In der Traumatherapie haben wir es oft mit einem Phänomen zu tun, das die Bezeichnung „speechless terror“ trägt: Das Entsetzen angesichts eines Ereignisses ist so übermächtig, dass uns unsere menschliche Fähigkeit, das, was wir erleben, sprachlich zu kodieren, temporär verloren geht. 
Aus einer humanistischen Perspektive nach Carl Rogers bedeutet diese sprachliche Unzugänglichkeit eine inkongruente Symbolisierung auch affektiver Zustände – wir können unser organismisches Erleben nicht mehr in Bezug zu uns, zu unserem Selbst- wie auch Weltbild, setzen, der Bezugsrahmen fehlt. Etwas vereinfacht ausgedrückt meint das: Wir scheinen psycho-physischen Erlebniszuständen ausgeliefert zu sein, die vage bleiben, die wir nicht beschreiben und damit unserer ratio zugänglich machen könnten.

Das, was wir nicht durch-denken, das, was wir nicht be-greifen und konsequenterweise nicht abstrahieren können, entwickelt ein Eigenleben: In den dunklen Winkeln unseres Vorbewusstseins (das, was wir nur vage spüren, nicht benennen können) wird es übermächtig (In der Gestalttherapie würden wir von einer noch nicht zur Gestalt gewordenen Figur sprechen), dort zieht es weiter Aufmerksamkeit und Energie auf sich – um dann in spezifischen Trigger-Situationen andere Wahrnehmungen zu überlagern.

In der Therapie begebe ich mich mit meinen Klienten auf die Suche nach der adäquaten Benennung solcher noch unzureichend symbolisierter Erlebnisinhalte. Wenn wir das unbestimmte affektive Erleben schließlich angenähert haben, wenn wir es in allen wichtigen Details beleuchtet haben, dann erfolgt die Benennung. Und mit dem, was ich den „Rumpelstilzchen-Effekt“ nenne, löst sich mancher Dämon, mancher Animus, auf: Das übermächtig-grotesk Entsetzliche mutiert, es wird mit der Benennung zu etwas Erfahrbarem, das nun in meine Selbst- und Weltwahrnehmung integriert werden kann. Ich kann es als „vergangen“, als „geschehen“, ablegen.

 

 

Was oft dann neu entsteht, ist ein affektiv-emotionales Empfinden, für das das Deutsche, wohl aber das Portugiesische, keine entsprechende Begrifflichkeit aufweist: „Saudade“ beschreibt einen Zustand der erlebten Einsamkeit, des Schmerzes, der Sehnsucht und Melancholie, der durch und durch von dem Bewusstsein begleitet ist, etwas Wundervolles unwiederbringlich verloren zu haben. 
Auch außerhalb von traumatischem Geschehen begegnet uns dieses Gefühl: im Blick auf die Weite des Ozeans, in der sachten Erinnerung jener Berührung deiner Schulter, die du nie mehr spüren wirst; in der Selbstversunkenheit, wenn du dich in liebenden Augen eines Gegenübers spiegelst; im stillen Innehalten, wenn das lang Verlorene wie eine Hand, die sich von Innen an einen Stor-Vorhang legt, um ihn einen Spalt zu öffnen, sich bemüht, für eine Sekunde nur n dein Bewusstsein zu dringen... Saudade erfüllt dich, wenn du hinter all dem Schmerz das glückselige Geschenk erahnen kannst, dass das, was du erleben durftest, zu groß war, um es zu behalten. 

Mit dieser Erkenntnis bist du bereits wieder auf dem Weg, die Integrität deines erlebten Selbst zurückzugewinnen. Nicht mehr du bist ganz Verlust – du hast etwas verloren, das du zuvor erfahren hast.