Als ich vor einigen Jahren in der Mongolei unterwegs war, bereitete ich mich als vorausschauende Deutsche mit den üblichen Brocken der Fremdsprache auf zwischenmenschliche Begegnungen vor: Ich lernte also Standardworte wie „Bitte“ und „Danke“. Freudig setzte ich diese Vokabeln ein, wann immer es ging. Natürlich wunderte ich mich, weshalb ich meist nur verblüffte Blicke erntete. Am Ende meiner Reise traf ich endlich eine einheimische Studentin in der Hauptstadt, mit der ich mich auf Englisch austauschen konnte – ich fragte sie, ob meine mongolische Aussprache denn so schlecht sei, dass mich niemand verstünde, wenn ich mich bedankte. „Nein“, klärte sie mich auf, „es liegt daran: Wir bedanken uns nicht – denn wenn jemand etwas gibt, tut er das nicht nur wegen des anderen Menschen – er tut es vor allem wegen sich selbst.“

Mir ging ein Licht auf: Der Gebende hat den Akt des Gebens also mindestens so nötig, wie der Empfangende die Gabe nötig hat...

Aber bedeutet das dann nicht, dass eine wirklich gute Tat niemals möglich ist? Wenn alles, was wir an Gutem tun, schlussendlich nur unserem eigenen Seelenheil dient? Dass wir niemals mit guten Taten sühnen können, was wir aus Eigennutz verbrochen haben, dass wir niemals wegen unseres Handelns auf einen Platz im Himmel (gleich, wie der aussehen mag...) hoffen können? 
Auf der anderen Seite: Wenn gute Taten unmöglich sind - heißt das dann nicht auch, dass eine böse Tat genauso unmöglich ist? Dass alles, was wir tun, wir uns doch immer nur selbst antun? Und wir immer wieder nur auf unser eigenes Gewissen als letzte als richtende Instanz, zurückgreifen können? Welch´ Verlassenheitsgefühl – und welch´ Freiheit liegt gleichermaßen in diesem Gedanken!

Philosophische Fragestellungen sind nicht realiter zu beantworten – wir alle sind aufgefordert, für uns selbst Stellung dazu zu beziehen. Wir müssen uns entscheiden zu glauben – selbst, wenn wir Glauben ablehnen ist es damit ein Glaube. Und genau das fällt doch vielen von uns so schwer: Wir fordern Beweise ein, wir sind an empirische Überprüfbarkeit gewöhnt – so sehr, dass wir uns manchmal täuschen lassen und den Blick dafür verlieren, dass in unseren geistigen Welt, der Welt der Ideen, es eben keine Verifizierung oder Falsifizierung geben kann.

Können wir unserem Ego, das in guten Taten Anerkennung durch andere sucht, ein Schnippchen schlagen? Was kann ich tun, um „wirklich“, nicht eigennützig, gut zu sein?

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Dem ersten Problem begegne ich mit einer einfachen Strategie: Seit meinem Ritt durch die mongolische Steppe habe ich es mir angewöhnt, wann immer möglich, im Verborgenen ein gutes Werk zu verrichten. Gut zu sein, ohne dass es jemand bezeugt, helfen, ohne ein „Danke“ zu erwarten.

Und doch hoffe ich insgeheim, damit Gutes zu bewirken – ich hoffe, dass mein Glaube an die Möglichkeit des Menschen, gut zu sein, als Idee über dieses Leben hinaus wirkt. Und damit begegne ich dem zweiten Problem: Denn selbst wenn meine Taten eigennützig sind, weil ich das Geben genauso nötig habe wie der Empfangende die Gabe – weil ich Teil der Menschheit bin und nicht außerhalb von ihr stehe, tue ich damit alles, was ich für mich tue, auch für meine Mitmenschen. Pars pro toto. Vielleicht hört die Handlung aus dieser Perspektive auf, „gut“ zu sein, vielleicht weist sie nun eher ausgleichenden, ausbalancierenden Charakter auf – wenn man an eine harmonisierende Kraft glauben kann, die über den einzelnen Moment hinaus wirkt. Ich tue  mich mit Nichtbeweisbarem stets schwer, und doch: Ich halte es mit meinen guten Taten wie Niels Bohr mit seinem Hufeisen.

Der Physiker Wolfgang Pauli besuchte einmal Niels Bohr - ebenfalls Physiker und Nobelpreisträger. Pauli sah, dass Bohr ein Hufeisen über der Tür hängen hatte. „Professor!", sagte er. „Sie? Ein Hufeisen? Glauben Sie denn daran?" Niels Bohr soll geantwortet haben: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, Herr Pauli, es soll einem auch helfen, wenn man nicht daran glaubt."

Und wer weiß das schon: Vielleicht bewirkt unser „Gutsein“ doch, dass die imaginären Seelen im Himmel ein wenig zusammenrücken, um für uns mal Platz zu machen. Doch selbst, wenn nicht: Immerhin tragen wir dazu bei, das Leben auf Erden für uns alle ein wenig angenehmer zu machen.