegen,
und ich werde wünschen, ein Vogel zu sein.
Eine Blume wird leuchten
jenseits des Abgrunds,
und ich werde wünschen, eine Blume zu sein.
Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,
und ich werde eine Wolke sein wollen.

Ich werde mich selbst vergessen.
Dann wird mein Herz leicht werden.
Wie eine Feder,
zart wie eine Margerite,
durchsichtig wie der Himmel.

Und wenn ich dann aufblicke,
wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein
zwischen Zeit und Ewigkeit. 

  

Ich werde oft gefragt, bevorzugt als Hilferuf in langen, dunklen Nächten, wie es gelingen kann, Leiden, das aus der Angst vor Einsamkeit entsteht, auszuschalten - die Frage "Wie kann ich diese Verlassenheitangst überwinden?" ist eine der meist gestellten in der Therapie.
Und doch: Ich denke, es darf nicht um ein simples Betäuben der Angst gehen, denn dann lauert sie im Hintergrund, geduldig, bis sie dich wieder anspringen kann.
Sehen wir uns unsere Hoffnung an:
Der Prozess zur Linderung (niemals Überwindung) des Leids ist keine Ablenkung, sondern ein Durch-Dringen des Leids, ein Durch-Leben der Angst: Wir können es aushalten zu spüren, dass und wie sehr jeder von uns alleine ist. Denn weder das Leid noch die Angst existieren AN SICH - wir schaffen sie uns als Bewertung der ontologischen Einsamkeit.
 
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Im Durchleiden befreien wir uns - wir spüren dann intuitiv, dass wir uns manchmal, für kurze Momente, wie Seelenschmetterlinge, berühren.
Um wieder auseinanderdriften.
Doch in dieser Einssamkeit sind wir wieder verbunden. Und eben damit überwindet die Einsamkeit sich selbst - wenn wir alle sie teilen, hebt sie sich selbst auf.
 
Um das jedoch als GEFÜHL vage erahnen zu können, gilt es zunächst, das Leiden auszuhalten - was dahinter wartet, ist die Beruhigung.

 

Wonderlake: Versuch, im Vakuum zu atmen.

Für alle, die loslassen müssen

Du stehst knietief im eiskalten Wasser: Du bist an deinem Ziel. Lange hast du diesen Augenblick herbeigesehnt, lange hast du davon geträumt.

Das Echo deiner Gefühle hallt von den Wänden des schneebedeckten Bergmassivs im Hintergrund wider, während die Kälte des Wassers an deinen Beinen emporkriecht, dir ans Herz zu fassen droht, nein, vielmehr mitten hinein, und immer mehr, alte und noch unbekannte Gefühle, perlen aus den Poren deiner Haut und steigen auf, verlieren sich, in der frischen Abendluft.

Für diesen Moment dürfen alle Dämonen schweigen, alle Schatten ziehen sich in ihre dunklen Ecken zurück.

Als ich Kind war, suchte ich oft meinen Weg durch den dichten Wald zur „Wunderquelle“: Sie war der Heiligen Maria geweiht und konnte angeblich wundersame Heilung bewirken. Wer sich darin wusch, so erzählten die alten Dorfbewohner sich, wurde von seiner Krankheit befreit. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und lief zur Quelle. Ich wusch meine Augen mit dem klaren Wasser und hoffte, bald keine Brille mehr zu benötigen. Nie wurde mein Hoffen erhört und ich begann, mit Gott zu hadern. Als kleines Mädchen vom Lande war ich katholisch erzogen, und ich wollte auch an eine schützende Allmacht glauben. Doch Gott hörte mich nicht, und ich fühlte mich verraten. Er sollte mich in meiner Kindheit noch viele Male im Stich lassen. Als ich dann auch nicht Ministrantin werden durfte, weil zur damaligen Zeit nur Jungs ministrieren durften, beschloss ich, ganz trotziges Kid, mich nicht mehr auf seine Hilfe zu verlassen und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was kommt hinter dem Verrat?

 

Bildquelle: eigene Fotoaufnahme

Die Erinnerung der Zeilen deines alten Lieblingssongs Wire to Wire von Razorlight bettet dich in wohlvertraute Sehnsucht:

What is love but the strangest of feelings?
A sin you swallow for the rest of your life?
You've been looking for someone to believe in
To love you until your eyes run dry

She lives by disillusion glow
We go where the wild blood flows
On our bodies we share the same scar
Love me, wherever you are

How do you love with a fate full of rust?
How do you turn what the savage tame?
You've been looking for someone you can trust
To love you, again and again

How do you love in a house without feelings?
How do you turn what the savage tame?
I've been looking for someone to believe in
Love me, again and again

Du weißt, dass es Zeit ist zu gehen. Du weißt, dass es Zeit ist loszulassen. Und so versuchst du, einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch, wenn dein Voranschreiten einem Kriechen auf scharfkantigen Scherben gleicht. Du bist in einer emotionalen Wüste ausgesetzt.

Du glaubst, nicht weiter zu können, du willst zurück, du willst dich an dem festhalten, was, lange schon, verloren ist. Oh, komm´ zurück, halte mich noch einmal fest, weint das Kind in dir, dort vorne falle ich ins Nichts, im Vakuum kann ich nicht atmen.

Und doch treibt etwas dich voran, und du glaubst, kein Schmerz kann größer sein. Deine Tränen werden zu Wassertropfen im See der Wunder.

Was auch immer es ist, was du loslassen musst: die Erinnerung an den, der in deinen Armen starb, das Versprechen der ewigen Liebe eines Menschen, von dem du dich trennen musst, die Hoffnung auf das Ungeschehen von Vergangenem – was dir bleibt, ist, irgendwo hinter dem Entsetzen, das dich nun umgibt, die Gewissheit, irgendwann, vielleicht bald schon, wieder atmen zu können. Du wirst mit weit geöffneten Augen und Herzen deine Lungen mit Sauerstoff füllen und spüren: Es ist gut so. 


 

Wir sind Menschen, keine Wölfe. 

Ich schlendere durch den nächtlichen Schlossgarten in Stuttgart – der Unterrichtstag war lang, der Theaterabend ergiebig – lange schon habe ich meine Begleitung verabschiedet und will nun noch, nur für mich, zur Ruhe kommen: Ich möchte Stille atmen.
Im Schatten der Bäume erkenne ich eine Gestalt: Sie liegt zusammengekauert am Boden. Das Mondlicht lässt nur erahnen, dass es sich um eine menschliche Gestalt handelt. Während mein Denken kurz erschreckt („Liegt hier ein Toter?“) läuft mein Körper auf den Schattenriss zu. Ich knie mich neben ihm nieder und berühre sanft seine Schulter, schüttle ihn ein wenig: „Alles ok?“ frage ich unbeholfen und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Wie erleichtert bin ich, als ich ihn atmen sehe!

Als ich später meiner Freundin diese Geschichte erzähle, ist sie besorgt: „Hast du denn nie Angst?“, will sie wissen.
Doch, ich habe Angst. Ich bin ja nicht dumm. Aber ich packe meine Angst, ich definiere sie, ich gebe ihr ein Gesicht: Natürlich ist mir unwohl, wenn ich, alleine in der Nacht im dunklen Park, auf einen am Boden liegenden Mann stoße. Mir ist unwohl, ich habe Angst, weil ich nicht weiß, wie ich diese Situation einzuordnen habe: Sie ist mir neu. Also sehe ich nach. Und die Angst verschwindet.
Mut heißt nur, dich deiner Angst zu stellen, bei dem nachzuschauen, was dir Angst macht – mehr braucht es nicht.

Zwei große, braune Augen sehen mich aus einem hageren, dunklen Gesicht heraus an. Der Mann rappelt sich auf, lächelt mich an: „Thank you. Thank you for asking. I love you.“ bricht es aus ihm heraus und dann verschwindet er schnell ihn der Dunkelheit des Parks.

Ich bleibe alleine zurück, und Melancholie legt sich wie eine Decke um mich. Was muss dieser Mann durchgemacht haben, was hat er erleben müssen? Was haben ihm andere Menschen angetan?
Ich glaube fast, aus der Finsternis heraus einen Wolf heulen zu hören. „lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“ (Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt.)
Ich habe mich mein ganzes bisheriges Leben lang geweigert, diesen Satz des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus aus seinen Asinaria (Eseleien) für bare Münze zu nehmen – auch oder vielleicht gerade WEIL mich das Verhalten so manches Menschen so manches Mal an seiner Menschlichkeit zweifeln ließ. Ich halte am Glauben an das in jedem Menschen inne wohnende Gute fest. Ich WILL an dem Glauben festhalten, ich muss, um nicht zu verzweifeln. Denn was bleibt, wenn wir vergessen, dass wir alle Menschen sind?

Ich habe im Ausland studiert: Mit kaum einem Wort Spanisch habe ich mich für Psychologie immatrikuliert. Die ersten Monate stellten mich auf eine harte Probe: Ich wurde verächtlich als „la rubia“ („die Blonde“) betitelt, wenn ich mich bemühte, in meinem geradebrechten Spanisch ein Ticket für den Bus am Dorfkiosk zu kaufen, wurden meine Bemühungen mit „Yo no hablo extranjero“ (Ich spreche kein Ausländisch) abgespeist. Wie mag es Menschen im Ausland, hier in Deutschland, gehen, denen ihre Übergangsbleiben angezündet werden? Die geprügelt, gejagt, wieder "zurück geschickt" werden, viele in den Tod? Wer ist denn gerne fremd in einem Land, das andere „Heimat“ nennen?

Es wird Weihnachten. Wir lauschen der biblischen Geschichte von Maria und Josef, die abgewiesen wurden, bis sie in einem Stall Zuflucht fanden. Wir sind entsetzt: Wie können Bedürftige in der Not abgewiesen werden?

Ich glaube, wir alle haben die Wahl: Wir sind nicht zum Wolf geboren.
Wir können menschlich sein. Doch dazu brauchen wir Mut.


 

Angst ist der Schwindel der Freiheit

„Der Angst ins Gesicht lachen“ beschrieb Viktor Frankl seine Paradoxe Intention: Er war der festen Überzeugung, dass es uns allen gelingen kann, die Trotzmacht des Geistes zu wecken. Denn auch hinter jeder physischen oder psychischen Beeinträchtigung existiert die noetische (geistige) Dimension unversehrt weiter – und in ihr können wir die Kraft finden, unsere Angst nicht nur zu ertragen, sondern uns über sie hinwegzuheben. Denn: „Wir brauchen uns von uns selbst nicht alles gefallen zu lassen“.

„Angst ist der Schwindel der Freiheit“, bezog einer meiner Lieblingsverzweifelten, Sören Aabye Kierkegaard, Stellung: Doch während uns Satre und Camus jeden Halt raubten, indem sie uns in die Freiheit hineinwarfen, ließ er uns zumindest noch die Aussicht auf Beschwichtigung, auf Beruhigung im Glauben – in echter, tiefer Religiosität jenseits der Propaganda einer Staatskirche, wodurch wir psychische Stabilität durch die Empfindung einer beinahe fürsorglichen Teleologie erahnen können – jenseits jeder ratio.

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Was können wir heute noch damit anfangen? Was kann uns dabei unterstützen, sukzessive unsere unnötigen Ängste von (überlebens-)notwendigen zu unterscheiden, uns zu befreien? Um, endlich, unser Leben so zu führen, wie wir es führen könnten: unabhängig, autonom, unseres Selbst bewusst – und niemals vorgezeichnet. In jedem Augenblick offenbart sich eine Vielzahl von Möglichkeiten – jeder Moment dient als Aufforderung, wir selbst zu werden. Ich gehe davon aus: Wir können wählen, wer wir sind – und wenn wir uns dessen bewusst sind, schweigt die Angst.

Wie kann das gelingen?

Etymologisch beruft sich unsere Angst auf das griechische anxein (würgen, drosseln) und / oder das lateinische angor (Würgen, Beklemmung), angustia (Enge) und angere (die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen).

Was würgt uns da, wenn uns die Angst in den Nacken springt?

Ist es der Blick in unseren eigenen Abgrund der Zeitigkeit, die Vorstellung unserer Endlichkeit, die uns daran hindert, JETZT ZU LEBEN? Denn im JETZT gibt es keine Angst – Angst klammert sich an die Zukunft. Und diese ist nichts als eine Erfindung des suchenden Verstands.

"Man kann die Angst", schrieb Kierkegaard in seiner Monographie Der Begriff Angst, "mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muss, dem wird schwindlig. Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund - denn was wäre, wenn er nicht hinuntergestarrt hätte? Demgemäß ist die Angst jener Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaut. (.. .) In diesem Schwindel sinkt die Freiheit nieder."

Der träumende, unentschiedene Geist plant seine eigene Wirklichkeit als Möglichkeit der Freiheit – ohne Wahl, ohne Entscheidung, ist seine Freiheit bloß ein diffuses „Nichts“ - es ängstigt den Geist, denn in jeder Wahl steckt die Gefahr der immer größeren Verstrickung in weitere Schuld – die mich immer weiter von mir als „religiösen“ und damit sich in Sicherheit befindlichen Menschen trennt.

Doch wenn ich inne halte und in mich statt in den von mir geschaffenen Abgrund blicke, dann erkenne ich, dass in diesem Moment (und dieser Augenblick ist alles, was wir alle haben) für alles gut gesorgt ist: In diesem Moment gibt es keine Angst, da keine Zeitlichkeit existiert.
In diesem einen Augenblick sind wir alle ewig – Augenblick um Augenblick fügt sich Unendlichkeit zusammen, der Tod hebt sich als Fata Morgana selbst auf.

JETZT haben wir alles, was wir brauchen, JETZT sind wir vollkommen sicher – ein „danach“ ist Illusion - jedes Ausatmen befreit mich von Verbrauchtem, Überflüssigem, jedes Einatmen füllt mich mit Lebendigkeit.

Leben ist jetzt – wenn wir dies spüren, schwindet die Angst. Denn jedes Mal aufs Neue wähle ich: mich, meine Welt, mich in dieser Welt. Ich bin frei. 


 Vom Segel Reffen und ins Leben Zurückfinden

„Du sollst das Segel dann reffen, wenn du das erste Mal daran denkst“, begleitete ein lieber Freund eine Anekdote.

Diesen Merksatz aus dem Segelsport machte ich mir zur Leitlinie für alle jene Situationen, in denen wir uns fragen: „WANN soll ich das tun, mich damit auseinandersetzen, das sagen etc.?“

Tu es DANN, wenn du DAS ERSTE MAL DARAN DENKST. Dann ist die richtige Zeit. Wenn du wartest, kann dich der Wind des Lebens zum Kentern bringen – und in der eisigen Flut der Trauer kann niemand lange schwimmen.

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Gilt all das auch für die Auseinandersetzung mit dem Tod?

Ist es nicht vielversprechender, den Tod aus den Gedanken zu verbannen? Schlussendlich ist er kein Bestandteil des Lebens. Weshalb soll ich ihn derart in mein Leben lassen, dass ich mich bewusst mit ihm auseinandersetze? Für mich gibt es doch kein Sterben – denn mein ICH ist nur in diesem Leben existent.

Wir Menschen sind uns unser selbst bewusst – und zahlen dafür einen hohen Preis: Wir sprechen von uns als ICH in dieser Welt – und durchschreiten damit die Gegenwärtigkeit. Mit diesem „Ich“ projizieren wir uns durch die Zeit, zurück in Vergangenes, voran in die Zukunft. Unser Ich-Bewusstsein gaukelt uns Beständigkeit vor.

Der Tod ist vornehmlich ein kognitives Konstrukt - nicht er ist Bestandteil des Lebens – Vergänglichkeit ist es sehr wohl.

Doch was meint Vergänglichkeit?

In diesem ewigen Kreislauf des Lebens gelingt es uns doch immer nur, Momentaufnahmen zu erhaschen – der komplette Zyklus ist uns nicht ersichtlich. Wir scheinen stetig in einem Augenblick verweilen zu wollen, empfinden Entwicklung als Vergehen.

Wenn du dich bemühst, statisch zu verharren, erlebst du Veränderung als Verlust. Hier lauert das Bewusstsein um unser aller Vergänglichkeit darauf, uns rücklings zu überfallen: Wenn du jemanden verlierst, den du liebst, wenn du deine Zukunft, die Projektion von dir selbst, an Krankheit, Alter, Trauer, Sinnlosigkeit verlierst...

In der existentiellen Psychotherapie führen wir eine Vielzahl von Symptomen, von Depression bis zu Angst und psychosomatischen Störungen, auf nicht konfrontierte Todesangst zurück. Manch´ einer hört auf zu leben, weil nur durch die Illusion des Stillstands Sicherheit, wenn auch nur als Schein, spürbar bleibt. Und dennoch spürt es jeder: das Vermeiden der Auseinandersetzung mit dem Tod raubt uns ein Stück unseres Lebens. Angst ist immer schneller als wir die Augen vor etwas schließen können.

Reffe die Segel, wenn du das erste Mal daran denkst - Durchdenke den Tod, blicke ihm ins Gesicht, wenn er dir als Gedanke gegenübertritt: Das, was wir uns trauen zu erkunden, verliert seinen Schrecken und seine Macht über uns. Setze dich mit dem Tod auseinander: Bis er klein bei gibt und dich zurücklässt ins Leben.