Sinn im Leben

Es ist spät am Abend, es ist Wochenende, es ist Wies´n-Zeit: Die Saison der zwanghaften Vergnügung ist eröffnet. Ich sitze in einem Café in der Münchner Innenstadt und betrachte durch das große Fensterglas das bunte Treiben auf der Straße. Vor nur wenigen Minuten hieß es auf dem Oktoberfest „nichts geht mehr!“ und nun bewegt, nein: torkelt der träge Besucherstrom an meinem Ausguck vorbei. So viele Menschen, so viele Wünsche, so viele Ziele... und doch nur eine Richtung. Macht es da einen Unterschied, dass die Wege unterschiedlich zu sein scheinen? Einer nach dem anderen ziehen sie vorbei. Wohin, wohin  nur? Was wartet am Ende als das Ende selbst?

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Wir alle sind Menschen auf unserem Lebensweg begegnet, die uns prägten – so oder so. Es sind Begegnungen, die wir als Erinnerungen mitnehmen, die uns begleiten, die uns, retrospektiv oder gegenwärtig, unser Ich spiegeln. Menschen sind es, die uns zerstören, aber auch wachsen und reifen lassen können.

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Wenn mich jemand aufsucht, dann meist, weil er leidet. Manchmal ist es ein träges, zähes Leiden, das sich über viele Jahre wie schwarzer Teer, der in alle Ritzen gekrochen ist, festgesetzt hat, manchmal ist das Leid grellrot und tosend wie ein tropischer Wirbelsturm. Es sind Menschen, die ihre Eltern und Kinder zu Grabe tragen mussten, deren Körper und Seele durch verschiedenste Grausamkeiten Schaden nahmen, Menschen, die die Unwiederrufbarkeit von Entscheidungen beklagen, die an Einsamkeit zugrunde gehen – kurz: Es sind Menschen, die Unerhörtes auszuhalten haben.

Wir Therapeuten können das Leiden nicht von ihnen nehmen – wir können nur helfen, es zu tragen zu versuchen.

Die wenigsten von uns hatten sich irgendwann entschlossen, therapeutisch zu arbeiten, weil ihnen das Leben so wohlgesonnen gewesen war – die meisten von uns entschieden sich, weil sie das Leiden kennen. Weil sie wissen, wie es ist, in den Abgrund der Verzweiflung zu blicken, voll Entsetzen und

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Du willst noch schnell beim Discounter dein Abendessen holen – nicht, weil es deiner Philosophie entspricht, sondern weil er so günstig auf deinem Nachhauseweg liegt. Fürs gute Gewissen kannst du ja Bioprodukte kaufen.

Gerade willst du dein Rad abstellen, als du diesen alten Mann siehst: Schwer auf seinen Krückstock gelehnt, in der anderen Hand eine Tüte eben jenes Discounters, müht er sich ab, seinen Fuß über die kleine Schwelle zu haben, die den Parkplatz des Supermarkts vom Gehsteig trennt.

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Seit einigen Monaten hat sich der Tod in meinem Leben eingenistet: Wie zu einem Picknick im Grünen breitete er seine Decke und packte er seinen Korb aus und ließ sich nieder. Und nun sitzt er da und schmaust: Einen großen Pott Kirschen hat er mit gebracht.

„Vor dem Herbst sterben die Leute eher als die Fliegen“, hieß es damals, in meiner Kindheit, bei uns auf dem Land.

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Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

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Jeder Einzelne ist jeden Tag gefragt, Stellung zu sich in dieser Welt zu beziehen.

Wir als Philosophen müssen unserer ethische Verantwortung, Stellung zum Menschen in dieser von uns konstruierten Welt zu nehmen, laut und deutlich nachkommen. Wir können uns nicht hinter unseren Büchern verstecken, uns selbst vorgaukelnd, die Welt draußen hätte nichts mit uns zu tun, auch und eben weil wir drinnen an unseren Schreibtischen sitzen und sinnieren, während andere draußen sind und das verteidigen, was wir erdachten: Die Reglementierung unserer Menschlichkeit. Wir tragen zur Gesetzbildung bei, das muss uns deutlich sein.

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Kürzlich fragten mich meine Schüler, ob bezüglich Frankls Konzept des sinnhaften Daseins ein Mensch, der als homo patiens der Sinnlosigkeit zu trotzen lernen musste, jemals wieder als homo faber oder homo amans Erfüllung finden kann. Kurz: Sie wollten wissen, ob es einen Weg zurück gibt.

Kann Entwicklung umgekehrt werden, kannst du, dein Kreuz geschultert am Ende deines Leidenswegs, dich umdrehen, zurückkehren in dein „altes“ Leben?

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Die meisten von kennen diese Phasen im Leben, in denen nichts glatt zu laufen scheint: Kleinere und größere Missgeschicke reichen sich die Hand, das Schicksal teilt Kinnhaken aus. Und kaum haben wir uns von einem Schlag erholt und uns aufgerappelt, streckt uns der nächste erneut nieder.

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Als ich frühmorgens an einem Seminarwochenende durch die alkoholschwangere Stuttgarter Innenstadt laufe, stockt mir der Atem: Neben Obdachlosen, die auf Zeitungspapier ihr Nachtquartier die Häuserwände entlang aufgeschlagen haben, haben Flüchtlingsfamilien ihre Schlafsäcke auf den wenigen Stellen, die nicht vom Abfall und Erbrochenen des Partyvolks verunreinigt sind, ausgebreitet.

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Kürzlich begab ich mich auf Spurensuche eines meiner Vorfahren: Ich wanderte den Caspar-David-Friedrich-Weg entlang, der ein Teilstück des Malerwegs in der Sächsischen Schweiz beschreibt.

Dabei ging es mir weniger um die Begegnung mit der Vergangenheit – denn sie existiert nur als Fiktion, sie ist nicht wirklich greifbar, wir erschaffen sie jedes Mal neu, wenn wir sie uns in den Kopf zurück (zurecht) rufen: Ich wollte der Vergänglichkeit begegnen.

An den detailliert beschilderten Plätzen, an denen CDF viele Stunden verbrachte, um Landschaften und Eindrücke auf Papier zu bannen, hielt auch ich inne: Ich atmete tief ein, stellte mir vor, wie er, so lange vor mir, hier saß oder stand und den Blick gen Himmel richtete. Fragte auch er sich, ob jemals Antworten zu finden sind?

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Die moderne Verhaltenstherapie ist zu einem großen Teil von achtsamkeitsbasierten Ansätzen geprägt: Das meint nicht nur, dass wir dem Klienten Meditationstechniken an die Hand geben, ihn ins Yoga oder Qigong schicken oder ihn mit Defusionstechniken aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie Abstand von belastenden Gedankeninhalten gewinnen lassen – das meint vor allem auch, dass wir in einem ersten Schritt Gefühlen, so wie sie sich zeigen, Raum geben. Gefühle dürfen sein, wir lassen sie stehen – ohne sie sofort ändern zu wollen. Doch dabei gilt immer die alte Weisheit:

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Du sagst, du kannst nicht mehr, du wartest auf ein Zeichen. 
So setzt du dich vor den Dornbusch und blickst in hypnotisierend an, damit er sich entzünde.

Wie lange du verharren willst, frage ich dich, während ich dir aus schwefelgelben Wattewolken, die ich vom Himmel pflücke, einen wärmenden Überwurf stricke. Ich hasse Handarbeit.

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