"Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. [...] Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker dieser Liebe zu sein." 
(aus: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker, btb, S. 26) 

Alle großen Denker erfüllen sich die Liebe nicht, heißt es. Denn wer glücklich liebt, verliert den Drang zu denken. Wer glücklich liebt, igelt sich in wohliger Zweisamkeit ein, zieht die weiche Decke der antizipierten Glückseligkeit über seinen Kopf. Und das Denken verebbt, nach und nach. 

Glückstriefende Liebesgedichte will keiner auf Dauer lesen, nicht einmal der Autor selbst – wie kann es mit der Philosophie, wie kann es mit der Psychotherapie anders sein? Ist nicht jede philosophische Ausrichtung wie jeder therapeutische Ansatz Konsequenz der eigenen Biografie? 

Einer meiner bevorzugten Philosophen, Sören Aabye Kierkegaard, entschied sich gegen die Möglichkeit der Verwirklichung einer glücklichen Liebe. Er stellte sich selbst vor die Wahl – eine Wahl, von der er wohl hoffte, dass sie ihn vom „ethischen“ zum „religiösen“ Menschen avancieren lassen würde.

 


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Eine Wahl, von der er ausging, dass sie durch das mit sich bringende lebenslange Leiden (und Kierkegaard würde bis zu seinem Tod unglücklich bleiben) sein Antrieb sein  würde, sein könnte, großartige philosophische Gebäude zu konstruieren. „Hätte ich wirklich geglaubt, hätte ich Regine geheiratet!“, würde er Jahre später seinem Tagebuch klagen. 

Und doch: Hätte er geheiratet, hätte er dem Drängen des „Ästhetischen“, des Sinnlichen, nachgegeben – er hätte wohl kaum mehr Anlass gehabt, das menschliche Dasein (und damit Leiden) so zu hinterfragen.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Biologen, der fest behauptete, der Sinn der Evolution sei das Weiterbestehen des Lebens. 

Meint das nicht, dass wir mit dieser Annahme der Evolution einen teleologischen Aspekt, eine Zielgerichtetheit, unterstellen müssten? 

Ich entscheide mich gegen diese Annahme. Ich kann nicht recht glauben, dass die Evolution eine sich außerhalb von uns befindliche Macht sei, die eigene Ziele verfolgte – und wenn es auch das Ziel unseres Fortbestehens sei.

Ich spreche nicht gerne von einem „Sinn“, weder des Lebens noch der Evolution. Ich halte es mit Viktor Frankl: Jeder Moment ist eine Aufforderung, ihm Sinn zu geben. Darüber hinaus denke ich: Und alles, was wir tun oder eben auch unterlassen, geht als Idee in eine von unserer irdischen Existenz losgelöste geistige Seinsebene ein. Eine Ebene, die beständiger ist als unser menschlicher Körper.

Ob wir einen Baum fällen oder wachsen lassen, ein Buch schreiben oder für uns alleine Geschichten erfinden, ob wir lügen oder ehrlich sind, glauben, lieben oder hoffen: Wir verwirklichen Ideen. 

Und diese Ideen, dieser Geist, sind es, die lange nach uns weiterbestehen, die sich von uns als ihren Schöpfern loslösen – und in der Erde, in unseren Hirnen, in unseren Herzen ihre Spuren hinterlassen. 

Denke, liebe, renne oder bleibe still – wenn du glaubst, wählen zu müssen, wähle. Oder: Negiere die Wahl.
Außerhalb von dir liegt die Erlösung nicht. Niemand wird dir, niemand kann dir die Verantwortung für dein Leben abnehmen.