Wenn mich jemand aufsucht, dann meist, weil er leidet. Manchmal ist es ein träges, zähes Leiden, das sich über viele Jahre wie schwarzer Teer, der in alle Ritzen gekrochen ist, festgesetzt hat, manchmal ist das Leid grellrot und tosend wie ein tropischer Wirbelsturm. Es sind Menschen, die ihre Eltern und Kinder zu Grabe tragen mussten, deren Körper und Seele durch verschiedenste Grausamkeiten Schaden nahmen, Menschen, die die Unwiederrufbarkeit von Entscheidungen beklagen, die an Einsamkeit zugrunde gehen – kurz: Es sind Menschen, die Unerhörtes auszuhalten haben.

Wir Therapeuten können das Leiden nicht von ihnen nehmen – wir können nur helfen, es zu tragen zu versuchen.

Die wenigsten von uns hatten sich irgendwann entschlossen, therapeutisch zu arbeiten, weil ihnen das Leben so wohlgesonnen gewesen war – die meisten von uns entschieden sich, weil sie das Leiden kennen. Weil sie wissen, wie es ist, in den Abgrund der Verzweiflung zu blicken, voll Entsetzen und Hilflosigkeit.

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Wir alle erleben Situationen, müssen uns Ereignissen stellen, die wir nicht (mehr) beeinflussen können – Momente, die unser Schicksal in sich tragen. Wir können es nicht mehr ändern, nichts beeinflussen - doch drohen wir zu zerbrechen – wie können wir solch´ Tragik akzeptieren?

Frage dich: Worin liegt deine Aufgabe, wieso widerfährt dies dir? Im Leiden selbst liegt kein Sinn verborgen – und doch musst du ihn finden, ihn dem Leiden geben – drücke deinem Leiden deinen Sinn (das, was Viktor Frankl „logos“ nennt) auf wie einen Stempel auf weißes Papier. 
Du weißt nie, was anders hätte kommen können – du weißt nie, was dir, was deinen Liebsten erspart geblieben bist, weil es genau so gekommen ist. Wenn wir in der bestmöglichen aller Welten leben, gab es keine andere Option (doch lerne das, was du selbst bestimmen kannst zu unterscheiden von dem, was dir schicksalshaft auferzwungen ist!). Bemühe dich, durch dein Leiden mehr Gutes zu wollen, Gutes zu tun.

Und irgendwann sitzt du an einem Fluss, wirfst Kiesel in seinen Strom, und denkst daran, dass sein Staub das ist, was bleibt – das, was lange nach dir noch, in welcher äußeren Form auch immer, weiter gegeben ist. Was ist mit der Energie deines Denkens? Was bleibt, ,was verliert sich? 
Was ist, wenn das Mikrogramm deines guten Wollens in der richtigen Waagschale landet, dort in der nächsten Welt, die gleich hinter unserer liegt, ab und an scheint sie doch durch? Würdest du dich nicht umso mehr bemühen, ihm noch mehr Gewicht zu verleihen?

Und immer wieder bleibt die Frage: An was glaubst du?