Die meisten von kennen diese Phasen im Leben, in denen nichts glatt zu laufen scheint: Kleinere und größere Missgeschicke reichen sich die Hand, das Schicksal teilt Kinnhaken aus. Und kaum haben wir uns von einem Schlag erholt und uns aufgerappelt, streckt uns der nächste erneut nieder.

Auch die überzeugtesten Atheisten und die wankelmütigsten Agnostiker beginnen sich nun zu fragen, für welche „Sünden“ sie denn zu büßen haben – alternativ bleibt das Verzweifeln an der ergebnislosen Suche nach einem Grund für so viel Unglück.

Doch das Hadern mit dem eigenen Los verhindert, dass wir diesen berühmten einen Schritt neben uns treten können, um von unserer individuellen Existenz zu abstrahieren und einen Blick aufs große Ganze zu werfen: Du leidest, unbestreitbar. Und doch: DU SELBST leidest und niemand, der dir nahe steht. Das eigene Leid zu schultern ist einfach, wesentlich einfacher, als das Leiden derer, die wir lieben, bezeugen zu müssen.

„Hör´ auf zu fragen, was das Leben dir schuldet – frage dich vielmehr, was du dem Leben schuldest“, würde Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse / Logotherapie, uns auffordern.

In seinen Worten finde ich Trost, wenn ich selbst im Hürdenlauf des Lebens ins Stolpern gerate, seine Worte gebe ich meinen Klienten, die mit ihren Dämonen zu kämpfen habe, weiter.

Viktor Frankl beschreibt, wie wir alle in der noetischen Dimension Kraft und Durchhaltevermögen in der „Trotzmacht des Geistes“ finden können, in diesem: „Jetzt erst recht – ich lasse mir nicht alles von mir selbst gefallen, und ich lache meinem Schmerz ins Gesicht!“

Den meisten von uns ist es vergönnt, als „homo faber“, als schaffender Mensch, oder als „homo amans“, als in Erlebniswerten Erfüllung findender Mensch, Sinn zu finden.

Und doch ist es dem Leben, dessen Teil wir sind, egal, was wir von ihm erwarten, und in seiner allumfassend neutralen Gleich-Gültigkeit bleibt manch einem von uns in größter Seelennot manchmal nur noch die Wahl, als „homo patiens“, als leidender Mensch, das Leben dennoch anzunehmen. (Viktor Frankls Werk „Trotzdem ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ legt Zeugnis davon ab.)

Ich glaube, und hier ändere ich für mich Frankls These ab, dass genau diese Fähigkeit uns Menschen auszeichnet: Dass wir uns auch im Elend darauf besinnen können, dass es in unserer Macht liegt, Sinnhaftigkeit selbst zu erzeugen. Ich denke, wir können unserem Tun Sinn quasi aktiv einverleiben, und wir können wählen, daran zu glauben.

Glaube und Sinn sind nichts, was über mich kommen muss, ich kann beides frei für mich er-finden. Wir können über unsere eigene Existenz hinausdenken, wir können unser Dasein transzendieren.

Wir alle sind im Leiden stärker, als wir im alltäglichen Sein vermuten. Und, ja: Ich hoffe, dass die meisten von uns so viel Glück haben, nie herausfinden zu müssen, wie viel sie wirklich aushalten.

Und doch, was immer bleibt, ist: Wir können uns fragen, was wir hinterlassen wollen. Welche Gedanken, welche Gefühle unsere Liebsten in sich tragen sollen, wenn wir sie verlassen haben – und wir können uns entscheiden, danach zu leben. Wir können HEUTE beschließen, unser Leben so zu leben, dass wir nie mehr zurückblickend feststellen müssen: „Ich bedauere das.“