Meist ist es ein langer Weg in der Therapie, die Selbstreflexion so weit voran zu bringen, dass die eigenen Gefühle, Bewertungen und Bedürfnisse nicht nur wahrgenommen werden können (und hier gilt es, zahlreiche dysfunktionale Glaubenssätze aufzuspüren und aufzulösen), sondern auch verbalisiert werden können.

Es braucht Mut, sich selbst auf die Schliche zu kommen, und noch mehr Mut, sich in seiner „Schwäche“ mitzuteilen. Denn es hat ja einen (nicht immer guten, aber doch stets triftigen) Grund, so lange Zeit das eigene Erleben verzerrt zu haben. In der Regel liegt dieser Grund in den Bewertungsmustern, die wir uns angeeignet haben (die wir uns aneignen mussten), um unser „Ich“ zu definieren. Aus diesen Bewertungen entstand der Wert, den wir uns selbst und unseren Mitmenschen zu schreiben: Doch Leben, Menschen, Sein einen bestimmten Wert zuzuschreiben, stellt die erste und eigentliche Entfremdung dar. Frei nach Kant möchten wir feststellen, dass Leben an sich wert-voll ist – es ist Selbstzweck und darf nie als Mittel betrachtet sein.

Wenn wir uns auf diesem Weg zur vollständigen Kongruenz mit uns selbst auseinandergesetzt haben, beginnen wir irgendwann, unsere Beziehungen daran zu messen, ob wir uns mitteilen können – wie leicht oder eben noch schwer es ist, zu unseren Bedürfnissen zu stehen. Ebenso bedeutsam erscheint es uns, wie unser Gegenüber damit umgeht. Einige unserer alten Beziehungen zerbrechen an diesem neuen Qualitätsmaßstab, einige neu beginnende werden deswegen nicht alt. Wir werden kompromiss-, vielleicht auch rücksichtsloser, wenn wir das Bedürfnis, gesehen zu werden, einmal in uns zuließen, wenn wir es erkannten: Wir verabschieden all jene Menschen aus unserem Leben, für die wir doch nur Spiegel sind, all jene, die durch uns hindurch sehen, ohne uns wahrzunehmen.

Wir alle brauchen ein „Du“, um unser „Ich“ zu spüren, wir brauchen ein „Du bist nicht Ich“, um Mensch zu sein. Wenn wir erkennen, dass unser Gegenüber nicht zumindest versucht, uns zu erfassen, sind wir, irgendwann, nach vielen geweinten Tränen, doch soweit, ihn / sie gehen zu lassen, den anderen wegzuschicken, bevor wir uns selbst im blinden Starren aufzulösen scheinen. Wenn du mich liebst, dann siehst du mich. Du siehst mich nicht. Du liebst mich nicht.

Doch wenn unser Ich beginnt, sich in der Abgrenzung zu definieren, wenn aus dem anfangs noch benötigten Mut Selbst-Verständlichkeit wird – dann sind wir frei, auch den zu wählen, der sich in uns noch spiegeln muss. Weil er selbst noch auf dem Weg ist, weil er darauf angewiesen ist, dass wir ihn sehen. Und nun können wir aus ganzem Herzen innehalten und erkennen, dass wir alle in Bewegung, in Entwicklung sind. Wenn ich den anderen sehen kann, wahrhaft sehen, dann erkenne ich, dass ich kein Stückchen weiter bin. Wir alle haben nur dieses eine Leben. Leben wir es, für dich, für mich, für uns.