„Ich weiß nicht“; sagst du, und du tauchst deine halbleere Bierflasche in den See und füllst sie auf, „ich finde keine Worte dafür!“. Ich ekele mich ein wenig, als du die Flasche an die Lippen setzt und einen tiefen Schluck nimmst, und ich sage es dir. „Warum?“, fragst du, „Du willst mich doch nicht küssen!“ Stimmt, denke ich, der, den ich küssen wollte, ist jetzt wer-weiß-wo. „Ich fahre bald nach Delmenhorst“, antworte ich stattdessen, und du summst: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst.“ Zumindest da sind wir uns einig.

 

„Du hast den Eindruck, dass du gerade ein Leben der Kompromisse lebst“, greife ich dein Thema auf, und helfe ich dir, dein halbgares Gefühl in einen Begriff zu packen. „Du bist fast gestorben, dein altes Leben trägt nicht mehr, und du findest noch kein neues.“

Du hältst inne, nickst langsam. Trinkst von dem Pale Ale-Auensee-Gebräu. „Ja“, meinst du, „irgendwie... weiß ich nicht mehr, wer ich bin.“

 

Ich falle zurück, wirble durch die Jahre, sitze wieder an einem Bett, seinem Bett, und ich schreie den Tod an, er soll bitte wieder gehen, nicht jetzt das mir Liebste nehmen, und wenn er doch etwas nehmen will, nehmen muss, dann mich, alles ist besser, als alleine zurückzubleiben. Wie soll ich ohne den besten Teil meiner Seele weiter existieren?

Damals wusste ich noch nicht, dass der Tod keine Ohren hat, um zu hören.

„Du hattest dich noch nicht gefunden, warst noch auf der Suche, meinst jetzt, etwas verloren zu haben, was du noch nie hattest“, spekuliere ich, doch es scheint zu treffen.

„Ich bin leer“, seufzt du, „ich finde keine Worte mehr.“

 

Wenn wir etwas benennen können, können wir es begreifen. Wenn uns Worte fehlen, verlässt uns unsere Ratio, das wichtigste Hilfsmittel im menschlichen Kampf ums Bestehen. Wenn uns unsere Begriffe verlassen, befinden wir uns meist in einem früheren, kindlichen, vorsprachlichen Ego State – viel mehr Affekt und Emotion ausgeliefert, als wenn wir Termini finden, als wenn wir eigenständig terminieren können.

 

Nicht immer ist unser erster Auftrag in der Psychotherapie, mit Worten zu berühren. Manchmal müssen wir erst die Voraussetzungen schaffen, die zum Be-Greifen verhelfen.

Auch, wenn wir als Psychologen Sprache, Begriffe ganz bewusst, gezielt einsetzen, ist der heilende Effekt oft erreichter Klarheit zu verdanken. Indem wir für unser Gegenüber benennen, was ihm diffus und unklar ist, leuchten wir quasi mit der Taschenlampe unters dunkle Bett und vertreiben die Monster. Wir verstehen stellvertretend für unser Gegenüber, was quält, packen es in Worte, reichen sie ihm dar. Er integriert das vormals Sprachlose, nun benannt, in seinen Sprach-Schatz, der wiederum in einer Kiste verwahrt werden kann.

Begriffe überlassen uns die Wahl, wenn wir sie denn kennen, sie zu gebrauchen oder nicht.

 

Jemand, der in einem wohlwollenden Elternhaus ohne größere Verletzungen aufgewachsen ist, kann kaum verstehen, was es bedeutet, wenn die Worte, die wir nutzen, nicht mit unseren Begriffen übereinstimmen. Früheres Gaslighting und Double Bind kann bewirken, dass wir uns auch als Erwachsene schwer tun, eine halb-bewusst wahrgenommene Inkongruenz vollständig zu beleuchten und damit aufzulösen. Bei frühen Traumata, bei komplex Traumatisierten, bei Bindungs- und Entwicklungstrauma braucht es ein wohlwollendes Gegenüber: Ein Gegenüber, das hilft, die Verstrickungen von Wahrnehmung und unpassender Bezeichnung zu lösen.

 

Das Vorgehen ist einfach: Gib ihm einen Namen, dir wird leichter ums Herz. Das, was so verwirrend war, wird klarer. Begriffe helfen zu be-greifen. Das, was du in Händen hältst, kannst du hand-haben, du kommst in die Handlungsfähigkeit zurück. Rumpelstilzchens Macht bestand darin, dass niemand wusste, wie er heißt. Die meisten erinnern sich: „Ach, wie gut, dass niemand weiß...“

 

„Du glaubst also, ich muss mich gar nicht beeilen, ein neues Ich zu konstruieren“ sagst du plötzlich, und ich bin überrascht: „Ach, ist das so?!“ meine ich und erinnere mich an eine Geschichte: Einem alten Weisen wird unterstellt, ein junges Mädchen geschwängert zu haben, und er wird nach zahlreichen Anklagen des Dorfes verstoßen. Allem, was ihm geschieht, begegnet er mit „So ist das also!“ und bewahrt dadurch seine Seelenruhe. Eine innere Haltung der Gelassenheit, des Akzeptierens des Nicht-Veränderlichen, die auf den Leser überschwappt. Es liegt nicht in meiner Hand, den Willen der anderen zu verändern. Es wäre ignorant und arrogant, den anderen ihre Wirklichkeit abzusprechen. Meine ist ganz genauso valide wie die anderen Wirklichkeiten. Sie sind gleich-gültig.

Ich greife die Melodie von vorhin auf, ich singe:

 

„Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn's nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

 

Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will
Und das ist immer Delmenhorst
Erst wenn alles scheißegal ist
Macht das Leben wieder Spaß"

 

Und mir wird leicht ums Herz. Du trinkst dein Seebier, ich mein Ale, und, für diesen Moment, der alles ist, was wir haben, alles ist, was uns allen bleibt, sind wir glücklich.