Wir sitzen uns im Pub gegenüber, enttäuscht starre ich in mein Stout: Vor 25 Jahren in Dublin schmückte den Schaum noch ein Kleeblatt. Also stupse ich mit dem Zeigefinger ein Gesicht, einen lachenden Smiley, in die fest-weiche Konsistenz des Schaums. Ich staune, wie sehr und unmittelbar mir das, was ich jetzt erlebe, gegeben ist.
„Ich verstehe ja jetzt mit meinem Ingenieurs-Verstand theoretisch ungefähr“, sagt meine Begleitung und ich muss schmunzeln: macht er sich doch gerne kleiner, als er ist, „was Viktor Frankl mit seinen drei Pfeilern der Liebe, also Eros, Filia und Agape, meint... aber kannst du vielleicht ein Beispiel bringen?“

Eine meiner seltsamen Angewohnheiten ist, wenn ich nachdenke, über die rechte Schulter meines Gegenübers ins Leere zu blicken, so als dort ob der Himmel eine nur für mich sichtbare Schriftrolle mit meiner Antwort, die ich geben will, entfaltet. Doch nun begegnet mein Blick für eine Sekunde nur den goldenen Funken in seinen brauen Augen. „Du trägst den Großen Wagen in deinen Augen“, stelle ich fest, „und diese Funktion hat für mich auch Agape: Wie der Große Bär am Himmel immer vorhanden ist, gleich, ob ihn jemand sucht und braucht, um ihm die Richtung seines Wegs zu indizieren, ist Agape als die bedingungslose, zugewandte Liebe immer da, unverrückbar und ohne, dass nach ihr gefragt wird. Sie ist es sich auch im Hintergrund zufrieden, ist sich gewiss, dass sie den, auf den sie scheint, schützt, ihn fürsorglich umhüllt. Wann immer sie gebraucht wird, zeigt sie sich – und doch ist sie nicht darauf angewiesen, dass sie der andere in seiner Not anruft.“

Bedingungslose Liebe fordert nicht, gebraucht zu sein. Sie stellt sich zur Verfügung, auch, wenn sie nie erwidert wird.

„Agape ist das, was dir auch als homo patiens, in der heroischen Stellungnahme deinem Schicksal gegenüber, als Wahl bleibt.“

„Filia meint“, führe ich weiter aus, „eine Freundschaft, so wie sie auch dich und mich verbindet: Wir respektieren und schätzen uns sehr, sind miteinander durch Dick und Dünn gegangen, und doch ist unsere Zuwendung nicht bedingungslos: Ich erwarte von dir, wie du auch von mir, dass du ein ähnliches Wertesystem teilst, ich will mich selbst in dir erkennen, mein Sein in dir gespiegelt sehen. Zusammen stellen wir unseren Standpunkt her. Das würde ich auf Frankls Konzept des „homo faber“, des herstellenden Menschen, der in diesem Schaffwerk Sinn findet, übertragen sehen.“

„Und dann noch“, runde ich meine Ausführungen ab, „ist das Eros, die körperliche, sinnliche Liebe – die wohl auch unbedingt Basis für eine Partnerschaft ist. Hier bin ich ganz perzeptiv-empfindend. Ich glaube, Eros entspricht vor allem dem homo amans, ist seine Erlebensqualität.“

Mein Freund hebt fragend seine linke Augenbraue: „Was würdest du wählen, wenn du dich entscheiden musst?“

Ich stutze, etwas irritiert. „Ich nehme alles“, entgegne ich, „Eros meint für mich, mit den Fingerspitzen die Landkarte eines anderen Körpers anfertigen zu wollen, ihn genau zu ergründen, zu vermessen, zu kartieren, wissen zu wollen, welchen Duft die Kuhle unter dem Schlüsselbein verströmt, die weiche die Haut hinter dem Ohrläppchen ist, wie sich der große Zeh in meiner Hand anfühlt. Diese Landkarte fertige ich an, weil ich mit dem anderen etwas erleben will, ich will mich im Dschungel des Lebens mit ihm an meiner Seite zurecht finden, will Schulter an Schulter mich mit ihm gegen alle Unwägbarkeiten wehren können. Dazu muss mir klar sein, in welcher Gestalt er seinen Raum in der Welt fordert. Und damit ich all das wiederum zusammenfügen kann, um von mir wieder weg zu einer übergeordneten Perspektive zu gelangen (denn wohin soll mich jene Landkarte denn führen, welchen Weg soll sie mit zeigen? Ich muss mein Ziel doch kennen, bevor ich mit dem Kartographieren beginne), will ich ohne Bedingungen den anderen erkennen, von all meinen Projektionen absehen und den anderen um seiner selbst willen lieben. Nach Emmanuel Lévinas ist der andere schon vor mir da, er hat das Recht, von mir als vor-rangig erfahren zu sein.“

 

Und mein Freund nimmt sein Glas, erhebt es und prostet mir zu: „Ja“, sagt er, „wir nehmen einfach alles, wir nehmen die ganze Welt. Warum sich selbst limitieren, wenn es in der menschlichen Natur, wenn es in der Liebe liegt, alles zu sein und damit sich selbst überwinden zu können?“