Kürzlich fragten mich meine Schüler, ob bezüglich Frankls Konzept des sinnhaften Daseins ein Mensch, der als homo patiens der Sinnlosigkeit zu trotzen lernen musste, jemals wieder als homo faber oder homo amans Erfüllung finden kann. Kurz: Sie wollten wissen, ob es einen Weg zurück gibt.

Kann Entwicklung umgekehrt werden, kannst du, dein Kreuz geschultert am Ende deines Leidenswegs, dich umdrehen, zurückkehren in dein „altes“ Leben?

Kann Kierkegaards „religiöser Mensch“ zurückzuspringen (denn diese Entwicklung verläuft nicht linear – sie vollzieht sich in Sprüngen) in seine Existenz als ethischer oder ästhetischer Mensch?

Ich würde gerne mit Viktor Frankl am Rax, seinem Hausberg, einen Klettersteig gehen und ihn zwischendurch befragen: „Hr. Frankl, wenn Sie nun hier klettern, wie steht es um die Sinnhaftigkeit dieses Moments? Ist es nach alledem, was Sie erleben mussten, nicht vorbei mit jedem erfüllenden Gefühl im Schaffen und Erleben? Oder ist´s gerade umgekehrt: Eben WEIL Sie die Tragödie Ihres Lebens bezeugen mussten, sind Sie in der Lage, in diesem Augenblick wirklich zu SEIN?“

Frankl schweigt, ich muss mir die Antwort selber geben. So sehr ich einen Lehrmeister wollte, so still werden meine Großen.

Als Zeuge des Leidens (deines eigenen oder eines fremden) stehst du vor der Wahl: Du kannst die Aufgabe verweigern, dieses Leid zu transzendieren, und dich dann als „Momentejäger“ verdingen – du sammelst Berggipfel und / oder Menschen wie Trophäen.

Du hast die Wahl, niemand nimmt sie dir ab, niemand urteilt über dich als du selbst: Entscheide dich: Du kannst dich ebenso der leeren Sinnlosigkeit des Daseins stellen, in der Erkundung deiner ontologischen Einsamkeit.

Der Mensch, Momente jagend, erfährt, dass jeder Augenblick des Glücks vergänglich ist: Seine innere Einsamkeit treibt ihn in eine Höhle, in der er, nackt und verletzt, echte Begegnung meidet.

Der Höhle steht Konsum gegenüber: der Konsum lauwarmer Zwischenmenschlichkeit.

Der Momentejäger beginnt, fremde Körper wie Dämmmaterial um sich herum zu legen, schiebt kurzweilige Berührungen zwischen sich und sein existentielles Vakuum, taumelt von einem Liebeskummer in den nächsten, oder hört ganz auf zu lieben.

Gibt es Hoffnung? Wie kann er heilen?

Heilung kann nicht aktiv vorangetrieben werden kann – sie vollzieht sich, schleicht sich, zaghaft, unbemerkt, ins Leben ein. Dann hältst du inne, stellst verwundert im Rückblick fest: Der Schmerz hallt als Erinnerung in dir, wie das letzte Echo einer lang verklungenen Elegie.

Der Mensch als homo patiens, einmal tief verwundet, hört auf, Momente zu jagen – und dann erlebt er sie voll und ganz. Dem, der sich bewusst ist, dass es keinen Retter gibt, eröffnet sich eine andere Dimension der Zwischenmenschlichkeit: Im Akzeptieren und Durchschreiten der Einsamkeit wird echte Begegnung, wirkliches Erleben möglich, ein wahrhaftiges „Vom Ich zum Du“. Erwartungsfrei erkennst du im anderen dich selbst, erkennst, zu was wir Menschen in der Lage sind:

Als homo compatiens et sperans verbinden und verbünden wir uns im Wissen um das Leid der Welt, reden es uns mit seiner Endlichkeit gut, erfinden uns Hoffnung auf Verbundenheit. Und trotzen damit dem Vakuum.

In jeder Begegnung kannst du dich neu erfinden: Du kannst die Wahrheit deiner Biographie rekonstruieren, du kannst sie neu erschaffen – es bleibt stets ein Akt der Konstruktion.