Im traumatherapeutischen Ansatz „Somatic Experiencing“ sprechen wir von „Global High“: Das meint, dass sich, meist aufgrund von entwicklungstraumatisierenden Ereignissen in der Kindheit, das gesamte Nervensystem in einem Zustand der dauerhaften Übererregung befindet.

Ziel der Traumatherapie ist es, dem Organismus wieder Zugriff auf seine selbstregulatorischen Fähigkeiten zu ermöglichen. Er soll autonom zwischen sympathisch induzierter Erregung und parasympathisch gesteuerter Entspannung je nach Bedarf pendeln können

Im Menschen ist der Nervus Vagus das dritte aktivierungsregulatorische System: Der dorsale Anteil des Nervus Vagus spielt im traumatischen Geschehen insofern eine Rolle, dass er „Freeze“, Dissoziation auf tiefer organismischer Ebene, bedingt – dies ist der letzte verbleibende Überlebensimpuls, immer dann, wenn Fight oder Flight, also Angriff oder Flucht, nicht möglich sind. 

Wenn Kindern Traumatisches widerfährt, haben sie meist nicht die Wahl: Hier übernimmt der Körper dann die Aufgabe, das Überleben mittels Dissoziation zu erhöhen. Dies ist eine archaische Methode von Beutetieren, um den Beißreflex von Jägertieren zu verhindern: Die meisten Jäger benötigen, damit eben jener Totbeißreflex ausgelöst wird, eine Bewegung im Körper des Beutetiers. Freeze stellt für Momente ruhig, schaltet sozusagen jedes Lebenszeichen ab – bis die Gefahr vorüber ist. Wir Menschen waren die längste Zeit unserer Evolutionsgeschichte nicht nur Jäger – sondern eben auch Beute.

Bei uns Säugetieren sorgt der ventrale Anteil des Nervus Vagus für Bindungsverhalten: Seine Aktivierung steht der Traumatisierung entgegen. Er bewirkt soziale Rückversicherung, Orientierung an Artgenossen, Herdenverhalten. Wenn es in der Therapie gelingt, eben diesen ventralen Vagus zu re-aktivieren, sind wir dabei, vergangene Traumata zu überwinden.

In Konfrontationstherapien laufen wir Gefahr, das System mit Übererregung zu überfluten: Damit kann der Patient re-traumatisiert werden - oder aber der Freeze-Impuls wird ausgelöst.

Doch auch Entspannungstherapien bzw. der Einsatz von Entspannungstechniken sind mit Vorsicht zu genießen.

In ihrem Alltag sind „Global High“ Traumatisierte meist leistungsorientierte Kämpfer: Wir finden sie im Extrem- und / oder Leistungssport, sie klettern oft Karriereleitern hoch, zeichnen sich durch Härte gegen sich selbst und Disziplin aus.

Erholung durch Entspannung ist ihnen unmöglich – denn die Deaktivierung des Körpers ist zu sehr mit Freeze assoziiert, und diese Dissoziation wiederum dockt an Traumata an.. Oft geht Global High auch mit chronischen Schmerzsyndromen einher.

Die Gefahr der Re-Traumatisierung oder Symptomverschiebung betrifft auch Körpertherapien: Wenn beispielsweise in der Physiotherapie durch Bearbeitung der Muskelstränge neben der Wirbelsäule das sympathische Nervensystem nach unten reguliert wird und nun die parasympathische Steuerung übernimmt, kann es sein, dass auch hier traumatische Flashbacks erzeugt werden.

Der Körper braucht hier seinen gewohnten Zustand der Erregung, der Anspannung, noch, um sich sozusagen der Todesgefahr zu entziehen. Er ist damit weiterhin auf der Flucht.

Dass er damit verhindert, dass frühere Traumata als eben vergangen abgeschlossen werden können, ist ihm nicht bewusst.

Durch die Übererregung und das damit einhergehende „Sensation Seeking“ Verhalten riskieren wir natürlich weitere singuläre Traumata: Ein geschwindigkeitsaffiner Mountain Biker, Global High im Hintergrund, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, Unfälle zu erleiden, als beispielsweise ein deaktivierter depressiver Patient, der zuhause auf dem Sofa bleibt.

 

Psycho- und Physiotherapie gehen im besten Fall Hand in Hand: Zusammen können hier die Therapeuten oft Linderung auch bei hartnäckigen Schmerzsyndromen erzielen, die auf eine andauernde Übererregung mit konsequenter muskulärer Verspannung beruhen.