Lebensangst

Du blickst zurück: Das Jahr hat es nicht gut mit dir gemeint. Vielleicht war es auch das ganze Leben.

Du weißt nicht mehr, wie oft du wieder aufgestanden bist, nachdem du gefallen bist, wie oft du deine Hoffnung aus den Scherben deiner Träume neu zusammengebastelt hast. Windschief und wacklig steht sie da, trotzt kaum noch dem nächsten Hauch. Du hast dich aufgerichtet an dem Glauben, es gäbe, irgendwann, auch für dich ein „danach“. Durchhalteparolen skandierend, hast du dir trotzige Rebellion auf hoch gehaltene Fahnen geschrieben, hast dich selbst mit deinem Tun vertauscht, und einmal dachtest du sogar, endlich entschädigt zu sein. Du hast ans Glück geglaubt, bis dir der Köder wieder weggezogen wurde.

Du siehst ein, dass es für dich keine Wiedergutmachung gibt. Nun weißt du nicht mehr, was einfacher, was schwieriger ist: Aufgeben und weitermachen gleichen sich aus, jeder Unterschied taut weg. Du hast verstanden, dass du niemanden retten kannst, dich selbst nicht,

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„Was würdest du tun“, fragt mich ein Freund, „wenn du genau wüsstest, dass morgen der letzte Tag deines Lebens wäre?“ Ich habe ihn erst vor kurzem kennengelernt, als er, desorientiert und in Aufruhr, durchs Klinikum irrte. Er begleitete seine Mutter zur Tumorsprechstunde und suchte die Radiologie. Ich zeigte sie ihm, und während seine Mutter eine weitere Untersuchung über sich ergehen lassen musste, gingen wir einen Kaffee trinken – und freundeten uns an. 
Er ist Statistiker – doch in diesem Fall tut ihm sein Wissen kaum Gutes. Denn, was als Zahlen relativ positiv wirkt: „Im Durchschnitt überleben 80 % der Frauen mit Brustkrebs die nächsten 5 Jahre und über 70 % die nächsten 10 Jahre. 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr, 17.000 sterben pro Jahr daran“ wirkt gleich ganz anders, wenn wir an den Einzelfall denken. Was ist, wenn du zu den 20 Prozent gehörst, die es eben nicht über die nächsten 5 Jahre schaffen? Wenn du eine der 17.000, die es nicht schaffen, bist?

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