Ich atme die Luft der heiligen Berge. Nachdem ich mir im Smog der Großstadt wünschte, ein kiemenatmender Goldfisch zu sein, entfloh ich den Massen der Menschen und suchte die Einsamkeit. Dort hinten wehen Gebetsfahnen im Wind, die Sonne verschwendet hoffnungsvoll ihre Strahlen an ein düster-graues Schneefeld.

Ich setze mich auf einen Felsen, der sich der Frühlingswärme entgegenreckt.

Ist das Glück, das hier mit dem Versprechen auf Erfüllung der Sehnsucht lockt?

„nǐ yī ge rén ma“, fragt eine Stimme, die alt wie das Meer klingt, hinter mir: Bist du ein Mensch - bist du allein, meint sie damit.

Ich drehe mich zu der betagten, gebeugten Frau um, unsere Augen begegnen sich, ich will mir ausmalen, dass unsere Augen sich zu erkennen glauben. In einem anderen Leben hätte ich sie sein können und sie ich. Durch Zufall sind wir in unsere Welt geworfen und zweifeln sie nicht mehr an.


Bin ich MENSCH, bin ich EIN Mensch, BIN ich ein Mensch, bin ich allein? Meint Menschsein Alleinsein?
Meine Worte in ihrer Sprache reichen nicht aus, um nach der Bedeutung hinter den Worten zu fragen – um zu erfahren, wie Menschsein sich für sie anfühlt.

Wir Menschen sind sprachbegabte, sprachverdammte Wesen – was hinter Worten liegt, bleibt uns oft verborgen. Und doch begegnen wir uns. Begegnen wir uns?

„bù shì, wŏ bù yī gè rén“, entgegne ich ihr, „ich bin nicht allein“, und eigentlich will ich ihr sagen, wir sind doch nun zusammen hier, du und ich umfasst die Ewigkeit, denn was nicht eins ist ist schon alles, nicht nur zwei; ich will ihr sagen, dass wir beide in diesem Augen-Blick das unüberwindbare, essentielle Alleinsein aller Menschen zusammenwerfen und es sich neutralisiert, und ich suche in meiner Erinnerung nach weiteren Vokabeln, doch das einzige, was mir noch bleibt, ist eine Zeile aus einem mir sehr kitschig erscheinendem chinesischen Popsong, ich zitiere sie trotzdem: „yīnwèi ài suǒyǐài“, „Weil es Liebe ist, so liebe!“, auch wenn es gar nicht passt, denn wenn Glück eine Blume wäre und damit zählbar, würde ich sie pflücken, für dich, für sie, für den, der mir sein Lächeln schenkt, und ich sage den Satz mit der Liebe gleich nochmal und trotzdem, und sie greift nach meiner Hand, drückt sie, und wir lächeln uns zu, lächeln uns an.

In einer Woche wird es Frühling sein, und all die Blumen werden sich dem Himmel entgegenstrecken. Wenn Glück eine Blume wäre, ich pflückte sie für uns.