Sinn im Leben

Wir sitzen uns im Pub gegenüber, enttäuscht starre ich in mein Stout: Vor 25 Jahren in Dublin schmückte den Schaum noch ein Kleeblatt. Also stupse ich mit dem Zeigefinger ein Gesicht, einen lachenden Smiley, in die fest-weiche Konsistenz des Schaums. Ich staune, wie sehr und unmittelbar mir das, was ich jetzt erlebe, gegeben ist.
„Ich verstehe ja jetzt mit meinem Ingenieurs-Verstand theoretisch ungefähr“, sagt meine Begleitung und ich muss schmunzeln: macht er sich doch gerne kleiner, als er ist, „was Viktor Frankl mit seinen drei Pfeilern der Liebe, also Eros, Filia und Agape, meint... aber kannst du vielleicht ein Beispiel bringen?“

Eine meiner seltsamen Angewohnheiten ist, wenn ich nachdenke, über die rechte Schulter meines Gegenübers ins Leere zu blicken, so als dort ob der Himmel eine nur für mich sichtbare Schriftrolle mit meiner Antwort, die ich geben will, entfaltet. Doch nun begegnet mein Blick für eine

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In der Psychotherapie gehen uns die Ressourcen aus: Wenn im Rahmen der Behandlung von Depressionen, aber auch von Angst- und Suchterkrankungen, es i.d.R. immer dazu gehört, einen Aktivierungsplan mit einem Genusstraining zu verknüpfen, ist es heute selten, auf die Frage: „Was tut Ihnen gut, was machen Sie gerne?“ mehr als ein hilfloses Schulterzucken zu erhalten.

„Ja, Depressive kommen kaum an ihre Ressourcen“, mag nun jemand argumentieren, doch deswegen schieben wir gerne die Frage nach „Was haben Sie früher gerne getan?“. Die meisten von uns werden im Laufe der Karrierejahre so von Zeitmangel in die Knechtschaft genommen, dass vieles von dem, was uns in früheren Lebensphasen noch zugänglich war (und seien es Spieleabende mit Freunden, Städtetrips, Saunabesuche oder Tennis!), abhanden gekommen ist. Doch erinnern wir, dass uns diese Aktivitäten früher einmal Freude bereiteten, uns vielleicht auch in schwierigen Zeiten, Krisen, stabilisierten... Was bleibt davon heute? ... Weiterlesen ...

Kürzlich lud mich der Lehrstuhlinhaber meiner Fakultät, der nicht nur mein Chef, sondern auch ein lieber Freund geworden ist, ein, an einem Projekt zum Thema „Natürliche und Künstliche Intelligenz im Anthropozän“ mitzuwirken, das u.A. einen Vortrag im Rahmen des Ladenburger Diskurses erforderte.

Ich freute mich sehr, meine Ansichten präsentieren zu können, die dystopische Zukunftsszenarien, in denen autonome künstliche Intelligenzen die Menschheit eliminieren, entschärfen. Viel wichtiger erachte ich es, nach Möglichkeiten zu suchen, unsere Menschliche Intelligenz (auch durch Nutzen von KI) vor allem in ihren ethischen Implikationen zu stärken (statt weiter den Niedergang unserer akademischen und, eher noch: unserer sozialen / emotionalen Intelligenz auch durch den übermäßigen Gebrauch von KI zu beobachten).

Als ich das Vortragsprogramm sah, entdeckte ich, dass ich nach Prof. Dietrich Dörner sprechen sollte. Sofort regredierte ich auf den emotionalen Zustand einer

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Während einiger meiner Freunde sich bereits in die freiwillige Selbstisolation zurückgezogen haben, um jeder möglichen Gefährdung und Gefahr durch Ausharren aus dem Weg zu gehen, spüren andere Freunde ebenso die Tatendrang: JETZT will sich noch getroffen werden, JETZT will dieses oder jenes noch erlebt sein. Die Atmosphäre ist von einer ängstlichen Dringlichkeit erfüllt, von einer Erwartungshaltung, dass uns erneut jeden Moment unsere Autonomie, für unsere Bedürfnisse einzustehen, abgesprochen wird.
Freiheit, Selbstbestimmung, Beziehung und Bindung sind ebenso wie Sicherheit, Gesundheit und Bewegung Bedürfnisse. Niemand kann, niemand darf sie für uns reglementieren, niemand darf sie uns nehmen. Wenn wir schon, nach Hannah Arendt, über kein Menschenrecht an sich verfügen,d ass wir nicht immer und immer wieder neu aushandeln, neu erstreiten müssen, so teilen wir mit allen anderen

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In meiner Abiturzeit war ich mit einem irischen Studenten zusammen: Wir hatten uns beim Jobben in einer Pizzeria kennengelernt. Er blieb drei Monate in Deutschland, dann ging er zurück nach Dublin und wir führten eine studentische Fernbeziehung. Ich setzte mich mit in seine Vorlesungen zum Electronic Engineering. Und stellte überrascht fest, dass mir Mathematik in dem Moment Spaß zu machen begann, als die Begriffe nicht mehr auf Deutsch, sondern eben auf Englisch ausgesprochen wurden. Ich liebte alles, was ich für irisch hielt: Ich gewöhnte mir das „gotta head“ für „ich muss mal los“ an, auch, wenn ich es bei meinen Besuchen natürlich nie eilig hatte. Statt Kaffee frühstückte ich schwarzen Tee mit reichlich Milch. Wir gingen zu einem Rugby-Match und davor betranken wir uns mit Guinness. Im Kino wechselten wir mitten in der Vorstellung die Kinosäle, weil der eine Film uns langweilte (so was

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