Du willst noch schnell beim Discounter dein Abendessen holen – nicht, weil es deiner Philosophie entspricht, sondern weil er so günstig auf deinem Nachhauseweg liegt. Fürs gute Gewissen kannst du ja Bioprodukte kaufen.

Gerade willst du dein Rad abstellen, als du diesen alten Mann siehst: Schwer auf seinen Krückstock gelehnt, in der anderen Hand eine Tüte eben jenes Discounters, müht er sich ab, seinen Fuß über die kleine Schwelle zu haben, die den Parkplatz des Supermarkts vom Gehsteig trennt.

Schwerer Parkinson, vermutest du – oft zeigt sich diese Erkrankung auch in einer solchen Unmöglichkeit, diesen ersten Schritt zu tun. Du schaust einen Moment, ob er es schafft – nein, er kann die Bewegung nicht initiieren. Du gehst hin, „Darf ich Sie unterstützen?“, fragst du, er blinzelt dich aus eingefallenen blauen Augen an, um seinen Mund mit ganz dünnen Lippen sind noch Spuren seines letzten Essens, seine Schädelform ist deutlich zu erkennen, und schon drückt er dir seine Tüte in die Hand, sie ist schwer, viel schwerer, als du denkst, und ihre Plastikhenkel schneiden in die Finger. Er deutet auf den Bürgersteig. „Mhm“, nickst du, da gehen wir hin. Du hast geglaubt, er bräuchte nur Hilfe, um über die Straße zu kommen, aber nein: Als du anbietest, er könne sich bei dir unterhaken, tut er es sofort, und so spaziert ihr, ganz gemächlich und doch angespannt, jeder Schritt ist eine Herausforderung für ihn, die Tramschienen zu überqueren ein unglaubliches Hindernis, die Straße entlang. Er spricht nicht, nur vereinzelt antwortet er auf deine Fragen mit Lauten. Und so bist du still, vertraust dich an, er wird seinen Sinn haben, denkst du dir.

Für 150 m braucht ihr 20 Minuten, und die ganze Zeit über ist er bei dir, dein Großvater, der Held deiner Kindheit, dein Anker, deine Ferienzuflucht, dein Asyl vom dysfunktionalen Familensystem. Ob er wusste, in welche Hölle er dich zurückschickt, dich zurückschicken musste, überlegst du kurz, und du durchlebst den Moment erneut, als er in deinen Armen starb, nicht friedlich einschlafend, sondern sich aufbäumend, bis zum Letzten sich wehrend, wie dich die Ärzte aus dem Zimmer schickten, und du in alleine lassen musstest, ihm nicht helfen konntest, diesen letzten Weg geht jeder doch allein. Und dir wird klar, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, ihm all die Liebe zu vergelten, ihm zu zeigen, wie wichtig er für dich war. Wie viel mehr du hättest tun wollen, wie viel häufiger zu ihn besucht hättest, um wie viel zu wenig zu geleistet hast! Deine Schuld ruht fest auf deinen Schultern, treibt dir einen Eiszapfen mitten durch die Brust ins Herz.

Und du läufst nein du rennst immer weiter deinen schmerzen davon und auch wenn du keinen sinn findest nie finden wirst rennst du bis der schmerz sich zusammenkrümmt in embryonalstellung sich in eine ecke verzieht und dort erschöpft einschläft und auch wenn er da bleibt so gibt er für einen moment ruhe und dort hinten steht eine frau mit einer hundeleine in der hand und du suchst nach dem hund und findest ihn nicht doch da viel weiter hinten kommt ein alter mann ihr nach und dein ermattetes denken denkt ihm gehört die hundeleine um den hals denn er ist der tod doch der tod ist müde er hat keine lust mehr auf diese schnitzeljagd und bleibt einfach stehen und dein herz von diesem eiszapfen durchbohrt ist gefroren könnte auftauen wenn es warm wäre doch du weißt nicht wie es geht weißt nie wieder wie es geht und so rennst du einfach weiter und vielleicht ändert es sich irgendwann

Schuld, Leid und Tod formen sich zur tragischen Trias nach Viktor Frankl: Wir alle haben uns damit auseinanderzusetzen, wir alle sind damit schicksalshaft konfrontiert. Die Freiheit, die uns bleibt, ist, Stellung dazu zu beziehen. Der Tod ist unausweichlich, doch wenn ich in meinem Leben Sinn empfinde, wird er gegenstandslos, denn er ist kein Teil des Lebens. Meinem Leiden kann ich trotzen, ich kann mich ihm entgegenstellen, doch die Schuld, die ich mir aufgeladen habe, wiegt schwer. Hier muss ich Wiedergutmachung leisten, wenn nicht an dem, an dem ich mich verschuldigte, dann an einem Stellvertreter. Und so führst du den alten Mann die Straße entlang, bis er auf eine Bar deutet, die draußen Stühle hat, erschöpft fällt er in einem nieder, „Magst a Kaffeele, Günther?“, fragt die Bedienung, und er nickt und nun kann er sprechen, wenn auch mühsam, so krächzt er die Worte heraus „Wollen Sie auch einen Kaffee?“ und holt sich eine Packung Camel aus der Jackentasche. Und plötzlich bist du so erleichtert, als ob sein Rauchen bedeuten würde „so schlimm kann es nicht sein!“, und du lächelst und schüttelst den Kopf, gehst hinein zur Bedienung und notierst auf einem Blatt Papier deinen Namen und deine Nummer, falls er Hilfe braucht, soll er dich anrufen, und die Bedienung erzählt, dass es da irgendwo, selbst wenn er alleine lebt und sich nicht helfen lassen will, auch eine Nichte gibt, und Günther meist mit dem Taxi nach Hause fährt, sonst hat er auch sein Gehwagerl dabei. 
Du steckst ihm den Zettel zu, er blinzelt dich an, und du glaubst, so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen zu erkennen

los ojos azules como el mar mi mar la mar eterna quisiera hundirme en tu mirada necesito perderme en tí no me dejes sola otra vez quédate devórame llévame contigo aunque sea la muerte tu destino

und er greift zu seiner Jackeninnentasche und du befürchtest für eine Sekunde, dass er dir jetzt Geld geben will, also gehst du schnell, ganz schnell weg.

Und vielleicht geht es gar nicht mehr darum, Sinn zu finden - das einzige was zählt, ist die Schmerzen zu betäuben, „what matters most is how well you walk through the fire“, schrieb Bukowski und so wird es wohl sein. Und irgendwann erkennst du vor dir auf dem Boden Tropfen, und vielleicht ist es der Regen, sind es deine Tränen oder dein Schweiß – vielleicht der Tau des Eiszapfens in deinem Herzen.