„Weil es einfach kompliziert ist, eine Beziehung zu führen!“ beantwortete mein Supervisor meine eigentlich nur rhetorisch gestellte Frage, weshalb Beziehungsgestaltung denn so schwierig sei. Ich hatte eine Praxiswoche voll dramatisch klingender Beziehungsthematiken hinter mir und verzweifelte am Verzweifeln meiner Klienten: Viele von denen, die in einer Beziehung sind, wünschten, sie wären es nicht und viele meiner Single-Klienten sehnen sich nach einer solchen. Internet-Dating und Co. sorgen heute zuverlässig für gebrochene Herzen und blaue Flecken auf der Seele – all die Möglichkeiten, seine tiefsten Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen, auf ein Foto am Bildschirm und einige wenige getippte Worte, zu projizieren – und wie kalt das Erwachen aus dem romantischen Stilisieren des Flirtpartners zum ewig Erwarteten! Kein solches Bild hält dem Abgleich mit der Realität stand. Natürlich bricht diese Scheinwelt bald zusammen, und damit fühlt es sich für den enttäuschten Liebenden an, als ob er mit der Vorstellung von sich als Teil eines Paars seine ganze Zukunft verliert.

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Ist es tatsächlich kompliziert, eine Beziehung zu führen? Ist es wirklich so kompliziert, sich auf einen anderen Menschen so einzulassen, dass es nicht nur eine Frage der Zeit ist, wann Schiffbruch erlitten wird?

Während es in Zeiten der Single-Börsen immer einfacher ist, sich zu verabreden und eine Affäre einzugehen, scheint es beinahe unmöglich, mittels online Datings eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu können. Und die Menschen, die noch in einer Beziehung sind, sehen oft genug die Trennung als einfachste Lösung – scheint der nächste Partner doch nur einen Mausklick entfernt. Zu groß ist die Versuchung, einen Menschen als Katalogware zu betrachten, der, nach Kriterien wie Haarfarbe, Größe, Beruf und Einkommen selektiert, mit einem „like“ bestellt werden kann: Bei Nicht-Gefallen umtauschbar.

Häufig liegt dem kontinuierlichen Suchen und Leiden, all den großen und kleinen Enttäuschungen, die Vorstellung zugrunde, dass es „da draußen den einen Welchen“ gäbe, der mein Seelenverwandter, mein Traumprinz, mein Deckel zum Topf ist. Viele von uns unterliegen dem Irrglauben, dass es eine andere Person sei, die mich veranlassen würde, sie zu lieben.

Dass Liebe immer nur in mir entstehen kann, dass sie aus mir kommt, wird dabei übersehen. Unsere Liebe ist damit wie eine Leihgabe an einen anderen Menschen: Wenn dieser Mensch sie nicht gut behandelt, oder sie nicht (mehr) braucht oder will, kann ich sie zurückholen. Jederzeit. Denn meine Liebe gehört mir und niemand anderem.

Wenn wir glauben, dass es dieser eine Mensch sei, der diese großartigen Gefühle in uns verursacht, übertragen wir die Verantwortung für unsere Emotionen auf den anderen – und glauben, derart selbst entmündigt, den Kummer, den unsere enttäuschte Liebe bewirkt, nicht ertragen zu können. Nur dieser eine Mensch kann uns davon befreien, nur er kann uns erlösen!

Welch´ Trugschluss, der uns immer wieder leiden lässt.

Wenn wir verstehen, dass unsere Gefühle in uns sind und von einer anderen Person nur geweckt, nie verursacht werden, erleben wir Befreiung - und sind wieder in der Lage, die Verantwortung für unser emotionales Erleben zu übernehmen. Und können damit wieder für uns sorgen. Die Hilflosigkeit, die wir empfinden, wenn wir uns in unserer Liebe von einem Partner abhängig glauben, schwindet – wir spüren ganz deutlich, dass unsere Liebe (zu) uns gehört – sie kann damit auch nicht verschwinden, nicht unerfüllt (nur unerwidert) bleiben - sie kann, wenn sie nicht auf Resonanz stößt, in uns zurückkehren.

Ja, Gustavo Adolfo Bécquer, die Liebe kehrt in dein Herz zurück, wenn sie vergessen wird:


XXXVIII

¡Los suspiros son aire y van al aire!

¡Las lágrimas son agua y van al mar!

Dime, mujer, cuando el amor se olvida

¿sabes tú adónde va?