Frustriert betrachte ich mein dürres Mandelbäumchen: Versuchsweise breche ich ein Ästchen ab. Es ist trocken, abgestorben, der letzte Frost hat es eingehen lassen. Ich setze mich ins kalte, feuchte Gras, wünsche, ich könnte mich schrumpfen lassen, um mich dann an das Stämmchen anzulehnen. Ich möchte mich verwinzigen, in einem Dickicht untergehen. Wenn ich klein wie ein Marienkäfer wäre, käme ich mir wie im Urwald vor.

Ich rieche Rauch, rümpfe die Nase, „Du rauchst wieder?!“ fauche ich dem Tod entgegen, als er sich neben mich setzt. „Nur Zigarillos“, grient er mich an und klemmt sich den Stummel in seine Schneidezahnlücke.

„Wie ist der Status?“, will er wissen: „Wir haben uns länger nicht gesehen!“.

„Was heißt länger?!“, ich bin genervt, „Glaubst du echt,, dass irgendjemand täglich mit dir zu tun haben mag?“

„Ich dachte ja immer, es gäbe keine Rückschritte in der Entwicklung“, sinniert er, „Aber du beweist mir gerade das Gegenteil!“

Gekränkt schweige ich.

„Kannst du endlich gehen?“, will er wissen.
„Immer wieder diese unsinnige Frage! Natürlich KANN ich – allein: Ich WILL es nicht! Ich habe noch zu tun, muss noch viel erledigen. Du kennst die Geschichte, du kennst das narrativ, das ich mir erzähle: Nicht wegen mir will ich bleiben, wegen derer, die mir die wichtigsten sind, muss ich bleiben. Die, die ich liebe, muss ich versorgt wissen!“

Verächtlich schnaubt er, stößt dabei eine Rauchwolke aus, wie eine dunkle Krähe schwingt sie sich zum Himmel. Sie löst sich nicht auf.

„Überschätze deine Größe nicht, nimm dich nicht zu wichtig, diese Macht hast du nicht! Glaubst du nicht mehr an dein hoch gelobtes Gutes im Menschen? Die, die du vorgibst zu lieben, kannst du nicht schützen. Was, wenn sie gar nicht auf ich angewiesen sind?“

Ich halte inne, zu viel glaube ich erfahren, zu viel erlebt zu haben... Ich hinterfrage mich. Halte ich mein humanistisches Ideal noch wie ein Symbol auf weißer Friedensfahne hoch? Und wenn ich es predige, glaube ich wirklich noch daran?

Ja, Menschen tun Gutes, oft aus Versehen, doch manchmal wollen sie es auch. Schlechtes beabsichtigen sie selten, auch, wenn es geschieht. Aber noch viel häufiger, noch viel mehr: tun sie nichts.

Die Umkehr von Liebe ist nicht Hass – das Gegenteil von Liebe entspricht Gleichgültigkeit.

Du kannst hoffen, dass jemand, irgendwer, jemand anderem hilft – vertrauen darfst du nicht darauf,

Und doch bleibt uns Menschen manchmal wenig als daran zu glauben, dass in der Not kismet greift. Ass es vielleicht möglich ist, Gutes weiterzureichen, zu multiplizieren, als Kettenbrief in die Welt weiterzureichen.

Hatte ich denn schon meinen Anteil am Glück? Darf ich darauf verzichten, mein Glück stattdessen weiterreichen, auf einer anderen Waagschale dazurechnen lassen? Denen geben, die es noch mehr brauchen?

Ich sehe Spott in den Augen des Todes. Hätte er eine Stirn, er würde sie in Falten legen: „Welch´ Pathos der zitternden Ängstlichkeit! Weshalb tut ihr Menschen euch so schwer zu akzeptieren, dass die, denen ihr Gutes meint, auch ohne euch fortbestehen können?“

Ich hebe den Blick, schaue ihm in die Augen: Sie wandeln sich in die Augen dessen, der in meinen Armen starb, und da ist er wieder, da ist er immer noch, ach, jener alte Kummer, der mit den Jahren nicht leichter wird.

„Heul nicht rum, wenn du´s nicht tragen könntest, hättest du diese Last doch nicht bekommen!“

Und ich muss lachen, lauthals, ob dieser Gleichsetzung der Folge mit den Gründen... Und doch: Es stimmt mit meiner Wahrheit überein.

Und ich will lieben, nicht vergessen. Der Tod schaut mich auffordernd an, ich zwinkere ihm zu; „Lass mich das nächste Mal wenigstens wählen, wen ich lieben soll!“

Die Antwort spüre ich mehr als dass ich sie höre.

„Weißt du noch: Der Kirschbaum, er aus unseren Kernen wuchs?“

Ich nicke, erinnere mich an unser ersten Treffen.

„Er hat es nicht geschafft, ist dem Frühjahrsfrost erlegen.“

 

Mir ist kalt, viel zu kalt, der Tod breitet fürsorglich seinen schwarzen Mantel über mich. Ich halte die Luft an, erwarte, Moder oder Schimmel zu riechen. Doch da ist einfach ein Geruch – von nichts.

Im nächsten Wimpernschlag ist er weg, Sonnenstrahlen umfassen mein Gesicht sanft wie die Hände eines Liebenden.
Ich schließe die Augen und weiß: Wenn ich sie in einem Märchen wieder öffnete, würde mein Mandelbaum nun neue Knospen tragen.

Und ich weiß: Hier, in diesem Garten, bleibt er tot. Ich kann deswegen leiden. Ich muss es jedoch nicht.

 

Teil 1: Kirschenessen mit dem Tod