Tagesaktuelle und zeitlose Blogs aus Psychologie, Psychotherapie und Philosophie

Frustriert betrachte ich mein dürres Mandelbäumchen: Versuchsweise breche ich ein Ästchen ab. Es ist trocken, abgestorben, der letzte Frost hat es eingehen lassen. Ich setze mich ins kalte, feuchte Gras, wünsche, ich könnte mich schrumpfen lassen, um mich dann an das Stämmchen anzulehnen. Ich möchte mich verwinzigen, in einem Dickicht untergehen. Wenn ich klein wie ein Marienkäfer wäre, käme ich mir wie im Urwald vor.

Ich rieche Rauch, rümpfe die Nase, „Du rauchst wieder?!“ fauche ich dem Tod entgegen, als er sich neben mich setzt. „Nur Zigarillos“, grient er mich an und klemmt sich den Stummel in seine Schneidezahnlücke.

„Wie ist der Status?“, will er wissen: „Wir haben uns länger nicht gesehen!“.

„Was heißt länger?!“, ich bin genervt, „Glaubst du echt,, dass irgendjemand täglich mit dir zu tun haben mag?“

„Ich

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Als ich Mitte der 1990er aus Spanien zurückkam und in Augsburg zum Philosophiestudium strandete, war es unter uns Studenten gerade sehr en vogue, über die „Gehirn im Tank“ Thesen der zeitgenössischen Philosophie zu debattieren. Das waren sozusagen gedankliche Vorläufer des späteren Hollywood-Blockbusters „Matrix“. Auch das Gedankenexperiment der Forscherin Mary machte die Runde: Sie wuchs in einem farblosen schwarz-weiß Labor auf, studierte die Farblehre, weiß alles über die Wellenlängen des Lichts und den Farben, die so entstehen. Sie weiß, dass der Himmel blau ist, das Gras grün, dass Kirschen rot sind. Doch dann wird ihre Tür geöffnet: Sie tritt nach draußen, wendet das erste Mal den Blick gen Himmel, sieht seine Farben: Macht sie nun eine neue Erfahrung, hat sie einen Erkenntniszugewinn?
(Wer sich jetzt denkt, dass man schon sehr bekloppt sein muss, um über so was

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Im traumatherapeutischen Ansatz „Somatic Experiencing“ sprechen wir von „Global High“: Das meint, dass sich, meist aufgrund von entwicklungstraumatisierenden Ereignissen in der Kindheit, das gesamte Nervensystem in einem Zustand der dauerhaften Übererregung befindet.

Ziel der Traumatherapie ist es, dem Organismus wieder Zugriff auf seine selbstregulatorischen Fähigkeiten zu ermöglichen. Er soll autonom zwischen sympathisch induzierter Erregung und parasympathisch gesteuerter Entspannung je nach Bedarf pendeln können

Im Menschen ist der Nervus Vagus das dritte aktivierungsregulatorische System: Der dorsale Anteil des Nervus Vagus spielt im traumatischen Geschehen insofern eine Rolle, dass er „Freeze“, Dissoziation auf tiefer organismischer Ebene, bedingt – dies ist der letzte verbleibende Überlebensimpuls, immer dann, wenn Fight oder Flight, also Angriff oder Flucht, nicht möglich sind. 

Wenn Kindern Traumatisches widerfährt, haben sie meist nicht die Wahl:

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In dir lebt noch immer ein kleiner Junge, oder ein kleines Mädchen,

Stell dir vor: Du wächst mit der Annahme auf, dass die Welt und ihre Bewohner so gefährlich ist, dass du beständig den Schutz und die Allwissenheit deiner Eltern brauchst. Du selbst bist hilflos.

Stell dir vor: Du wächst mit dir verliehenen Attributen auf, du seist für nichts zu gebrauchen, den anderen nur eine Last, zu dumm, um auch nur einmal das richtig zu erledigen, was man dir aufträgt. Nicht mal für die Müllabfuhr bist du zu gebrauchen.

Stell dir vor: Du hast kranke, bedürftige Menschen in deiner Umgebung, die es zu schonen gilt – für deren Stimmung, für deren Zustand du mit verantwortlich bist.

Stell dir vor: Du wächst damit auf, dass dir deine Gefühle nicht erlaubt sind, dass du verspottet wirst, wenn du weinst, dich fürchtest – oder auch lachst.

Stell dir vor: Jemand öffnet von außen die Toilettentür, wenn du drinnen bist, um dich beim Toilettengang zu fotografieren

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Der ein oder andere erinnert ich an die Musik der 1980er Jahre: Eine Zeit der Neuerfindung der Individualität, eine Zeit der grellen Einfachheit, der fehlenden Beschämung, das Gute im Leben zu wollen. Eine Zeit, in der es erfüllend war, an die Macht der Liebe zu glauben.

Und auch, wenn ich nie viel mit der NDW anfangen konnte, klingen mir in den letzten Tagen doch immer mehr einige Zeilen aus einem Song von Codo im Ohr:

„Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt
Und bring' die Liebe mit von meinem Himmelsritt.

Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spass,
Viel mehr Spaß als irgendwas.

Objekt überwindet den Hassschirm.
Ätzend, ich bin so ätzend, alles zersetzend:
Ich bin der Hass.

Und ich düse, düse, düse, düse im

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Achtsamkeit ist seit einigen Jahren das neue Modewort: Sowohl die Psychotherapie will auf achtsamkeitsbasierte Ansätze nicht mehr verzichten, doch auch in der Selbsthilfe wird die Fokussierung auf die Gegenwart groß geschrieben. Meditation, Atemübungen, wertfreie und gegenwärtige Wahrnehmung – all das kann als Übung Bestandteil von eines achtsamen Lebens sein. Eine beliebte und einfache Übung hin zu mehr Achtsamkeit ist beispielsweise, sich auf den Atem zu konzentrieren und dadurch Distanz zu den Gedanken zu schaffen.

Achtsamkeit meint, im Hier und Jetzt zu sein – ganzheitlich, also mit Körper, Seele und Geist. Das ist weitaus herausfordernder, als es ist – schweifen unsere Gedanken doch nur allzu gerne ins Gestern ab oder nehmen das Morgen vorweg. Beide, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft, sind dabei nicht real. Erinnerungen sagen mehr über uns im Präsens aus, über unsere Befindlichkeiten, Sehnsüchte, Verletzungen, als über das, was

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Nicht nur in meiner Praxis, auch privat, hinterfragen immer mehr Menschen ihre Beziehungen: Oft wird der Partner dann als Narzisst „entlarvt“ - oder manch´ einer kommt gar auf die Idee, sich selbst als Narzisst zu entdecken. Meistens war wieder irgendein Selbsthilfebuch á la „Heirate dich selbst, wenn du glücklich werden willst“ oder auch „Heilen nach einer narzisstischen Beziehung“ Auslöser für die Spurensuche.

Ich halte wenig von dieser Methode der Selbstdiagnose: Fast immer ist sie falsch.

Nicht jede Beziehung, die scheitert, geht am Narzissmus eines der Beteiligten zugrunde. Nicht jeder, der es (noch) nicht schafft, in eine stabile, überdauernde Beziehung zu finden, ist persönlichkeitsgestört.

Narzissmus ist eine tief greifende Störung, die sich schon auf der primären Wahrnehmungsebene bemerkbar macht: Ein Narzisst nimmt die Welt (und vor allem die anderen Menschen) so wahr, als ob jede Handlung, jedes Ereignis sich auf ihn bezieht. Zumeist in ein sehr

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Aus der Gedächtnisforschung wissen wir genug, um eine durchaus weitreichende Behauptung zu belegen: Jede Erinnerung sagt mehr über mein gegenwärtiges Erleben als über die Vergangenheit aus. Manche gehen so weit um zu denken, jede Erinnerung käme einer Erfindung gleich, sei eine rückwärts gerichtete Illusion, so, wie eine Zukunftsvision eine vorwärts gerichtete ist.

Sicherlich ist irgendetwas geschehen, es wird nicht behauptet, wir würden einer reinen Halluzination erliegen, wenn wir uns erinnern. Und doch scheint eine Erinnerung mehr einer Fata Morgana, einer Luftspiegelung, oder auch einer Chimäre zu gleichen: Schon im präsenten Erleben werden Ereignisse nicht unverzerrt wahrgenommen – wir erleben doch immer aus der eigenen Perspektive heraus und schon in der Wahrnehmung und in der folgenden Weiterverarbeitung ändern wir die faktischen Begebenheiten ab. Im Weiteren, jedes Mal, wenn wir uns erinnern,

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