Dass Schmerz im Leben unvermeidlich, Leiden jedoch selbstgemacht ist, ist keine neue Erkenntnis der Akzeptanz und Commitment-Therapie. Schon im 1. Jhd. nach Chr. betonte der griechische Philosoph Epiktet, dass nicht die Dinge an sich, sondern unsere Vorstellung davon uns beunruhigen. Das bedeutet nicht, dass wir die Existenz von kaum Auszuhaltendem, von furchtbaren Ereignissen verneinen würden – das meint nicht, dass wir Unglück und Schmerz entwerten. Diese Einsicht, dass wir selbst Einfluss auf unser emotionales Erleben haben, gibt uns vielmehr eine große Freiheit zurück,. Vielleicht die größte, die uns Menschen innewohnt: die Freiheit der Wahl. Wenn wir schon manches Mal die äußeren Umstände, jene Externa, die Anlass (nicht Ursache!) unseres Leidens sind, kaum beeinflussen können – was uns immer bleibt, ist die Freiheit, Stellung zu dem Geschehenden zu beziehen. Viktor Frank verweist hier auf die so genannte noetische (geistige) Dimension (das griechische nous meint „Geist“) - wir als Menschen sind in der Lage, trotz allem das Leben zu bejahen.

Als Menschen sehen wir uns der „tragischen Trias“ aus Leid, Schuld und Tod gegenüber, so Frankl. Ich würde eventuell noch eine vierte Variable einführen: die der Hilflosigkeit im Bezeugen des Leidens derer, die du liebst. Das nicht-verhindern-Können der Qualen anderer Personen erscheint mir mit einem noch weitaus intensiveren Leiden verbunden zu sein, als selbst Leiden auszuhalten. Dem eigenen Leiden kann ich Sinn verleihen – doch dem Leiden anderer? Nicht wissen zu können, wie sich der Schmerz des anderen anfühlt, ob er ihm standhalten kann, ohne zu zerbrechen, die Angst, die Qual in fremden Augen zu sehen – das ist wohl die größte Pein, die liebenden Menschen widerfahren kann. (Im Blogbeitrag: Leiden ist nicht quantifizierbar: Ich hoffe, du liebst mich lange nicht so wie ich dich)

Oft ist diese Hilflosigkeit die Ursache für Traumata, mit denen Menschen zu mir kommen: Es ist nicht immer das eigene, es ist bezeugtes Leiden, das uns innerlich zerstört. Hier hilft kein Reframen mehr (eine kognitive Technik, die unlautere Kausalverknüpfungen aufzulösen trachtet), hier kann nur noch in Ausnahmefällen als tragischer Held Sinn im Irrsinn gefunden werden. Es gilt: Du musst aushalten, ausharren. Was du dem anderen Menschen abgenommen hast, ist, dein leiden bezeugen zu müssen. 
Das heißt: Wer wirklich liebt, kann nicht wollen, dass er einer anderen Person sein Leiden abnimmt. Das würde die andere Person dazu verurteilen, in der Hilflosigkeit mein Leiden auszuhalten.


Wer wirklich liebt, kann nur wollen, dass überhaupt kein Leiden entsteht – und alles daran setzen, eben jenes zu verhindern. 
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir beinahe alle auf die eine oder andere Weise spirituell oder gläubig sind. Es scheint unserem Denken intrinsisch zu sein, transzendieren zu wollen – sich eingebunden fühlen zu wollen in ein übergeordnetes „Ganzes“.

Ich gehe davon aus, dass alles, was wir tun, seine Wirkung entfaltet – die ihre Bahnen zieht und auf uns zurückfällt. Nicht immer auf uns als Individuen, nicht diesem meinem Körper Schmerz verursacht - doch auch jene trifft, die uns am nächsten stehen. Dass sowohl Gutes (im Sinne von: lebenserhaltend) als auch Böses (lebensverachtend) sich potenzieren, wenn wir sie in die Welt geschickt haben. Dass wir, wenn wir Stellung beziehen angesichts unseres Schicksals, vielmehr Stellung beziehen angesichts unseres eigenen Tuns. Und genau hier liegt unsere Freiheit: Wir können unser Schicksal wählen.