„Ich will nur noch blaue Dinge in den Mund nehmen“, so oder ähnlich höre ich es bei einer Lesung.

Wie schmeckt blau, denkt es in mir, und meine Gedanken spinnen sich weiter: Wie fühlt sich die Oberflächenspannung von Wasser auf der Zunge an? Ist es vergleichbar wie mit einer Fingerspitze über die Wangenknochen deines Geliebten zu streichen? Wie von Lippen, die gerade in Erdbeereis tauchten, geküsst zu werden?

Wie ist es denn, wenn wir barfuß durch taubedeckte Lichtungen streifen, beim ersten Morgenrot uns an einen Baumstamm lehnen und zusehen, wie der See sich, vorlaut, frech, noch unbedarft und unbefleckt, im Tageslicht entzündet? Was hält dich am Leben, was lässt dich überleben, wenn alles, was dir etwas bedeutet, zerbricht? Wo nimmst du Bedeutung her, wenn alles bedeutungslos ist?

Ikigai, das japanische Wort, umfasst eine eigene Philosophie des Sinns im Leben. Wörtlich übersetzt meint es „Lebenswert“: „iki“ für „Leben“ und „gai“ für „Wert“.

Dabei entfaltet sich eine eigene Philosophie des Sinns im Leben: Denn ikigai ist nichts, was einfach gegeben ist – es ist der Wert, den dein Leben hat – weil du ihn ihm gibst.

Ikigai ruht auf vier Pfeilern und meint:

  1. Das, was du liebst, das du gerne tust
  2. Das, das die Welt von dir braucht
  3. Das, was dich finanziell unterhält
  4. Das, was dein Talent und deine Stärke ist

Deine Lebensleidenschaft ergibt sich aus 1 und 4, deine Mission setzt sich aus 1 und 2 zusammen, deine Berufung aus 2 und 3. Dein für dich geeigneter Beruf umfasst 3 und 4.

Manchmal, gerade im angelsächsischen Sprachgebrauch, wird ikigai als Anleitung zu einem sinnvollen Leben betrachtet. Dessen vier Schritte sind dann:

  1. Fange klein an
  2. Befreie dich von Unnötigem
  3. Suche Harmonie und Nachhaltigkeit
  4. Freue dich an kleinen Dingen

Wenn du dich auf die Suche machst und diese vier Pfeiler für dich errichtest, hast du das gefunden, was dein Leben lebenswert machen kann – ob du das Glück nennen willst, Zufriedenheit oder auch Heimat in dir – suche es dir aus.

Und doch fordert ikigai dich heraus, ebenso, wie Viktor Frankls logos dich fordert – diese Philosophien sind eng verwandt, beschreiben Ähnliches. Du musst deine Komfortzone verlassen, denn ikigai fällt dir, genauso wenig wie logos, nicht einfach zu – es liegt an dir, dich zu probieren, es liegt an dir, nicht zu verharren. Trau dich zu träumen, trau dich, Utopien zu entwickeln – alles, was vorstellbar ist, kann auch Wirklichkeit werden. So vieles ist besser als still zu stehen und dich zu beklagen, dass sich nichts verändert.

Nimm alles in den Mund, worauf du neugierig bist, berühre alles mit den Fingerspitzen, dessen Textur du erahnen willst, streichle über all die Wangen, küsse alle Lippen, die dich lieben lassen.

Nimm dir die Welt als Geliebte. Pass auf sie auf.

Ikigai hält deine Seele zusammen wie die Haut deinen Körper umgibt.