Als ich frühmorgens an einem Seminarwochenende durch die alkoholschwangere Stuttgarter Innenstadt laufe, stockt mir der Atem: Neben Obdachlosen, die auf Zeitungspapier ihr Nachtquartier die Häuserwände entlang aufgeschlagen haben, haben Flüchtlingsfamilien ihre Schlafsäcke auf den wenigen Stellen, die nicht vom Abfall und Erbrochenen des Partyvolks verunreinigt sind, ausgebreitet.

Aus den Tiefen eines Untergeschosses dröhnt noch hämmernde Clubmusik, ein Betrunkener wankt heraus und übergibt sich vor ein Schaufenster. Jeder Schritt weiter löst jeden Plural auf.

„Hast mal ´ne Kippe?“, „Hast Feuer?“, „Ein Euro, bitte“ - der Gang über die morgendliche Partymeile, deren Besucher von im gestrigen Feiern stocken, gleicht einem Spießroutenlauf.

Irgendwann einmal sind wir gefallen und haben dann vergessen, wiederaufzustehen.

In mir rumort Einsamkeit. Ich fühle mich fremd – nicht in dieser Stadt, vielmehr in diesem Leben.

Das Echo vergangener Gespräche klingt in meinen Ohren, babylonische Sprachfetzen, zu denen ich den Zugang verlor.

Die Welt ist voll unerfüllter Versprechen, gebrochenen Eiden und vergessenen Schwüren – weshalb hast du die Finger denn auf dem Rücken gekreuzt? Niemand hat dich aufgefordert, deine Zukunft herzugeben... Rückt nicht jeder Blick ins Jetzt auch die Vergangenheit zurecht?

Was, wer sind wir, die wir hier nach der Erfüllung trachten?

Wir gaukeln uns vor, dass wir unser Glück per Mausklick zusammenstellen können: Das Hotelzimmer muss Ausblick haben, der Partner Einblick, wir brauchen im Job Weitblick. Kombiniere die Anforderungskriterien an das Zimmer mit der buntflackernden Erlebnisdusche, den Partner mit dem waschbrettbauchharten Mindest-IQ und den Job mit der vielversprechenden Möglichkeit, via Burnout frühzeitig in Rente zu gehen. Beklage dich nicht auf deinem Sterbebett, du hättest nie das Beste versucht – nur wäre es dir verweigert worden. Beklage dich, dass es dir nicht gelang, Verantwortung für dich zu übernehmen.

Wann hören wir auf, uns selbst in die Tasche zu lügen? Wann werden wir sagen: „Jetzt ist´s genug!“?

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Ich will rennen, doch wenn ich nun zu rennen beginne, höre ich nie mehr auf. Deswegen kehre ich ein, in ein kleines Café, in dem der Verkäufer gähnend Backwaren in die Regale räumt. Ich bestelle mir eine Tasse Kaffe und betrachte, wie der Dampf, sich auflösend, nach oben zieht.

Der Nachhall von Erinnerungen an ein Gespräch mit einem Freund zieht vorbei – wir suchten nach Erklärungen für die blinde Unterhaltungslust vieler Menschen, nach Betäubung in Alkohol- und Discoschwaden.

„Aus purer Todesangst heraus betäuben die ihr Leben“, meinte er. "Niemand hat vom Leben etwas Ordentliches gelernt, solange er nicht weiß, dass jeden Tag Gerichtstag ist", zitierte er Ralph Waldo Emerson.

Und doch: Für mich ist Todesangst das Sich-Festklammern an etwas Fiktivem – niemand braucht Angst vor dem Tod zu haben, denn dieser ist kein Teil des Lebens, kein Teil von mir. Keine einzige Zelle meines Körpers hat Angst vor dieser Verwandlung, die mein Ich als Tod interpretiert – mein ichloser Körper lebt weiter, in Tieren, in Pflanzen, in der Erde. Angst ist eine Erfindung meines Geists, der wiederum selbst Illusion ist – mein Selbstbewusstsien, das sich aus der Hirnfunktion ergibt, reflektiert seine Endlichkeit und bibbert angesichts seiner Auflösung.

Das ist, wie wenn ein Schatten sich vor der Dunkelheit fürchten würde.

Mein Ich-Bewusstsein ist nur Reflexion, spiegelt die Idee dahinter – die allumfassende Idee des Seins, deren Teil wir alle sind.

Wenn ich heute aufhöre zu sein, blicke ich morgen als jemand anders in die Welt. Wir sind nicht getrennt, wir sind eins. Wir alle sind die Verwirklichung der Idee des Lebens, die allem zugrunde liegt. Wir brauchen nichts zu fürchten. Wir dürfen leben. Alle zusammen teilen wir uns die selbe Atemluft. Geben wir Acht auf uns. Dieser Augenblick ist alles, was wir alle haben.