Als wir jung waren, war es bei vielen von uns „in“, sich so unabhängig zu fühlen, dass keiner von uns sich je vorstellen konnte (oder es zugegeben wollte) ein „ganz normales Leben“ zu führen. Heirat, Kinder, Haus und einmal im Jahr an den Gardasee stellte sich uns als unbedingt zu vermeidende apokalyptische Fiktion dar.

Einige von uns lösten sich von der postpubertären Rebellionshaltung (jede Generation will es zunächst mal anders machen als die Eltern – und, mal ehrlich: Wer von uns ist in einem wirklich heilen Elternhaus aufgewachsen? Wer erlebte denn wirklich mit, dass eine Beziehung für ein ganzes Leben im GUTEN gedacht sein kann?) schon mit Mitte zwanzig und versuchten sich im Erwachsensein. Andere perfektionierten ein groteskes „Ich versuche mal eine Beziehung“-Verhalten. (Denn es ist nie schwer, eine Affäre zu beginnen – schwer ist, die Nähe, die sich in einer Beziehung entwickeln kann, auszuhalten.) 

Diejenigen schließlich, meist jene, die aus ihrer Kindheit zu sehr verletzt, zu zerstört waren, landeten (in Ermangelung eines anderen Beziehungsmodells) oft in sich als fanatische Liebe tarnenden zerstörerischen Abhängigkeiten – in der Regel zu Narzissten (dies ist geschlechterunabhängig: Auch, wenn häufiger Männer als Narzissten beschrieben werden, weisen ebenso Frauen diese Persönlichkeitsstörung auf (die aus ganz eigenen Gründen heute in der ICD 10 nicht mehr eigens codiert ist, sondern (vielleicht auch aufgrund der Nähe zur dissozialen Persönlichkeitsstörung) nur unter F 60.8 „sonstige Persönlichkeitsstörungen zu finden ist)).

Kurz: Sie taumelten von einem Liebeswahn in den nächsten, verstrickten sich in Beziehungen zu entwertenden, aggressiven, ich-bezogenen, misshandelnden, empathielosen (die Liste ist beliebig fortzusetzen) Personen, in denen sie kaputt gingen, ohne sich lösen zu können. 
Das Spiel ist jedes Mal das gleiche: Aus der anfänglichen Idealisierung heraus switcht der Narzisst in die Entwertung, in die Manipulation der Wirklichkeitswahrnehmung des anderen, und nach und nach gelingt es ihm, immer aus der Position des doch „eigentlich“ Liebenden heraus, den anderen in ein psychisches Wrack zu verwandeln. Meistens ist dieser Prozess dem Narzissten selbst nicht bewusst, er agiert blind und impulsgetrieben aus seiner eigenen Störung und nicht immer aus Bösartigkeit heraus. 
Und doch: Wenn ich mit Klienten arbeite, die sich in solchen Beziehungen zu narzisstisch-dissozialen Menschen wiederfinden, ist dies die eine Ausnahme aller Fälle, in der ich tatsächlich ganz klar einen Rat ausspreche. Ich sage:

„RENNEN SIE SO SCHNELL SIE KÖNNEN!“

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Eine Beziehung zu einem derart ver-schoben-ver-rückten, aus unserem ethischen Werteempfinden heraus gefallenen Menschen wird dich zerstören, sie wird dein Bewusstsein deiner selbst auflösen. Die Doppelbotschaften, die du tagtäglich mitgeteilt bekommst, vernichten deine Klarheit – irgendwann wirst du aufhören, dich darüber zu wundern, dass du dem anderen die basalen Prinzipien des menschlichen Miteinanders (was es heißt, Interesse, Respekt, Zuneigung, Gleichberechtigung zu leben) jedes Mal aufs Neue mitteilen musst (ohne dass das Früchte tragen könnte) und selbst glauben, verrückt zu sein (der Prozess des „Gaslighting“ ist gelungen). Du bist in der emotionalen Verstrickung gefangen.

Gib dich nicht der Illusion hin, dass es nicht weh tun würde, jetzt zu gehen, unterlieg nicht dem Irrglauben, dass du dich unbeschadet aus der Beziehung lösen könntest. Es geht nun darum, das, was von dir übrig blieb, zusammenzufegen, um deine Scherben deines Ichs, später, viel später neu zusammenzusetzen.

Und doch: Du bist stark genug, du kannst es schaffen.

Aus der Arbeit mit einem Klienten, der in einer Beziehung zu einer dissozial-narzisstischen Frau gefangen war, stammt noch ein Zettel, der bei mir daheim an meiner Pinnwand hängt – in meiner unleserlichen Handschrift für Außenstehende nicht zu entziffern, ist er mir ein Reminder, wie leicht es auch für einen in sich gefestigten Menschen ist, aufgrund dysfunktionaler Vorstellungen von Liebe und Verantwortung die eigene psychische Integrität zu verlieren, die Ich-Grenzen sich auflösen zu sehen.

Mit seiner Erlaubnis beschreibe ich hier kurz die Essenz unserer Zusammenarbeit:
Auf dem Zettel, der aus meiner hypnotherapeutischen Arbeit mit dem Klienten stammt, steht: „Ich möchte den Panther fürs Leben finden!“.

Im Laufe des monatelangen Prozesses, den es bedurfte, um sich aus der zerstörerischen Beziehungsspirale zu lösen, arbeiteten wir mit einem Bleiklumpen, den mein Klient von seiner letzten Silvesterfeier mitbrachte und den er nicht interpretieren konnte. Ich vereinbarte mit meinem Klienten, dass ich ihn so lange auf meinem Fenstersims liegen lassen würde, bis er, am Ende der Therapie, in der Lage wäre, ihn eigenständig zu deuten.

Die Erkenntnisse, Ergebnis des langen therapeutischen Geschehens, die sich nach und nach in Gefühle umsetzen konnten, waren:

  • Liebe entsteht in mir. Ich leihe meine Gefühle einer anderen Person nur, sie gehören ihr / ihm nicht.

  • Wenn es mich zerstört, wenn es weh tut, kann es niemals Liebe sein (Agape ist transzendental).

  • Wenn meine Gefühle, auch das Verliebtsein, eine Projektion sind, haben sie primär nichts mit dem anderen zu tun – sie sind von mir, in dieser Lebensphase, bestimmt.

  • Zu jeder Zeit ist es theoretisch möglich, a) meine Gefühle zurückzuholen oder b) sie auf eine andere Person zu übertragen.

  • Niemand, NIEMAND hat das Recht, auf eine bestimmte Weise mit mir umzugehen – und ich selbst bestimme, was gut für mich ist, was ich ertragen kann.

  • Ich will keine Spiele spielen.

  • Ich brauche eine andere Person nicht, um mein Leben gut zu leben / um glücklich zu sein.

  • Dennoch darf ich mich dennoch nach einer Partnerin / einem Partner sehnen.

  • Wenn ich ein Stückchen „ganzer“ geworden bin, bin ich bereit.

  • Ich kann mich immer auf mich verlassen – ich komme aus jeder emotionalen Verwüstung wieder heraus.

 

Der Zeitpunkt war gekommen, dass er das Stückchen undefinierbares Blei auf meinem Fenstersims wieder in die Hand nahm, es intensiv betrachtete, um schließlich heiser festzustellen: „Das ist ein Panther. Das bin ich. Ich hatte mich verloren. Ich habe mich neu gefunden. Ich bin mir der Panther meines Lebens.“

Gehe los, lauf weg von dem, was dir nicht gut tut, was dich zerstört – das ist nicht dein Kampf, diese Schlacht musst du nicht kämpfen, du kannst sie nicht gewinnen. Doch du kannst dich retten, du musst es tun, das ist deine einzige Verpflichtung in diesem Leben: Sorge gut für dich.

Zieh aus, den Panther deines Lebens zu finden.