Tagesaktuelle und zeitlose Blogs aus Psychologie, Psychotherapie und Philosophie

 „Ich will nur noch blaue Dinge in den Mund nehmen“, so oder ähnlich höre ich es bei einer Lesung.

Wie schmeckt blau, denkt es in mir, und meine Gedanken spinnen sich weiter: Wie fühlt sich die Oberflächenspannung von Wasser auf der Zunge an? Ist es vergleichbar wie mit einer Fingerspitze über die Wangenknochen deines Geliebten zu streichen? Wie von Lippen, die gerade in Erdbeereis tauchten, geküsst zu werden?

Wie ist es denn, wenn wir barfuß durch taubedeckte Lichtungen streifen, beim ersten Morgenrot uns an einen Baumstamm lehnen und zusehen, wie der See sich, vorlaut, frech, noch unbedarft und unbefleckt, im Tageslicht entzündet? Was hält dich am Leben, was lässt dich überleben, wenn alles, was dir etwas bedeutet, zerbricht? Wo nimmst du Bedeutung her,

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Auf jeden Tod war ich vorbereitet, auch auf meinen. Aber nicht, nie, auf deinen.

Nie kam mir in den Sinn, ohne dich alt zu werden, nie dachte ich daran, dass es ein Weihnachten ohne dich gibt. Du hast mich überschätzt, gnadenlos, als du glaubtest, ich könnte das Ende von uns überwinden.

Es war unsere Lieblingsjahreszeit, wir durchstreiften die Auen, klauten Mais von den Feldern, wir sprangen in die Wellen. An der nächtlichen, verbotenen Copacabana ertränkten wir uns fast in der Strömung. „Ich bin Rettungstaucher, ich hole dich überall raus“, rief ich dir aus Spaß in unserer gemeinsamen, absurd-komischen Panik zu, „Auch, wenn ich noch lebe?!“, lachtest du.

Du hast meinem Ich dich hinzugefügt, ein „wir“ daraus entstehen lassen. Mit wem stehe ich nun Rücken an Rücken, wer geht mit mir durchs Feuer, mit wem reite ich auf dem Wind?

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„Ich weiß nicht“; sagst du, und du tauchst deine halbleere Bierflasche in den See und füllst sie auf, „ich finde keine Worte dafür!“. Ich ekele mich ein wenig, als du die Flasche an die Lippen setzt und einen tiefen Schluck nimmst, und ich sage es dir. „Warum?“, fragst du, „Du willst mich doch nicht küssen!“ Stimmt, denke ich, der, den ich küssen wollte, ist jetzt wer-weiß-wo. „Ich fahre bald nach Delmenhorst“, antworte ich stattdessen, und du summst: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst.“ Zumindest da sind wir uns einig.

 

„Du hast den Eindruck, dass du gerade ein Leben der Kompromisse lebst“, greife ich dein Thema auf, und helfe ich dir, dein halbgares Gefühl in einen Begriff zu packen. „Du bist fast gestorben, dein altes Leben trägt nicht mehr, und du findest noch kein neues.“

Du

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Frustriert betrachte ich mein dürres Mandelbäumchen: Versuchsweise breche ich ein Ästchen ab. Es ist trocken, abgestorben, der letzte Frost hat es eingehen lassen. Ich setze mich ins kalte, feuchte Gras, wünsche, ich könnte mich schrumpfen lassen, um mich dann an das Stämmchen anzulehnen. Ich möchte mich verwinzigen, in einem Dickicht untergehen. Wenn ich klein wie ein Marienkäfer wäre, käme ich mir wie im Urwald vor.

Ich rieche Rauch, rümpfe die Nase, „Du rauchst wieder?!“ fauche ich dem Tod entgegen, als er sich neben mich setzt. „Nur Zigarillos“, grient er mich an und klemmt sich den Stummel in seine Schneidezahnlücke.

„Wie ist der Status?“, will er wissen: „Wir haben uns länger nicht gesehen!“.

„Was heißt länger?!“, ich bin genervt, „Glaubst du echt,, dass irgendjemand täglich mit dir zu tun haben mag?“

„Ich

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Achtsamkeit ist seit einigen Jahren das neue Modewort: Sowohl die Psychotherapie will auf achtsamkeitsbasierte Ansätze nicht mehr verzichten, doch auch in der Selbsthilfe wird die Fokussierung auf die Gegenwart groß geschrieben. Meditation, Atemübungen, wertfreie und gegenwärtige Wahrnehmung – all das kann als Übung Bestandteil von eines achtsamen Lebens sein. Eine beliebte und einfache Übung hin zu mehr Achtsamkeit ist beispielsweise, sich auf den Atem zu konzentrieren und dadurch Distanz zu den Gedanken zu schaffen.

Achtsamkeit meint, im Hier und Jetzt zu sein – ganzheitlich, also mit Körper, Seele und Geist. Das ist weitaus herausfordernder, als es ist – schweifen unsere Gedanken doch nur allzu gerne ins Gestern ab oder nehmen das Morgen vorweg. Beide, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft, sind dabei nicht real. Erinnerungen sagen mehr über uns im Präsens aus, über unsere Befindlichkeiten, Sehnsüchte, Verletzungen, als über das, was

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