Tagesaktuelle und zeitlose Blogs aus Psychologie, Psychotherapie und Philosophie

Gedanken des Tages

Tagesaktuelle Blogs zu verschiedenen Themen: Glück und Unglück, Liebe und Schmerz, Trauer und Tod, Hoffnung und Sinnsuche, Krankheit und Trost

Heute also ist es wieder soweit: An einem wolkigen, verregneten Tag, dem 9. Mai 1921, wurdest du geboren. Ich war schon geübt im Gebären, du warst mein 3. Kind, das verunsicherte mich nicht.

Und doch wurdest du in eine Atmosphäre der Unsicherheit hineingeworfen. Eine Atmosphäre, die schnell, viel schneller als gedacht, zu einer Stimmung der Angst wurde. Vielleicht war es bereits ein Vorbote der Wolke des Hasses, die sich irgendwo dort hinten am Horizont begann zusammenzuballen, dass Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti  in einem mehr als fragwürdigen Prozess wegen angeblichen Raubmords im September zum Tod verurteilt und,

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Wer sich heutzutage fürchtet, tut sich leicht(er): Er fürchtet sich VOR etwas. In der Regel davor, dass eine bestimmte Situation eintritt. Er fürchtet sich, sich oder seinerseits andere anzustecken, krank zu werden, dahinzusiechen. Also wappnet er sich mit Atemmasken, schluckt Vitamine, stärkt sein Immunsystem, isoliert sich, folgt politischen Vorgaben, raunzt andere Menschen an, wenn der geforderte Mindestabstand von 1,5 m nicht eingehalten wird. Angst zu haben jedoch ist wie Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Angst entzieht sich. Wo, was, wer und wie sind die Angstgespinste, gegen die ich mein Schwert erheben kann?

Kurz: Wer sich fürchtet, kann sich rüsten, kann etwas TUN. Wer sich ängstigt, glaubt sich ausgeliefert, sieht sich wehrlos, hilflos.

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In meiner Studentenzeit verdiente ich mir mein Auskommen selbst. Einmal hatte ich einen kleinen Job: Bei einem großen Event heuerte ich als Wahrsagerin, als Orakel an. Es war ein riesig inszeniertes Firmensommerfest, und ich rückte mit einem bunten Zelt, meinen Tarotkarten, einer Glaskugel und meiner schwarzen, langen Perücke an. Ich war relativ bewandert im Hand- und Karten lesen. Manch einer mag sich fragen, woher diese Kenntnisse stammten - hatte ich doch bereits Psychologie studiert, die sich, damals noch stärker als heute, als Naturwissenschaft etabliert glaubte. Die stärksten Gegner der Naturwissenschaft sind wohl Esoterik, sind Mystik und Prophetentum – wie vielleicht die Theologie das Hinterfragen der Philosophie herausfordert: Und genau deswegen tauchte ich in deren Abgründe ein – ich wollte verstehen, nach welchen Prinzipien sie sich richten.

Sobald ich meine Orakelstätte eingerichtet hatte, in

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Es scheint eine Zeit, in der Solidarität hoch gepriesen und kaum gelebt wird. Eine Zeit, in der du durch die stillen Straßen eilst und Passanten sich, sollten Wege sich kreuzen, Ausscherspuren durch den Matsch am Wegesrand pflügen. Du versuchst, einen Blick mit einem Lächeln einzufangen, doch jeder hat seinen Kopf längst in die andere Richtung gedreht – sogar Hunde, die an einer Schleppleine laufen, werden als potentielle Gesundheitsgefährder mit zusammengekniffenen Augen und zusammengepressten Lippen beäugt. Die Welt hat wieder einen Feind und zieht sich zusammen, macht sich klein: Grenzen sind hochgefahren, Gesichter verdeckt, alles, was hineinlassen könnte, Landesgrenzen, Türen, Fenster, Nasenlöcher, Münder, Augen und Ohren werden verengt und abgedeckt.

Zettel kleben an Türen: Nachbarschaftshilfe wird ausgelobt. Menschen, die für andere einkaufen würden, selbstverständlich kostenlos.
Zettel kleben an den Supermärkten: „Abstand halten, mindst. 1,5 m“. Und die

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Der Morgen ist noch kühl, als ich los laufe. Später, bald schon, wird das Thermometer in die Höhe schnellen, wird 35 Grad und mehr anzeigen. Und ich, ich werde mich, träge und eingelullt, der Sonne hingeben, meine Haut ihre Strahlen trinken lassen, spüren, wie sie mich nach und nach erfüllt.

Doch noch ist Zeit zum Laufen: Wie ich es genieße, ohne Schuhe am Strand entlang zu joggen, den noch kühlen, feuchten Sand unter meinen Fußsohlen zu spüren, ungefiltert wahrzunehmen, wie mein Körper durch sein Gewicht ein wenig in der Weichheit einsinkt. Und dann holt sich das Meer mit der nächsten verebbenden Welle seinen Platz zurück, füllt meine Spuren mit Salzwasser, manchmal schmatzt es dabei, und wenn ich zurück blicke, sehe ich eine wieder unberührte, glatte Ebene.

Der Ozean glitzert im Morgenlicht, als ob sein Blau alle Farben in sich trüge... Wenn ich die Augen zusammenkneifen, kann ich

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Kürzlich lud mich der Lehrstuhlinhaber meiner Fakultät, der nicht nur mein Chef, sondern auch ein lieber Freund geworden ist, ein, an einem Projekt zum Thema „Natürliche und Künstliche Intelligenz im Anthropozän“ mitzuwirken, das u.A. einen Vortrag im Rahmen des Ladenburger Diskurses erforderte.

Ich freute mich sehr, meine Ansichten präsentieren zu können, die dystopische Zukunftsszenarien, in denen autonome künstliche Intelligenzen die Menschheit eliminieren, entschärfen. Viel wichtiger erachte ich es, nach Möglichkeiten zu suchen, unsere Menschliche Intelligenz (auch durch Nutzen von KI) vor allem in ihren ethischen Implikationen zu stärken (statt weiter den Niedergang unserer akademischen und, eher noch: unserer sozialen / emotionalen Intelligenz auch durch den übermäßigen Gebrauch von KI zu beobachten).

Als ich das Vortragsprogramm sah, entdeckte ich, dass ich nach Prof. Dietrich Dörner sprechen sollte. Sofort regredierte ich auf den emotionalen Zustand einer

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Früher war vielleicht nicht alles besser – aber vieles vertrauter, gewohnter. Vielleicht wird uns, je älter wir werden, das Festhalten an Bekanntem deswegen so viel wichtiger, weil wir es leid sind, weitere Anfänge sich beenden zu sehen. Zu viele Hoffnungen haben wir begraben, um noch frohgemuts Pandoras Box zu öffnen. Natürlich tun wir es trotzdem. Der Unterschied zur Leichtfertigkeit der Jugend besteht vielleicht darin, dass unser Herz nun flattert, wenn wir es tun, weil unser Herz, weit mehr als unsere ratio, den Niedergang antizipiert. Dann verkehren wir die Warnung des Herzens in die des Kopfes und reden uns selbst ein, dass wir doch unserer Intuition mehr Beachtung schenken sollten – weil sie angeblich doch nicht irrt. Was si d wir Menschen mehr als Herden tiere, die mit Kognition nicht beschenkt, vielmehr herausgefordert sind?

Mehr und mehr fühlen wir uns wie Überlebende eines

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Jedes Jahr, wenn ich mich am Jahresende auf „meine“ Insel zurückgezogen habe, lasse ich die vergangenen Monate Revue passieren: So viele innerliche Polaraoidaufnahmen sind entstanden, so viele konservierte Augenblicke, so viele Begegnungen mit Menschen, deren Lebensweg sich mit meinem kreuzten, fordern noch einmal Beachtung ein! Mal nur kurz, mal länger, mal sind wir Menschen einmal nur aneinander vorbeigezogen, mal einige Schritte zusammen gegangen...

Seit ich vor langer Zeit Mitch Alboms „The five people you meet in heaven“ gelesen habe, frage ich mich, welche dieser Begegnungen für mich „schicksalshaft“ waren, und für welche dieser Personen vielleicht das Aufeinandertreffen mit mir, ohne dass ich mir dessen bewusst war, schicksalshaft war. Ebenso spüre ich nach, welche Begegnungen ich gerne festgehalten hätte, aus welcher Begegnung ich gerne Schicksal gemacht hätte...

Wenn ich

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Adventszeit: Wer sich die Zeit nimmt hinzusehen, beobachtet uns Menschen durch die Straßen hetzen. Wir rempeln andere an, streiten um einen Parkplatz, fluchen übereinander. Das Ziel, Besorgungen zu erledigen, treibt uns alle an - um anderen Menschen, irgendwann, bald, ein Geschenk zu machen.
Wer sich die Zeit nimmt innezuhalten, sieht auf dem Weihnachtsmmarkt uns Menschen sich in der Schlange am Stand vordrängeln. Wir beschimpfen andere, kämpfen um einen Sehplatz am Tisch, wollen schnell, schnell Glühwein kaufen – um unsere Freunde einzuladen und mit ihnen gesellig zusammen zu sein.

Was ist geschehen, dass wir derart selektieren? Dass wir die Dichotomie „Das ist Freund – das ist Feind“ so nötig haben? Wie kann es sein, dass wir mit der Hoffnung, in einigen Wochen ein „danke“ von jemandem zu hören, jetzt den Menschen neben uns zur Seite stoßen?


„Niemand nimmt Rücksicht“, höre ich oft, oder: „Den letzten beißen die Hunde!“ „Wer sich nichts nimmt, kommt zu

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Wieder mal sitzen wir uns in unserer Stammkneipe gegenüber, schieben uns Blicke und Worte zu. Ab und zu tunken wir einen Satz in die Schaumkronen des Stouts, weil wir das Schimmern der nassen Wörter im dämmrigen Tresenlicht bewundern wollen. Und dann, ja, dann spielen sie Razorlights „wire to wire“, tu canción favorita de antes, dein Lieblingslied von früher, als du so geliebt und so gelitten hast. Du pflückst dir ein „ooohhh“ aus der Luft, mit feuchten Augen summst du mit:
„What is love but the strangest of feelings?
A sin you swallow for the rest of your life?
You've been looking for someone to believe in
To love you, until your eyes run dry.“
Ich hebe auffordernd eine Augenbraue, jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen. Es gibt nichts zu bedauern, es gibt keinen Schmerz zu antizipieren. Dein Trauern jetzt hilft nicht, zukünftigen Kummer zu erleichtern. Also halte ich mit Héroes del Silencio und „entre dos tierras“ dagegen,
„Déjalo ya
No seas

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