Wenn der Psychotherapeut und Autor Irvin Yalom in „Die Liebe und ihr Henker“ schreibt, er arbeite nicht (oder nur sehr, sehr ungern) mit frisch verliebten Patienten, kann ich das nur bestätigen: Zu psychoseähnlich, zu aufgewühlt und hoffnungsvoll ist dieser Zustand, als dass effektive psychotherapeutische Arbeit möglich wäre. Die ganze Libido ist auf den neuen Partner fixiert, nichts anderes erscheint mehr wirklich wichtig.

Genauso unmöglich ist es manchmal, mit Klienten psychotherapeutisch zu arbeiten, die in einer akuten Liebeskrise sind. Oft fallen sie im Liebesleid in eine Regression, die jeden rationalen Gedanken auslöscht. 
Liebeskummer ist wohl der Schmerz, der mit am schlimmsten auszuhalten ist (und wie wir heute wissen, aktiviert das Gehirn dieselben Strukturen, die auch körperlichen Schmerz empfinden lassen).
Schon Cicero schrieb in 
"De finibus bonorum et malorum" vom Liebeskummer (und angeblich ist aus dem „Dolorem ipsum“ der Textplatzhalter „Lorem ipsum“ geworden): „Neque porro quisquam est qui dolorem ipsum quia dolor sit amet, consectetur, adipisci velit..." (Es gibt niemanden der sich selbst in Liebeskummer begibt, der danach sucht oder danach verlangt, einfach weil es schmerzt.)

Insbesondere wenn Klient*innen mit (früh-)kindlichen Bindungsstörungen und problematischen Bindungserfahrungen (v.a. Menschen, die dem ambivalent-unsicheren Bindungstyp nach Ainsworth et.al. entsprechen) von ihrer „neuen Liebe“ sprechen, klingeln bei mir die Alarmglocken: Wenn sie mit leuchtenden Augen die ganze Sitzung über in Phantasien von ihrem / ihrer neuen Auserwählten schwelgen, wird die Idealisierung (und damit verklärende Täuschung) deutlich. Die zu erwartende Ent-Täuschung steckt schon im Beginn.

Das Problem dabei ist: Wir neigen dazu, unsere frühen kindlichen Beziehungsmuster zu wiederholen. Immer und immer wieder. Das Herz ist oftmals schneller als der Kopf.

Wer selbst keine stabile Beziehung kennt, vielleicht innerhalb der Herkunftsfamilie nicht vorgelebt bekam, läuft Gefahr, sich Partner zu suchen, die eine ähnliche Instabilität zeigen.

Wer früher misshandelt wurde, wer (physisch oder psychisch) missbraucht und emotional vernachlässigt wurde, neigt dazu, sich narzisstische und / oder dissoziale Partner zu suchen, die die Entwertung wiederholen.

Und doch gibt es immer einen Anfang vor dem Ende. Und der Anfang einer dysfunktionalen Beziehung ist meist überwältigend: Die Liebenden lassen sich in diesen Rauschzustand fallen, inhalieren die Zuneigung des anderen, richten ihre Träume und Sehnsüchte auf diese Beziehung. Wie oft habe ich schon diese Aussage vernommen: „Das ist der / die, auf den / die ich gewartet habe. Dieses Mal ist alles anders.“

 

Und dann kommt der Tag des Unausweichlichen: Vielleicht gab es einen ersten handfesten Streit, vielleicht hat der eine den anderen angelogen oder gar betrogen, vielleicht war es „nur“ ein erstes Hintergehen. Gleich, was der Auslöser war, dem Liebenden wird klar, dass er (wieder einmal) auf Sand baute. Und seine Welt stürzt in sich zusammen, sie implodiert und hinterlässt ein schwarzes Loch, in dessen Zentrum Angst alles zu verschlingen droht. Das Entsetzen, den anderen zu verlieren, nie mehr sehen, spüren, lieben zu können, löscht alles aus. Nur noch das Behaltenwollen und nicht wissen, wie, dominiert das Denken. Innerhalb von Sekunden regrediert er / sie auf ein kindliches Gefühlsniveau, das jede Vernunft, jede Logik, jede erwachsene Bewältigungsstrategie unmöglich macht.
Diese Angst ist irrational, nicht gegenwartsbezogen: In ihrer Intensität ist sie existentiell, sie lässt keinen rationalen Gedanken mehr zu. Sie begründet sich in früheren (kindlichen) Erfahrungen, ist oft darauf zurückzuführen, dass ein Kind im Stich gelassen wurde, verlassen wurde, wenn es unbedingt jemanden gebraucht hätte. Diese hilflose Verzweiflung kommt nun zurück: Sie raubt den Schlaf, lässt keine Konzentration auf anderes mehr zu, sie legt sich auf die Brust und erlaubt keinen tiefen Atemzug mehr.

Der Klient sieht sich seinen überwältigenden Gefühlen ausgeliefert. 
Wenn sich Klienten ist dieser Regression an mich wenden, ist es sehr schwer, sie zu stabilisieren: Das Kind-Ich ist so übermächtig, dass kein Argument mehr hilft. Sie glauben, an ihrer Liebe zu verrecken. Jeder Gedanke, jedes Gefühl ist von Verlustangst verstellt. Es scheint unmöglich, eine Nacht zu überstehen, das Herz und die Gedanken rasen, während eine schwere, schwarze, wortlose Trauer den Körper lähmt.

Manchmal lindert es ein wenig, wenn ich ihnen helfe, sich klar zu machen, dass diese Vehemenz der Emotion nicht auf die aktuelle Situation, nicht auf diesen Mann, nicht auf diese Frau, der / die nicht der / die Lebenspartner/in sein kann, zurückzuführen ist. Er / sie mag der Auslöser sein, der Ursprung liegt woanders. Diese Angst gehört nicht dem Erwachsenen an, sie ist in ihrer empfundenen existentiellen Bedrohung kindlich, geht auf ein früheres Entwicklungsstadium, eine frühere Bedrohung und Verletzung, einen früheren Verlust, zurück. 
Und dann, wenn sich der Schmerz beginnt zurückzuziehen und „normalem“ Liebeskummer weicht, kann daran gearbeitet werden, den Ursprung aufzuspüren und ihn abzumildern.

Und ja: Der Schmerz wird leichter werden, du wirst nicht an deiner Liebe verrecken. Du wirst es überstehen, du wirst ein Stückchen wachsen, stärker werden. Du gewinnst deine Unabhängigkeit zurück. Keine Trauer, keine Angst währt ewig. Deine Fähigkeit zu lieben bleibt.