Tagesaktuelle und zeitlose Blogs aus Psychologie, Psychotherapie und Philosophie

Gedanken des Tages

Tagesaktuelle Blogs zu verschiedenen Themen: Glück und Unglück, Liebe und Schmerz, Trauer und Tod, Hoffnung und Sinnsuche, Krankheit und Trost

Das vergangene Jahr hat viele von uns dazu gezwungen, unsere Beziehungen neu zu beleuchten. Unter dem Brennglas soziopolitischer Entscheidungen kamen wir an unsere grundlegenden Glaubenssätze, sind mit unseren fundamentalen Vorwegannahmen über den Menschen, die Welt und unsere Beziehungen konfrontiert worden.

Einige Beziehungen haben sich so intensiviert – viele sind auseinander divergiert. Wenn früher Freundschaften, Liebschaften, Partnerschaften, durchaus über Jahre dahin mäandern konnten, galt es nun, sich aktiv dafür – oder dagegen zu entscheiden. Wir lebten im Extrem: Im Homeoffice und Homeschooling gingen unsere Rückzugsorte innerhalb der Partnerschaften verloren, die Kontaktbeschränkungen verhinderten Nähe und Intimität mit Freunden.

Nie zuvor habe ich mit meinen Klienten in der Therapie deren implizite Beziehungskonzepte analysiert und geklärt. Und immer wieder stellte sich die Frage, weshalb es oft leichter scheint, Freunden wohlwollender und toleranter

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Aus der Gedächtnisforschung wissen wir genug, um eine durchaus weitreichende Behauptung zu belegen: Jede Erinnerung sagt mehr über mein gegenwärtiges Erleben als über die Vergangenheit aus. Manche gehen so weit um zu denken, jede Erinnerung käme einer Erfindung gleich, sei eine rückwärts gerichtete Illusion, so, wie eine Zukunftsvision eine vorwärts gerichtete ist.

Sicherlich ist irgendetwas geschehen, es wird nicht behauptet, wir würden einer reinen Halluzination erliegen, wenn wir uns erinnern. Und doch scheint eine Erinnerung mehr einer Fata Morgana, einer Luftspiegelung, oder auch einer Chimäre zu gleichen: Schon im präsenten Erleben werden Ereignisse nicht unverzerrt wahrgenommen – wir erleben doch immer aus der eigenen Perspektive heraus und schon in der Wahrnehmung und in der folgenden Weiterverarbeitung ändern wir die faktischen Begebenheiten ab. Im Weiteren, jedes Mal, wenn wir uns erinnern,

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In meiner Abiturzeit war ich mit einem irischen Studenten zusammen: Wir hatten uns beim Jobben in einer Pizzeria kennengelernt. Er blieb drei Monate in Deutschland, dann ging er zurück nach Dublin und wir führten eine studentische Fernbeziehung. Ich setzte mich mit in seine Vorlesungen zum Electronic Engineering. Und stellte überrascht fest, dass mir Mathematik in dem Moment Spaß zu machen begann, als die Begriffe nicht mehr auf Deutsch, sondern eben auf Englisch ausgesprochen wurden. Ich liebte alles, was ich für irisch hielt: Ich gewöhnte mir das „gotta head“ für „ich muss mal los“ an, auch, wenn ich es bei meinen Besuchen natürlich nie eilig hatte. Statt Kaffee frühstückte ich schwarzen Tee mit reichlich Milch. Wir gingen zu einem Rugby-Match und davor betranken wir uns mit Guinness. Im Kino wechselten wir mitten in der Vorstellung die Kinosäle, weil der eine Film uns langweilte (so was

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Lange haben wir geklagt, jetzt ist Zeit, wieder aktiv zu werden. Hier können wir Kants Philosophie als Leitplane nutzen.
Die vier berühmten Fragestellungen Immanuel Kants, dem deutschen Vorzeigedenker der Aufklärung, umfassen:

Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Wenn wir uns an diesen Fragestellungen entlanghangeln, spannen wir den Bogen von den faktischen Voraussetzungen unserer eigenen psychischen Krise zu eventuellen Lösungsansätzen. Legen wir los:

Was kann ich

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Wir sitzen auf dem Steg am kleine See und schauen hinaus, stellen uns vor, dass da Meer vor uns läge: Ein Ozean, der Wellen schlägt, sich zu Wogen empor türmt, die dann, noch in weiter Ferne, wieder in sich zusammenfallen. Nur noch weißer Schaum tröpfelt berauscht an den Strand.

Es ist leicht, sich, irgendwo dort draußen in den Untiefen der See, Poseidon vorzustellen.

„Nein, sag´ es bitte nicht!“, unterbreche ich unser wohl klingendes Schweigen, als ich bemerke, dass sich in meinem Begleiter ein Satz zusammenbraut. „Ich mag nicht mehr hören, was jetzt „normalerweise“ anstünde, was man „normalerweise“ jetzt täte... Und noch weniger mag ich das Gerede von der Notwendigkeit der Akzeptanz der „neuen Normalität“. Was wir so deutlich vor Augen geführt bekommen, ist doch, wie zerbrechlich jede „Normalität“ ist.

Ich wollte, wir könnten von einer Zerbrechlichkeit der Normalität sprechen: Diese Verbindung zweier Substantive gaukelt reale Existenz vor. Dann würde

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In der Psychotherapie gehen uns die Ressourcen aus: Wenn im Rahmen der Behandlung von Depressionen, aber auch von Angst- und Suchterkrankungen, es i.d.R. immer dazu gehört, einen Aktivierungsplan mit einem Genusstraining zu verknüpfen, ist es heute selten, auf die Frage: „Was tut Ihnen gut, was machen Sie gerne?“ mehr als ein hilfloses Schulterzucken zu erhalten.

„Ja, Depressive kommen kaum an ihre Ressourcen“, mag nun jemand argumentieren, doch deswegen schieben wir gerne die Frage nach „Was haben Sie früher gerne getan?“. Die meisten von uns werden im Laufe der Karrierejahre so von Zeitmangel in die Knechtschaft genommen, dass vieles von dem, was uns in früheren Lebensphasen noch zugänglich war (und seien es Spieleabende mit Freunden, Städtetrips, Saunabesuche oder Tennis!), abhanden gekommen ist. Doch erinnern wir, dass uns diese Aktivitäten früher einmal Freude bereiteten, uns vielleicht auch in schwierigen Zeiten, Krisen, stabilisierten... Was bleibt davon heute? ... Weiterlesen ...

Während einiger meiner Freunde sich bereits in die freiwillige Selbstisolation zurückgezogen haben, um jeder möglichen Gefährdung und Gefahr durch Ausharren aus dem Weg zu gehen, spüren andere Freunde ebenso die Tatendrang: JETZT will sich noch getroffen werden, JETZT will dieses oder jenes noch erlebt sein. Die Atmosphäre ist von einer ängstlichen Dringlichkeit erfüllt, von einer Erwartungshaltung, dass uns erneut jeden Moment unsere Autonomie, für unsere Bedürfnisse einzustehen, abgesprochen wird.
Freiheit, Selbstbestimmung, Beziehung und Bindung sind ebenso wie Sicherheit, Gesundheit und Bewegung Bedürfnisse. Niemand kann, niemand darf sie für uns reglementieren, niemand darf sie uns nehmen. Wenn wir schon, nach Hannah Arendt, über kein Menschenrecht an sich verfügen,d ass wir nicht immer und immer wieder neu aushandeln, neu erstreiten müssen, so teilen wir mit allen anderen

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Wer sich heutzutage fürchtet, tut sich leicht(er): Er fürchtet sich VOR etwas. In der Regel davor, dass eine bestimmte Situation eintritt. Er fürchtet sich, sich oder seinerseits andere anzustecken, krank zu werden, dahinzusiechen. Also wappnet er sich mit Atemmasken, schluckt Vitamine, stärkt sein Immunsystem, isoliert sich, folgt politischen Vorgaben, raunzt andere Menschen an, wenn der geforderte Mindestabstand von 1,5 m nicht eingehalten wird. Angst zu haben jedoch ist wie Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Angst entzieht sich. Wo, was, wer und wie sind die Angstgespinste, gegen die ich mein Schwert erheben kann?

Kurz: Wer sich fürchtet, kann sich rüsten, kann etwas TUN. Wer sich ängstigt, glaubt sich ausgeliefert, sieht sich wehrlos, hilflos.

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In meiner Studentenzeit verdiente ich mir mein Auskommen selbst. Einmal hatte ich einen kleinen Job: Bei einem großen Event heuerte ich als Wahrsagerin, als Orakel an. Es war ein riesig inszeniertes Firmensommerfest, und ich rückte mit einem bunten Zelt, meinen Tarotkarten, einer Glaskugel und meiner schwarzen, langen Perücke an. Ich war relativ bewandert im Hand- und Karten lesen. Manch einer mag sich fragen, woher diese Kenntnisse stammten - hatte ich doch bereits Psychologie studiert, die sich, damals noch stärker als heute, als Naturwissenschaft etabliert glaubte. Die stärksten Gegner der Naturwissenschaft sind wohl Esoterik, sind Mystik und Prophetentum – wie vielleicht die Theologie das Hinterfragen der Philosophie herausfordert: Und genau deswegen tauchte ich in deren Abgründe ein – ich wollte verstehen, nach welchen Prinzipien sie sich richten.

Sobald ich meine Orakelstätte eingerichtet hatte, in

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