Saudade: vom heilenden Gefühl des unwiderruflich Verlorenem

 

In der Traumatherapie haben wir es oft mit einem Phänomen zu tun, das die Bezeichnung „speechless terror“ trägt: Das Entsetzen angesichts eines Ereignisses ist so übermächtig, dass uns unsere menschliche Fähigkeit, das, was wir erleben, sprachlich zu kodieren, temporär verloren geht.
Aus einer humanistischen Perspektive nach Carl Rogers bedeutet diese sprachliche Unzugänglichkeit eine inkongruente Symbolisierung auch affektiver Zustände – wir können unser organismisches Erleben nicht mehr in Bezug zu uns, zu unserem Selbst- wie auch Weltbild, setzen, der Bezugsrahmen fehlt. Etwas vereinfacht ausgedrückt meint das: Wir scheinen psycho-physischen Erlebniszuständen ausgeliefert zu sein, die vage bleiben, die wir nicht beschreiben und damit unserer ratio zugänglich machen könnten.

Das, was wir nicht durch-denken, das, was wir nicht be-greifen und konsequenterweise nicht abstrahieren können, entwickelt ein Eigenleben: In den dunklen Winkeln unseres Vorbewusstseins (das, was wir nur vage spüren, nicht benennen können) wird es übermächtig (In der Gestalttherapie würden wir von einer noch nicht zur Gestalt gewordenen Figur sprechen), dort zieht es weiter Aufmerksamkeit und Energie auf sich – um dann in spezifischen Trigger-Situationen andere Wahrnehmungen zu überlagern.

In der Therapie begebe ich mich mit meinen Klienten auf die Suche nach der adäquaten Benennung solcher noch unzureichend symbolisierter Erlebnisinhalte. Wenn wir das unbestimmte affektive Erleben schließlich angenähert haben, wenn wir es in allen wichtigen Details beleuchtet haben, dann erfolgt die Benennung. Und mit dem, was ich den „Rumpelstilzchen-Effekt“ nenne, löst sich mancher Dämon, mancher Animus, auf: Das übermächtig-grotesk Entsetzliche mutiert, es wird mit der Benennung zu etwas Erfahrbarem, das nun in meine Selbst- und Weltwahrnehmung integriert werden kann. Ich kann es als „vergangen“, als „geschehen“, ablegen.

 

 

Was oft dann neu entsteht, ist ein affektiv-emotionales Empfinden, für das das Deutsche, wohl aber das Portugiesische, keine entsprechende Begrifflichkeit aufweist: „Saudade“ beschreibt einen Zustand der erlebten Einsamkeit, des Schmerzes, der Sehnsucht und Melancholie, der durch und durch von dem Bewusstsein begleitet ist, etwas Wundervolles unwiederbringlich verloren zu haben.
Auch außerhalb von traumatischem Geschehen begegnet uns dieses Gefühl: im Blick auf die Weite des Ozeans, in der sachten Erinnerung jener Berührung deiner Schulter, die du nie mehr spüren wirst; in der Selbstversunkenheit, wenn du dich in liebenden Augen eines Gegenübers spiegelst; im stillen Innehalten, wenn das lang Verlorene wie eine Hand, die sich von Innen an einen Stor-Vorhang legt, um ihn einen Spalt zu öffnen, sich bemüht, für eine Sekunde nur n dein Bewusstsein zu dringen... Saudade erfüllt dich, wenn du hinter all dem Schmerz das glückselige Geschenk erahnen kannst, dass das, was du erleben durftest, zu groß war, um es zu behalten.

Mit dieser Erkenntnis bist du bereits wieder auf dem Weg, die Integrität deines erlebten Selbst zurückzugewinnen. Nicht mehr du bist ganz Verlust – du hast etwas verloren, das du zuvor erfahren hast.


Habibi: Ruh´ aus dein müdes Herz nach all der Jahre Wanderschaft

Der Sommer ist beinahe vorbei und wie jedes Jahr zu dieser Jahreszeit drehen sich viele meiner Patientengespräche um die Liebe (und artverwandte Unpässlichkeiten): Viele Beziehungen überlebten den gemeinsamen Urlaub nicht, so manchen Flirt in der heißen Sonne kühlte das Air Conditioning im Flugzeug nur allzu schnell wieder herunter. Den Dauersingles ist wieder einmal ein Sommer entwischt, nun droht schon der Herbst mit seiner Endgültigkeit. Doch eine Restgruppe hadert noch mehr als die anderen: Es sind die Menschen, die eine Sommerliebe fanden und nun vor der Entscheidung stehen, sich auf einen Beziehungsversuch einzulassen. Oder doch lieber gleich Rilkes „Herbsttag“ zur Hand zu nehmen:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 


(Rainer Maria Rilke, 1902)

Selbst jene, die ihre Bindungssehnsucht über viele Monate hinweg hegten und pflegten, die die Vorstellung einer festen Beziehung idealisierten und dachten, dass eben jene ihr Schlüssel zum Glück sei – selbst (oder gerade) jene schrecken nun oft vor dem Wagnis einer Alltagsbeziehung zurück.

Ja, sie ist ein Wagnis – wenn sich alkoholgeschwängertes sommernächtliches „laissez-faire“ und Leidenschaft nun dem Weckerklingeln um 6 Uhr morgens stellen müssen, wenn man nicht mehr darauf achten kann, sich nur links im Profil zu zeigen, weil das die Schokoladenseite ist... wenn man dem Schnarchen nicht mehr dadurch entfliehen kann, dass man einfach ins eigene Hotelzimmer geht... wenn auf einmal der Lebensstil, Ernährungsgewohnheiten, Alltagsroutinen, Expartner*innen, Familie, Kollegen/innen und der ganze Freundesclan eine Rolle spielen... 
Wo ist sie plötzlich, die unbeschreibliche Leichtigkeit der Begegnung? Nun stellen sich manche die Frage, ob „sich das denn lohnt“. Was sie meinen, ist meistens, ob sie wirklich schon bereit sind, die Idee des ewig währenden Dauerverliebtheitsrausches aufzugeben – oder ob sie nicht lieber noch, die Illusion der nie müden Schmetterlinge im Bauch symbolhaft vor sich her tragend, einige Runden auf dem ergiebigen Markt der einsamen Herzen drehen wollen. Eine reale Enttäuschung auszuhalten ist oft einfacher als einen sehnsuchtsvollen Traum zu begraben – selbst, wenn wir ihn bereits als Utopie erkannt haben.

In solchen Fällen erzähle ich meinen Klienten manchmal eine kleine Geschichte (wir Hypnotherapeuten aus der Tradition von Milton Erickson versäumen kaum eine Gelegenheit, Geschichten zu erzählen): Ich erzähle, wie ich kürzlich in einem Lokal war, das den klangvollen Namen „Habibi“ trug. Ich erzähle meinen Klienten, dass .. Habibi... das Wort für mich wie eine endlose weiche Wüste klingt, mit sanft geschwungenen Dünen und in der Sonne glitzernden Oasen, es lässt den Duft nach orangefarbenen Sand atmen und öffnet sich dem Blick auf das nächtliche sternenübersäte Firmament. Der Klang ruft vage Erinnerungen nach Berührungen hervor, nach Fingern, die sanft die Wange streicheln, nach der Empfindung, wie es ist, wenn in deinen Armen jemand weint.

„Was heißt denn das, Habibi?“ will ich vom Lokalbesitzer wissen, und er strahlt mich an: „Mein Schatz, mein Geliebter, heißt Habibi“, entgegnet er mir - „wenn du einen Mann rufst. Eine Frau, die Geliebte, der Schatz des Mannes, wird mit Ḥabībati bezeichnet.“

Jetzt frage ich dich: Welches ist das Gesicht, das du vor deinem inneren Auge siehst, wenn du dich an den Klang des Wortes schmiegst, wenn du deine Sehnsucht darin badest, wenn du die Vokale trinkst? Schau es dir an, was siehst du?

Dann wirst du wissen, ob du gehen oder bleiben willst.


Zeit = transzendierte Liebe

Kürzlich, während eines mehrtägigen Seminaraufenthalts, lief ich morgens immer dieselbe Strecke: Für meine Runde, die 8,2 km betrug, habe ich stets eine vergleichbare Zeit gebraucht. Doch dann, als ich eines Morgens wie gewohnt nach meiner Laufrunde auf meine Uhr blickte, zeigte sie mir 10,2 km in der gleichen Zeit an. 
Natürlich ist klar, dass sich das Raumzeit-Gefüge wohl kaum plötzlich verschoben hat, sondern dass meine Uhr sich „verzählte“. 
Und doch stolperte ich gedanklich über den Sprachgebrauch: Ich wunderte mich, weshalb wir von „dasselbe“ und „das gleiche“ bzw. weshalb wir von derselben Strecke, aber von der gleichen Zeit sprechen.  „Dasselbe“ 
setzt eine Identitätsbeziehung – „Das gleiche“ jedoch nicht.

Die grammatikalische Struktur  impliziert die Möglichkeit der Invariabilität des Raums, jedoch nicht der Zeit... Woran liegt das, fragte ich mich – und diese Frage ließ mich nicht mehr los. Ich begab mich wieder einmal auf Spurensuche nach einer der alten ungelösten Fragen der Philosophie: Was ist Zeit? Existiert Zeit an sich? Über mehrere Tage begleitete diese Fragestellung meinen Alltag, sie ging mit mir schlafen, wachte mit mir auf, bestimmte meine Bettlektüre, trabte mit mir am Flussufer entlang. Und kontinuierlich klopfte mir dabei (der von mir in seiner verzweifelten Zerrissenheit so geliebte) Sören Kierkegaard gedanklich auf die Schulter – was mich sehr erstaunte, denn als Analytischer Philosoph ist Kierkegaard wohl kaum zu verstehen. Doch dann, als ich durch dichten Nebel lief, der nur die Dinge, die direkt vor meinen Augen erschienen, klar sich zeigen ließ und in seinen Schwaden alles, was dahinter lag, verbarg, konvergierte für einen Moment mein Denken: Und meine Frage löste sich auf. Ich hatte meine Antwort: Zeit = transzendierte Liebe (Liebe im Sinne Erich Fromms).

[Exkurs:

In der Kantschen Tradition ist Zeit wie Raum eine Verstandeskategorie, die unabdingbare Voraussetzung dafür, überhaupt etwas wahrnehmen zu können. Außerhalb dieser Anschauungsform, „an sich“ existiert beides nicht. Dieses Verständnis der Zeit als wesentlich Unwirkliches, sich allein auf die Erfahrung von uns Menschen begründend, ist weit verbreitet. (Der Physiker Lee Smolin jedoch spricht der Zeit wirklichen Charakter zu und will damit ein neues Verständnis von Realität und Zeit vermitteln.)

Ich verstehe Zeit als wahrgenommene Veränderung (Zeit = wahrgenommene Veränderung) von Objekten / Zuständen im und des Raums. (So wie ein Dreieck eine von drei Linien begrenzte Fläche ist, wie H2O Wasser ist – und sich nicht daraus ergibt oder Ähnliches).

Die wahrgenommene Veränderung bildet eine Zustandsänderung, mithin die Energieveränderung, von Materie ab (entspricht ihr nicht vollkommen, denn nicht jede Veränderung nehme ich wahr). Dies wiederum erinnert sehr an das (philosophische) Verständnis von Information, die neben den physikalischen Größen Energie und Masse als immaterielle Größe unsere Welt konstituieren mag (so führt z.B. Klaus Hofer Information in der SEMI-Theorie als 11. Dimension neben den Raum-Zeitdimensionen der Superstringtheorie ein. Wenn seine Berechnungen des Informationsquotienten stimmen, kann damit der beginnende Übergang zur Singularität und schließlich zu Maschinenlebewesen verargumentiert werden).]

Entspricht Zeit vielleicht Information? Information meint die Möglichkeit der Veränderung, entspricht einem Entwicklungspotenzial, ist schlussendlich Durchdrungensein von Möglichkeiten. Das, was uns als Lebewesen auf dieser Informationsebene verbindet, ist Lebendigkeit. Leben strebt nach seiner Weiterentwicklung, nach der Verwirklichung seines Potenzials. Auf dieser Ebene erkennt sich das Ich im Du, erspürt intuitiv-empathisch das Alles-Verbindende. Dieses Erkennen jedoch, das Erahnen der Aufhebung der monadischen Einsamkeit durch Empathie, ist verschränkte Information, ist transzendierte Liebe: Liebe, die über mein Einzeldasein hinausreicht, sich andockt an das Transzendentale – sie hebt Zeit auf, weil sie Zeit IST. Hier hebt auch der Tod sich auf, die existentielle Einsamkeit wird Hirngespinst.

(Und mit diesem Verständnis möchte ich Kierkegaard über die Zeit hinweg zurufen: Du hättest nie glauben müssen, du hättest nie deine fehlende Transzendenz missen müssen – du hättest Regine heiraten können. Es hätte dich transzendiert.)


Von der Wahl des eigenen Schicksals und der Überlebensschuld

 

Dass Schmerz im Leben unvermeidlich, Leiden jedoch selbstgemacht ist, ist keine neue Erkenntnis der Akzeptanz und Commitment-Therapie. Schon im 1. Jhd. nach Chr. betonte der griechische Philosoph Epiktet, dass nicht die Dinge an sich, sondern unsere Vorstellung davon uns beunruhigen. Das bedeutet nicht, dass wir die Existenz von kaum Auszuhaltendem, von furchtbaren Ereignissen verneinen würden – das meint nicht, dass wir Unglück und Schmerz entwerten. Diese Einsicht, dass wir selbst Einfluss auf unser emotionales Erleben haben, gibt uns vielmehr eine große Freiheit zurück,. Vielleicht die größte, die uns Menschen innewohnt: die Freiheit der Wahl. Wenn wir schon manches Mal die äußeren Umstände, jene Externa, die Anlass (nicht Ursache!) unseres Leidens sind, kaum beeinflussen können – was uns immer bleibt, ist die Freiheit, Stellung zu dem Geschehenden zu beziehen. Viktor Frank verweist hier auf die so genannte noetische (geistige) Dimension (das griechische nous meint „Geist“) - wir als Menschen sind in der Lage, trotz allem das Leben zu bejahen.

Als Menschen sehen wir uns der „tragischen Trias“ aus Leid, Schuld und Tod gegenüber, so Frankl. Ich würde eventuell noch eine vierte Variable einführen: die der Hilflosigkeit im Bezeugen des Leidens derer, die du liebst. Das nicht-verhindern-Können der Qualen anderer Personen erscheint mir mit einem noch weitaus intensiveren Leiden verbunden zu sein, als selbst Leiden auszuhalten. Dem eigenen Leiden kann ich Sinn verleihen – doch dem Leiden anderer? Nicht wissen zu können, wie sich der Schmerz des anderen anfühlt, ob er ihm standhalten kann, ohne zu zerbrechen, die Angst, die Qual in fremden Augen zu sehen – das ist wohl die größte Pein, die liebenden Menschen widerfahren kann. (Im Blogbeitrag: Leiden ist nicht quantifizierbar: Ich hoffe, du liebst mich lange nicht so wie ich dich)

Oft ist diese Hilflosigkeit die Ursache für Traumata, mit denen Menschen zu mir kommen: Es ist nicht immer das eigene, es ist bezeugtes Leiden, das uns innerlich zerstört. Hier hilft kein Reframen mehr (eine kognitive Technik, die unlautere Kausalverknüpfungen aufzulösen trachtet), hier kann nur noch in Ausnahmefällen als tragischer Held Sinn im Irrsinn gefunden werden. Es gilt: Du musst aushalten, ausharren. Was du dem anderen Menschen abgenommen hast, ist, dein leiden bezeugen zu müssen.
Das heißt: Wer wirklich liebt, kann nicht wollen, dass er einer anderen Person sein Leiden abnimmt. Das würde die andere Person dazu verurteilen, in der Hilflosigkeit mein Leiden auszuhalten.


Wer wirklich liebt, kann nur wollen, dass überhaupt kein Leiden entsteht – und alles daran setzen, eben jenes zu verhindern.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir beinahe alle auf die eine oder andere Weise spirituell oder gläubig sind. Es scheint unserem Denken intrinsisch zu sein, transzendieren zu wollen – sich eingebunden fühlen zu wollen in ein übergeordnetes „Ganzes“.

Ich gehe davon aus, dass alles, was wir tun, seine Wirkung entfaltet – die ihre Bahnen zieht und auf uns zurückfällt. Nicht immer auf uns als Individuen, nicht diesem meinem Körper Schmerz verursacht - doch auch jene trifft, die uns am nächsten stehen. Dass sowohl Gutes (im Sinne von: lebenserhaltend) als auch Böses (lebensverachtend) sich potenzieren, wenn wir sie in die Welt geschickt haben. Dass wir, wenn wir Stellung beziehen angesichts unseres Schicksals, vielmehr Stellung beziehen angesichts unseres eigenen Tuns. Und genau hier liegt unsere Freiheit: Wir können unser Schicksal wählen.

chicksals, vielmehr Stellung beziehen angesichts unseres eigenen Tuns. Und genau hier liegt unsere Freiheit: Wir können unser Schicksal wählen.

 


Wie die Peking Oper hilft, große Gefühle zu bewältigen

Von den insgesamt nur fünf so genannten Primärgefühlen, also jene Emotionen, die wir nicht nur mit allen höheren Säugetieren zu teilen scheinen, sondern die uns auch ins Gesicht geschrieben stehen, hätten wir vier lieber nicht: Nur die Freude fühlen wir gerne – die anderen Grundgefühle vermeiden wir lieber.

Wut, Trauer, Angst, Ekel und Freude gelten dabei als interkulturelle und angeborene Gefühle. Wer über ein gesundes, spiegelfähiges Gehirn verfügt, kann diese fünf Emotionen intuitiv und sehr genau aus der Mimik unseres Gegenübers ablesen. Diese Grundemotionen haben unserer Spezies durch ihren handlungsauffordenden Charakter auch das Überleben gesichert: Emotionen motivieren uns also, etwas zu tun – oder es besser sein zu lassen.

Deswegen zeichnen sich Emotionen (außerhalb des psychopathologischen Störungsbereichs) auch durch eine relative Kurzlebigkeit, durch ihre Flüchtigkeit aus. Sie sind nicht wegen ihrer selbst spürbar, sondern das emotionale Erleben soll ein bestimmtes Verhalten bewirken. 
Doch oft genug wirken unsere Emotionen unkontrollierbar: Wir werden von ihnen überschwemmt, glauben uns ihnen ausgeliefert. Insbesondere unsere so genanten Sekundäremotionen, die von unserer Kultur und Erziehung geprägt sind (wie Scham, Frustration, Irritation, Eifersucht, Entsetzen etc.), scheinen ein Eigenleben zu führen. Sie drängen sich auf und bleiben. 
In der humanistischen wie auch in der Verhaltenstherapie verfügen wir über eine Vielzahl von Methoden, um mit diesen (ungewollten) Gefühlen umzugehen: Im Humanismus konzentrieren wir uns z.B. Darauf, die Gefühle in die Bedürfnisse, die sie verursachen zu übersetzen – um dann entsprechende Handlungen planen u können, die auf unsere Bedürfnisbefriedigung abzielen. Wir lernen, echte von den „Pseudogefühlen“ zu unterscheiden – letztere implizieren einen Schuldzuspruch an eine andere Person / die Umstände, sie stellen mich als Opfer dar und verwechseln einen Gedanken mit einem Gefühl. „sich im Stich gelassen fühlen“ ist beispielsweise ein Pseudogefühl: Ich DENKE, dass ich im Stich gelassen bin. Wenn ich das denke, fühle ich (und hier sind große interindividuelle Unterschiede festzustellen) mich auf der primäremotionalen Ebene wütend, oder traurig, oder ängstlich... sekundäremotional bin ich vielleicht enttäuscht oder frustriert oder beunruhigt... Welches Bedürfnis steckt nun dahinter? Was brauche ich, wenn ich mich entsprechend fühle? Die meisten von uns werden völlig richtig mit „Ich brauche Unterstützung von einer anderen Person“ antworten. 
In der kognitiven Verhaltenstherapie werden wir uns darauf konzentrieren, welche Gedanken mit diesem ungewollten Gefühl verbunden sind. Was DENKE ich, um mich schlecht zu fühlen, was könnte ich denken, um mich anders / besser zu fühlen? Hier richtet sich die Therapie auf die Untersuchung von so genannten dysfunktionalen Glaubenssätzen bzw. irrationalen Annahmen aus. 
Doch manchmal scheint kein Therapieansatz zu greifen – wir glauben, schon längst in den Abyss gestürzt zu sein, in diesem Krater aus Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit oder Terror zu versinken... Auch außerhalb einer manifesten Depression, Angststörung oder anderen affektiven Erkrankung ist wohl jeder von uns im Laufe seines Lebens schon mit kaum zu bewältigenden, beinahe unaushaltbaren Gefühlen konfrontiert worden. Wohl kaum jemand, der noch nie glaubte, vor Liebeskummer zu vergehen! Wohl jeder weiß, wie es sich anfühlt, so traurig zu sein, dass wir einen ganzen Ozean mit unseren Tränen füllen könnten! Und im Erleben der überflutenden Emotion fühlen wir uns so einsam wie nie zuvor – uns erscheint das Universum als schwarzes Loch, in dem wir in Einzelhaft sitzen. Niemand teilt dieses Gefühl mit uns, so glauben wir.

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Manchmal hilft es hier, das eigene Erleben zu stilisieren. Denn über das Stilisieren der Emotion wird es wieder möglich in Distanz zu ihr zu treten – und das Stilisieren verdeutlicht, dass es kein Gefühl gibt, das rein privat wäre, das nicht ein anderes Wesen schon vor uns, mit uns, nach uns haben wird.

Techniken der Peking Oper erweisen sich hier als wunderbare, wenn auch unorthodoxe Therapiemethodik. Denn wenn es ums Stilisieren von Gefühlen geht, zeigt uns die Peking Oper sehr genau, was Linderung verspricht! Denn während unser europäisches Theater die Individualität und das authentische Spiel in den Vordergrund stellt (e), abstrahiert die Peking Oper vom individualistischen Gefühl – z.B. geht es auf der Bühne in der Peking Oper (chinesisch: 京剧Jīngjù) nie um das Weinen echter Tränen – Weinen wird im klagenden Tonfall und gestisch als Abtupfen der Wangen mit dem langen Ärmel dargestellt. In der Peking Oper gibt es traditionell vier Rollentypen (die jedoch alle weiter untergliedert werden): die Rolle des Shēng (, männliche Hauptrolle), die des Dàn (, weibliche Hauptrolle, früher immer von Männern gespielt), dem Jìng (, die bunten Masken, die hier getragen werden bzw. die bunte Schminke stellt dabei die wesentlichen Charaktereigenschaften der Rolle dar – so dass bereits beim ersten Anblick gewusst werden kann, ob die dargestellte Person z.B. loyal oder ein Verräter ist) und schließlich der Rollentypus des Chǒu (, Clown – was aber weit mehr als unser westlicher Clown meint). Alle diese Rollen haben für sie typische Kostüme, aber auch eine spezifische Gestik, Mimik und Bewegungsfolge.

Gefühle werden häufig im Gesang und mit stilisierten Gesten (wie z.B. dem überbetonten Tränenabwischen) zum Ausdruck gebracht. 
Diese Entfremdung können wir für uns selbst nutzen – in der Akzeptanz und Commitment Therapie, ACT, wird dies als Defusion des affektiven Erlebens angestrebt. Versuche es doch einmal selbst: Wie würdest du deine Angst so auf die Bühne bringen, dass jeder im Publikum auf den ersten Blick dein Gefühl erkennt? Welche Bewegung passt zu deiner Sehnsucht? Welche Geste spiegelt die Verzweiflung? Welche Farben, welche Schminke, welche Kleidung passen? Ziel ist, dass ein potentieller Zuschauer aufs Erste das dargestellte Gefühl versteht. 
Je mehr du dich darauf einlässt, umso mehr erreichst du die Kontrolle über dein emotionales Erleben zurück. Du bist dem Gefühlserleben nicht mehr ausgeliefert, im Gegenteil: Indem du ihm szenisch Ausdruck verleihst, wirst du wieder zum Regisseur deines Lebens, du schreibst wieder dein eigenes Lebensskript.

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