Gedanken des Tages

Seit beinahe jeder ein Smartphone hat, hat die Psychotherapie eine zusätzliche Herausforderung und eine zusätzliche Chance gewonnen: Während es noch vor zehn Jahren durchaus möglich war, eine Stunde fokussiert auf der zugrunde liegenden Musterebene dysfunktionale Glaubenssätze zu beleuchten, unterbricht heute ein Piepsen des Handys häufig genug die Konzentration. Insbesondere, wenn zwischenmenschliche Konflikte im Vordergrund stehen (und das tun sie in der Psychotherapie meist), braucht es oft Überzeugungsarbeit, um das Gerät nicht in Sichtweite auf dem Tisch zu parken.

Und doch steckt auch ein Vorteil in der immerwährenden Erreichbarkeit: Wir Therapeuten können quasi als Verhaltensbeobachtung in vivo bezeugen, wie unser Klient auf Nachrichten reagiert, wie er kommuniziert. Und damit direkt intervenieren. Wir können den Klienten unterstützen, wenn er uns aufgelöst sein Smartphone unter die Nase hält und aufgeregt auf die blauen Haken hinter seiner gesendeten Nachricht

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Der Sommer ist beinahe vorbei und wie jedes Jahr zu dieser Jahreszeit drehen sich viele meiner Patientengespräche um die Liebe (und artverwandte Unpässlichkeiten): Viele Beziehungen überlebten den gemeinsamen Urlaub nicht, so manchen Flirt in der heißen Sonne kühlte das Air Conditioning im Flugzeug nur allzu schnell wieder herunter. Den Dauersingles ist wieder einmal ein Sommer entwischt, nun droht schon der Herbst mit seiner Endgültigkeit. Doch eine Restgruppe hadert noch mehr als die anderen: Es sind die Menschen, die eine Sommerliebe fanden und nun vor der Entscheidung stehen, sich auf einen Beziehungsversuch einzulassen. Oder doch lieber gleich Rilkes „Herbsttag“ zur Hand zu nehmen:

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„Ich glaube fest daran, dass, wenn wir selbst heilen, die Welt mit uns heilt“, sagte vor kurzem während einer Traumatherapie-Fortbildung eine Teilnehmerin.

Können wir heilen? Ist es wirklich möglich, von dem, was niemals hätte geschehen dürfen, was du aushalten musstest, ganz zu heilen? Wie lange wird dies dauern? Reicht die Unendlichkeit dafür?

„Jede unendliche Teilmenge einer abzählbaren Menge ist abzählbar. Abzählbare Mengen haben den kleinsten Grad von Unendlichkeit“, las ich neulich in einem Mathematiklehrbuch – und war gebannt vom Zauber dieser Vorstellung: Unendlich ist präsent, ist überall, sogar, wenn sie gefangen scheint von einem Zaun aus Zahlen.

Unendlichkeit ist hier gegeben, sie liegt in meiner Hand. Wie ein neugeborener Welpe mit dunklem, seidigen Fell schmiegt sie sich in meine Handfläche, ich kann sie berühren, streicheln, halten. Der kleinste Grad Unendlichkeit umfasst doch bereits die gesamte Unendlichkeit, so ist in diesem einen Hier und

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In der Traumatherapie haben wir es oft mit einem Phänomen zu tun, das die Bezeichnung „speechless terror“ trägt: Das Entsetzen angesichts eines Ereignisses ist so übermächtig, dass uns unsere menschliche Fähigkeit, das, was wir erleben, sprachlich zu kodieren, temporär verloren geht. 
Aus einer humanistischen Perspektive nach Carl Rogers bedeutet diese sprachliche Unzugänglichkeit eine inkongruente Symbolisierung auch affektiver Zustände – wir können unser organismisches Erleben nicht mehr in Bezug zu uns, zu unserem Selbst- wie auch Weltbild, setzen, der Bezugsrahmen fehlt. Etwas vereinfacht ausgedrückt meint das: Wir scheinen psycho-physischen Erlebniszuständen ausgeliefert zu sein, die vage bleiben, die wir nicht beschreiben und damit unserer ratio zugänglich machen könnten.

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Meist ist es ein langer Weg in der Therapie, die Selbstreflexion so weit voran zu bringen, dass die eigenen Gefühle, Bewertungen und Bedürfnisse nicht nur wahrgenommen werden können (und hier gilt es, zahlreiche dysfunktionale Glaubenssätze aufzuspüren und aufzulösen), sondern auch verbalisiert werden können.

Es braucht Mut, sich selbst auf die Schliche zu kommen, und noch mehr Mut, sich in seiner „Schwäche“ mitzuteilen. Denn es hat ja einen (nicht immer guten, aber doch stets triftigen) Grund, so lange Zeit das eigene Erleben verzerrt zu haben. In der Regel liegt dieser Grund in den Bewertungsmustern, die wir uns angeeignet haben (die wir uns aneignen mussten), um unser „Ich“ zu definieren. Aus diesen Bewertungen entstand der Wert, den wir uns selbst und unseren Mitmenschen zu schreiben: Doch Leben, Menschen, Sein einen bestimmten Wert zuzuschreiben, stellt die erste und eigentliche

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Dass Schmerz im Leben unvermeidlich, Leiden jedoch selbstgemacht ist, ist keine neue Erkenntnis der Akzeptanz und Commitment-Therapie. Schon im 1. Jhd. nach Chr. betonte der griechische Philosoph Epiktet, dass nicht die Dinge an sich, sondern unsere Vorstellung davon uns beunruhigen. Das bedeutet nicht, dass wir die Existenz von kaum Auszuhaltendem, von furchtbaren Ereignissen verneinen würden – das meint nicht, dass wir Unglück und Schmerz entwerten. Diese Einsicht, dass wir selbst Einfluss auf unser emotionales Erleben haben, gibt uns vielmehr eine große Freiheit zurück,. Vielleicht die größte, die uns Menschen innewohnt: die Freiheit der Wahl. Wenn wir schon manches Mal die äußeren Umstände, jene Externa, die Anlass (nicht Ursache!) unseres Leidens sind, kaum beeinflussen können – was uns immer bleibt, ist die Freiheit, Stellung zu dem Geschehenden zu beziehen. Viktor Frank verweist hier auf die so genannte noetische (geistige) Dimension (das griechische nous meint „Geist“) -

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Von den insgesamt nur fünf so genannten Primärgefühlen, also jene Emotionen, die wir nicht nur mit allen höheren Säugetieren zu teilen scheinen, sondern die uns auch ins Gesicht geschrieben stehen, hätten wir vier lieber nicht: Nur die Freude fühlen wir gerne – die anderen Grundgefühle vermeiden wir lieber.

Wut, Trauer, Angst, Ekel und Freude gelten dabei als interkulturelle und angeborene Gefühle. Wer über ein gesundes, spiegelfähiges Gehirn verfügt, kann diese fünf Emotionen intuitiv und sehr genau aus der Mimik unseres Gegenübers ablesen. Diese Grundemotionen haben unserer Spezies durch ihren handlungsauffordenden Charakter auch das Überleben gesichert: Emotionen motivieren uns also, etwas zu tun – oder es besser sein zu lassen.

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Kürzlich, während eines mehrtägigen Seminaraufenthalts, lief ich morgens immer dieselbe Strecke: Für meine Runde, die 8,2 km betrug, habe ich stets eine vergleichbare Zeit gebraucht. Doch dann, als ich eines Morgens wie gewohnt nach meiner Laufrunde auf meine Uhr blickte, zeigte sie mir 10,2 km in der gleichen Zeit an. 
Natürlich ist klar, dass sich das Raumzeit-Gefüge wohl kaum plötzlich verschoben hat, sondern dass meine Uhr sich „verzählte“. 
Und doch stolperte ich gedanklich über den Sprachgebrauch: Ich wunderte mich, weshalb wir von „dasselbe“ und „das gleiche“ bzw. weshalb wir von derselben Strecke, aber von der gleichen Zeit sprechen.  „Dasselbe“ setzt eine Identitätsbeziehung – „Das gleiche“ jedoch nicht.

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