Liebe

Du hast mich gefragt, was Liebe sei – und in einem gnadenlosen Akt der Verzweiflung verwies ich dich auf meine alten Blogs. Weil ich sie gerade verliere, weil sie mir wie Wüstensand zwischen den Fingern zerrinnt, weil nur, wenn ich sie spüre, sie auch beschreiben kann. Wenn ich sie verliere, entzieht sie sich meiner Definition. Nur der schale Nachhall einer längst schon vergilbten Erinnerung bleibt. Ich will, wenn wir über Liebe sprechen mit dir auf einer grünen Wiese liegen, tanzenden Schmetterlingen zusehen. Will darauf zeigen, sagend: „Da, schau hin, da ist sie!“

Ich will sie nicht (be-)schreiben, ich will auf sie (ver-)weisen.
Ich will mit dem, der mein Herz ausgeliehen bekam, in die Wolken schauen, Herzen konstruieren. Will freudig darauf zeigen: „Sieh schnell hin!“

Ich will mit dir auf einem Steg die Beine baumeln lassen, das Herz, das Schwanenhälse bilden, die zueinander finden, als schicksalshaftes Zeichen deuten. Und wir schauen uns an, und wir....

...
Weiterlesen ...

„Weil es einfach kompliziert ist, eine Beziehung zu führen!“ beantwortete mein Supervisor meine eigentlich nur rhetorisch gestellte Frage, weshalb Beziehungsgestaltung denn so schwierig sei. Ich hatte eine Praxiswoche voll dramatisch klingender Beziehungsthematiken hinter mir und verzweifelte am Verzweifeln meiner Klienten: Viele von denen, die in einer Beziehung sind, wünschten, sie wären es nicht und viele meiner Single-Klienten sehnen sich nach einer solchen. Internet-Dating und Co. sorgen heute zuverlässig für gebrochene Herzen und blaue Flecken auf der Seele – all die Möglichkeiten, seine tiefsten Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen, auf ein Foto am Bildschirm und einige wenige getippte Worte, zu projizieren – und wie kalt das Erwachen aus dem romantischen Stilisieren des Flirtpartners zum ewig Erwarteten! Kein solches Bild hält dem Abgleich mit der Realität stand. Natürlich bricht diese Scheinwelt bald zusammen, und damit fühlt es sich für den enttäuschten Liebenden an,

...
Weiterlesen ...

„Ah, ich wollte dich auch gerade anrufen, das ist ja Telepathie“, ruft mein Lieblingsmensch ins Handy, und ich muss grinsen. Früher hätte ich jetzt eine Diskussion gestartet, wie achtlos ein derartiger Sprachgebrauch ist, wie fahrlässig es ist, simple Koinzidenzen, Zufälligkeiten, metaphysisch, schlimmer noch; esoterisch, zu deuten, und, überhaupt, wie es sein kann, dass ein Wissenschaftler sich nicht klar darüber ist, dass Sprache unser Denken und sogar unsere Wahrnehmung beeinflusst. Jetzt grunze ich nur ein wenig und lächle dabei, er versteht schon, was ich damit meine, wir kennen uns gut genug (und mir ist durchaus klar, wie anstrengend meine Sprachgenauigkeit jenseits der Psychotherapie sein kann - in der Psychotherapie ist sie ein Wundermittel. An Worten können wir heilen, wenn es die richtigen sind.)

Weiterlesen ...

"Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. [...] Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker dieser Liebe zu sein." 
(aus: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker, btb, S. 26) 

Weiterlesen ...

Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

Weiterlesen ...

Draußen ist es schon dunkel, als du zum Hörer greifst, um deinen Befund zu erfragen. Für dich ist es pro forma, du weißt schon längst, was für dich an der Reihe ist. Seit einem Jahr spürst du den Knoten in deiner Brust, und doch musste erst dein Himmel für dich einstürzen, dass du bereit warst, dir Gewissheit zu verschaffen.
Der Stimme am anderen Ende der Leitung fällt es hörbar schwer, ihr Urteil zu sprechen: Unter viele „Ähm“s und „Ah“s sollen die Signalworte einblenden, doch du verstehst: Es ist ein bösartiger Tumor, ein Karzinom, es muss raus, besser jetzt als später, danach wird man sehen, sicher sind Bestrahlen, Antihormontherapie, eine Chemo ist noch ungewiss.
Und du nickst, bis dir einfällt, dass die andere Person dich ja nicht sehen kann, also lächelst du, vielleicht kann sie das hören. Dann legst du auf und wartest, wartest, dass sich etwas, irgendetwas, in dir tut. Doch nichts als Stille echot dir zurück, selbst das Klirren deines zerspringenden Herzens ist

...
Weiterlesen ...

Wir sitzen uns im Pub gegenüber, enttäuscht starre ich in mein Stout: Vor 25 Jahren in Dublin schmückte den Schaum noch ein Kleeblatt. Also stupse ich mit dem Zeigefinger ein Gesicht, einen lachenden Smiley, in die fest-weiche Konsistenz des Schaums. Ich staune, wie sehr und unmittelbar mir das, was ich jetzt erlebe, gegeben ist.
„Ich verstehe ja jetzt mit meinem Ingenieurs-Verstand theoretisch ungefähr“, sagt meine Begleitung und ich muss schmunzeln: macht er sich doch gerne kleiner, als er ist, „was Viktor Frankl mit seinen drei Pfeilern der Liebe, also Eros, Filia und Agape, meint... aber kannst du vielleicht ein Beispiel bringen?“

Eine meiner seltsamen Angewohnheiten ist, wenn ich nachdenke, über die rechte Schulter meines Gegenübers ins Leere zu blicken, so als dort ob der Himmel eine nur für mich sichtbare Schriftrolle mit meiner Antwort, die ich geben will, entfaltet. Doch nun begegnet mein Blick für eine

...
Weiterlesen ...