Seit geraumer Zeit sehe ich beim morgendlichen Laufen einen anderen Jogger: Nachdem er zu einer festen Uhrzeit zu laufen scheint und meine Zeiten, je nach meinen Terminen, stark variieren, treffe ich ihn mal auf meinem Hinweg, mal auf dem Rückweg, manchmal einige Tage gar nicht. 
Irgendwann haben wir begonnen, uns mit erhobener Hand zu grüßen und uns zuzulächeln – was heute nicht mehr allzu häufig unter den Sportlern der Fall ist. Viele drehen in exklusiver Sportklamotte mit verbissenem Gesichtsausdruck ihre Runden, versuchen, ihrem Hobby Leistungssportcharakter zu verleihen, die Kopfhörer schirmen sie von der Außenwelt ab.

Hugo, nennen wir den anderen Morgen-Jogger auf meiner Runde so, ist anders: Seit jeher trägt er zum Laufen ein graues dickes Sweatshirt, das er in eine schwarze Jogginghose gesteckt hat, die er bis weit über die Taille hochgezogen hat. Seine dichtes schlohweißes Haar ist nie nassgeschwitzt, immer trabt er mir in konstanter Geschwindigkeit entgegen und lächelt zurück.

Nach längerer krankheitsbedingter Laufabstinenz bemühe ich mich, die verlorene Trainingszeit wieder reinzuholen. Ich ärgere mich darüber, dass ich immer noch ca. 25 Sekunden langsamer pro Kilometer bin als vor meiner Trainingspause – auf Empfehlung eines Freundes habe ich mir nun sogar eine Sportuhr besorgt, auf die ich ab und zu während des Laufs schaue, um meine Durchschnittsgeschwindigkeit auszumachen. Genau während des ersten Laufs mit der Uhr hat das Laufen aufgehört, mir Spaß zu machen.

Nichtsdestotrotz quäle ich mich mehrmals die Woche im Morgengrauen auf die Strecke. Warum? Ich habe mich nicht hinterfragt.


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Heute bin ich viel später als üblich gestartet, Hugo ist früher dran als sonst: Wir begegnen uns an einer unüblichen Stelle, er auf dem Rück-, ich auf dem Hinweg. Wir heben die Hand, grinsen uns zu, dann verlässt er den Weg und läuft die Böschung hinunter. Ich bin perplex – da unten gibt es keinen Weg, da ist nur der Fluss.


„Hey!“, rufe ich ihm im Weiterlaufen nach, „Gehst du da unten schwimmen?“


Er lacht und bleibt stehen. „Oh nein“, denke ich, „du Spielverderber, lauf weiter, lauf doch weiter, nicht stehen bleiben, ich muss doch auch weiter, ich kann nicht stehen bleiben, das versaut meinen Schnitt!“, und er sagt irgendetwas, zumindest sehe ich seine Lippen, die sich bewegen und seine gestikulierenden Hände. Ich höre nichts, weil mein „Military Drill“ mir über meine Ohrstöpsel weiter den Takt anzeigt. Also hebe ich nochmals die Hand, grinse, will weiterlaufen, da sagt er nochmals was. Ich höre kein einziges Wort. Etwas genervt bleibe ich stehen, laufe auf der Stelle weiter, nehme meine Kopfhörer ab und bitte ihn, sich zu wiederholen.
„Erst nächste Woche gehe ich schwimmen.“ ruft er mir zu, „Vielleicht hast du Glück und das Eis ist dann schon weggetaut“, albere ich zurück und höre endlich auf, dümmlich auf der Stelle zu joggen.
„Nee, im Ernst“, setzt er fort: „Ich laufe nur hier kurz runter und 10 Meter später wieder hoch, ich mache halt nur so Quatsch.“

Ich verstehe. Ich verstehe wirklich, ich verstehe endlich, worum es geht in diesem Leben. Es geht nicht, nie darum, das Leben mit einer zielgerichteten Finalität, einem „um... zu“ als Herausforderung zu betrachten, das meine Härte, mein Durchhaltevermögen testen will. Es geht darum, in dem, was ein jeder von uns macht, Erfüllung zu finden, ohne weitere Finalität als das Auskosten eines jeden Moments. Und in diesem Moment muss ich nicht leiden, ich muss mich nicht quälen, ich kann einfach vergnügt vor mich hintraben, den Dampfwölkchen meines Atems in der klirrenden Morgenluft zusehen, mich an dem Orangerot der aufgehenden Sonne erfreuen, kann dem Tod zusehen, wie er Abhänge hinuntertollt und wieder herauf, wie er meinen Weg kreuzt, gutmütig, unbesorgt, in seiner eigenen heiteren Gelassenheit. Und irgendwann, irgendwann, laufen wir zusammen los und kommen zusammen an, dort, wo wir selbst unser Ziel definieren.