Tagesaktuelle und zeitlose Blogs aus Psychologie, Psychotherapie und Philosophie

Gedanken des Tages

Tagesaktuelle Blogs zu verschiedenen Themen: Glück und Unglück, Liebe und Schmerz, Trauer und Tod, Hoffnung und Sinnsuche, Krankheit und Trost

Alles, was lebt, verändert sich. Manchmal kommen Veränderungen epochalen Umstürzen gleich, meistens geschehen sie schleichend, kaum bemerkt. Oft spüren wir Erinnerungen als fernes Echo des Erlebten, bemerken darüber nicht, was vielleicht lange schon verloren war.

Auch die Zeit des Trauerns neigt sich einem Ende zu. In der eigenen Zeit, in der eigenen Geschwindigkeit hatte die Trauer ihre Fühler in jede Ritze des Lebens gesteckt, hat sich eingenistet, breit gemacht. Irgendwann hast du begonnen, dich an sie zu gewöhnen, hast ihr jeden Morgen Platz neben dir gemacht.

Leiden und trauern sind siamesisch vereint. Sie umklammern sich in erstickender Not.
Beides meint eine aktive Tätigkeit – Schmerzen haben hingegen ist passiv, Schmerzen überkommen uns ungefragt. Sie brauchen nicht bewältigt zu werden, ohne unser Zutun ergeben und entziehen sie sich.

Wenn wir jedoch leiden, wenn wir trauern, beklagen wir den Verlust dessen, was uns wichtig war. Unser Leiden

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„Alles lässt sich lösen, nur das Leiden an der Liebe nicht“, seufzt ein Kollege bei einer unserer Austauschrunden in sein (alkoholfreies) Bier. In unserer Balinthgruppe besprechen wir regelmäßig (und natürlich anonymisiert) „Fälle“ aus unserer Praxis, die uns besonders nahe gehen.
„Ja“, stimme ich zu, „ich sage meinen Klienten in solchen Situationen auch immer gleich, dass es zunächst kaum Trost gibt!“.

Tatsächlich erleben viele Menschen, insbesondere jene, die auch ein Entwicklungstrauma erleben mussten, Liebeskummer als besonders unaushaltbar: Wenn Bindungstraumata mit ihm Gepäck sind, werden durch ungewollte (teils auch selbst initiierte) Trennungen primäre, existentielle Gefühle getriggert. Der frisch Getrennte wird von Schmerz und Angst, die frühkindlichen Ego States entsprechen, überflutet. Ratio, Logik und die Rückbesinnung auf nicht gut tuende Aspekte der früheren Beziehungen sind dann nicht zugänglich, alles scheint ohne den geliebten Menschen unerträglich,

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Du hast mich gefragt, was Liebe sei – und in einem gnadenlosen Akt der Verzweiflung verwies ich dich auf meine alten Blogs. Weil ich sie gerade verliere, weil sie mir wie Wüstensand zwischen den Fingern zerrinnt, weil nur, wenn ich sie spüre, sie auch beschreiben kann. Wenn ich sie verliere, entzieht sie sich meiner Definition. Nur der schale Nachhall einer längst schon vergilbten Erinnerung bleibt. Ich will, wenn wir über Liebe sprechen mit dir auf einer grünen Wiese liegen, tanzenden Schmetterlingen zusehen. Will darauf zeigen, sagend: „Da, schau hin, da ist sie!“

Ich will sie nicht (be-)schreiben, ich will auf sie (ver-)weisen.
Ich will mit dem, der mein Herz ausgeliehen bekam, in die Wolken schauen, Herzen konstruieren. Will freudig darauf zeigen: „Sieh schnell hin!“

Ich will mit dir auf einem Steg die Beine baumeln lassen, das Herz, das Schwanenhälse bilden, die zueinander finden, als schicksalshaftes Zeichen deuten. Und wir schauen uns an, und wir....

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Wir sitzen auf dem Steg und lassen die Beine ins Wasser baumeln: Wie so oft haben wir uns beim Laufen getroffen und nutzen die Morgenstille, um kurz innezuhalten. „Wohin fährst du in den Urlaub?“, fragt er, „Dahin, wo ich noch nie war“, grinse ich ihn an, wohl in dem Wissen, dass er wieder auf genau den Campingplatz fahren wird, an dem er seit 18 Jahren seine Sommerurlaube verbringt.

Für ihn sind Beständigkeit und Sicherheit die höchsten Werte, die deutlich spürbaren Bedürfnisse, bei mir stehen Veränderung und Entdeckung an erster Stelle. Das meint nicht, dass wir nicht auch jeweils die gegensätzlichen Bedürfnisse haben und ausleben würden – sie sind nur in unterschiedlicher Intensität, zu unterschiedlicher Zeit und mit unterschiedlichen Verhaltensstrategien Teil unserer Leben. Die Kunst einer jeden Beziehung, einer jeden Freundschaft ist dabei, den anderen in seiner Wahl zu lassen, zu akzeptieren und zu

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Nicht nur in meiner Praxis, auch privat, hinterfragen immer mehr Menschen ihre Beziehungen: Oft wird der Partner dann als Narzisst „entlarvt“ - oder manch´ einer kommt gar auf die Idee, sich selbst als Narzisst zu entdecken. Meistens war wieder irgendein Selbsthilfebuch á la „Heirate dich selbst, wenn du glücklich werden willst“ oder auch „Heilen nach einer narzisstischen Beziehung“ Auslöser für die Spurensuche.

Ich halte wenig von dieser Methode der Selbstdiagnose: Fast immer ist sie falsch.

Nicht jede Beziehung, die scheitert, geht am Narzissmus eines der Beteiligten zugrunde. Nicht jeder, der es (noch) nicht schafft, in eine stabile, überdauernde Beziehung zu finden, ist persönlichkeitsgestört.

Narzissmus ist eine tief greifende Störung, die sich schon auf der primären Wahrnehmungsebene bemerkbar macht: Ein Narzisst nimmt die Welt (und vor allem die anderen Menschen) so wahr, als ob jede Handlung, jedes Ereignis sich auf ihn bezieht. Zumeist in ein sehr

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Nach dem ersten Kennenlernen wollen viele frische Paare testen, wie kompatibel sie sind: Die meisten haben dann die Idee, gemeinsam einige Tage fernab vom Alltag zu verbringen, sich irgendwohin gemeinsam zurückzuziehen. Um sich so richtig auf Herz und Nieren zu prüfen? Sich Persönlichkeitstests zu unterziehen? Das ist batürlich Unsinn.
Außerhalb des alltäglichen Lebens kann vielleicht die Qualität einer Affäre geprüft werden, ob jedoch die Intensität einer Beziehung erreicht werden kann, auf diese Art und Weise keinesfalls. Aus verschiedenen Gründen: In Ausnahmesituationen, in denen Herausforderungen gemeistert werden wollen (und Urlaub kann durchaus eine solche sein, wenn man nicht Jahr für Jahr an den selben Ort in die selbe kuschelige Anlage fährt!), zeigen sich Beziehungen eher stabil, wenn die Partner UNTERSCHIEDLICH sind – wir profitieren dann als Paar mehr von diversen Bewältigungsstrategien, als wie wenn beide dieselben

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Das vergangene Jahr hat viele von uns dazu gezwungen, unsere Beziehungen neu zu beleuchten. Unter dem Brennglas soziopolitischer Entscheidungen kamen wir an unsere grundlegenden Glaubenssätze, sind mit unseren fundamentalen Vorwegannahmen über den Menschen, die Welt und unsere Beziehungen konfrontiert worden.

Einige Beziehungen haben sich so intensiviert – viele sind auseinander divergiert. Wenn früher Freundschaften, Liebschaften, Partnerschaften, durchaus über Jahre dahin mäandern konnten, galt es nun, sich aktiv dafür – oder dagegen zu entscheiden. Wir lebten im Extrem: Im Homeoffice und Homeschooling gingen unsere Rückzugsorte innerhalb der Partnerschaften verloren, die Kontaktbeschränkungen verhinderten Nähe und Intimität mit Freunden.

Nie zuvor habe ich mit meinen Klienten in der Therapie deren implizite Beziehungskonzepte analysiert und geklärt. Und immer wieder stellte sich die Frage, weshalb es oft leichter scheint, Freunden wohlwollender und toleranter

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Aus der Gedächtnisforschung wissen wir genug, um eine durchaus weitreichende Behauptung zu belegen: Jede Erinnerung sagt mehr über mein gegenwärtiges Erleben als über die Vergangenheit aus. Manche gehen so weit um zu denken, jede Erinnerung käme einer Erfindung gleich, sei eine rückwärts gerichtete Illusion, so, wie eine Zukunftsvision eine vorwärts gerichtete ist.

Sicherlich ist irgendetwas geschehen, es wird nicht behauptet, wir würden einer reinen Halluzination erliegen, wenn wir uns erinnern. Und doch scheint eine Erinnerung mehr einer Fata Morgana, einer Luftspiegelung, oder auch einer Chimäre zu gleichen: Schon im präsenten Erleben werden Ereignisse nicht unverzerrt wahrgenommen – wir erleben doch immer aus der eigenen Perspektive heraus und schon in der Wahrnehmung und in der folgenden Weiterverarbeitung ändern wir die faktischen Begebenheiten ab. Im Weiteren, jedes Mal, wenn wir uns erinnern,

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Während einiger meiner Freunde sich bereits in die freiwillige Selbstisolation zurückgezogen haben, um jeder möglichen Gefährdung und Gefahr durch Ausharren aus dem Weg zu gehen, spüren andere Freunde ebenso die Tatendrang: JETZT will sich noch getroffen werden, JETZT will dieses oder jenes noch erlebt sein. Die Atmosphäre ist von einer ängstlichen Dringlichkeit erfüllt, von einer Erwartungshaltung, dass uns erneut jeden Moment unsere Autonomie, für unsere Bedürfnisse einzustehen, abgesprochen wird.
Freiheit, Selbstbestimmung, Beziehung und Bindung sind ebenso wie Sicherheit, Gesundheit und Bewegung Bedürfnisse. Niemand kann, niemand darf sie für uns reglementieren, niemand darf sie uns nehmen. Wenn wir schon, nach Hannah Arendt, über kein Menschenrecht an sich verfügen,d ass wir nicht immer und immer wieder neu aushandeln, neu erstreiten müssen, so teilen wir mit allen anderen

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