In dir lebt noch immer ein kleiner Junge, oder ein kleines Mädchen,

Stell dir vor: Du wächst mit der Annahme auf, dass die Welt und ihre Bewohner so gefährlich ist, dass du beständig den Schutz und die Allwissenheit deiner Eltern brauchst. Du selbst bist hilflos.

Stell dir vor: Du wächst mit dir verliehenen Attributen auf, du seist für nichts zu gebrauchen, den anderen nur eine Last, zu dumm, um auch nur einmal das richtig zu erledigen, was man dir aufträgt. Nicht mal für die Müllabfuhr bist du zu gebrauchen.

Stell dir vor: Du hast kranke, bedürftige Menschen in deiner Umgebung, die es zu schonen gilt – für deren Stimmung, für deren Zustand du mit verantwortlich bist.

Stell dir vor: Du wächst damit auf, dass dir deine Gefühle nicht erlaubt sind, dass du verspottet wirst, wenn du weinst, dich fürchtest – oder auch lachst.

Stell dir vor: Jemand öffnet von außen die Toilettentür, wenn du drinnen bist, um dich beim Toilettengang zu fotografieren – und die Fotos dann herumzuzeigen.

Stell dir vor: Du hast dich gefälligst zu freuen, wenn du was geschenkt bekommst, du hast gefälligst dankbar zu sein, wenn man mit dir in den Urlaub fährt, du hast gefälligst diejenigen zu lieben, die doch „alles“ für dich tun.

Stell dir vor: Du bist Mittelpunkt der Welt deiner Familie, alles, was du tust, sticht alles andere aus. Niemand kann mit dir mithalten, du bist der Welt ein Geschenk. Du bist die Hoffnung deiner Eltern, endlich die eigenen Größe in dir und deinem Lebensweg zu sehen.

Du lernst dich zu fügen oder rebelliert, du passt dich an oder rennst von „zu Hause“ weg – gleich und gültig, welche Bewältigungsstrategie des Unbewältigbaren du finden kannst, gleich und gültig, wie du überlebst – in dir zerbricht etwas.

Was glaubst du, was aus dir wird? Welche Art von Mensch wirst du sein? Wie wirst du von der Welt, von den Menschen, von dir selbst denken? Erlebst du die Welt als sicher? Kannst du anderen vertrauen? Hältst du eigenen Gefühle aus?

Wohl kaum. Du wirst die Welt als bedrohlich, gefährlich erleben, immer darauf aus, dir weh zu tun.

Du bist beständig auf einem Schlachtfeld unterwegs. Ab und zu findest du Deckung und hältst dich verborgen und doch musst du wieder raus, musst weiter – und dort droht die Gefahr. Du glaubst dich von allen Seiten umzingelt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Angriff droht. Du kauerst dich vor ein Wasserloch und versuchst, deinen eigenen Blick in dem trüben Rinnsal zu sehen: Du musst dich an etwas festhalten, und wenn es deine eigenen Augen sind.

Du stehst auf, ziehst weiter – du hast gelernt, auch grausam zu sein. Andere zu entwerten, dich selbst zu erhöhen, damit du auch nur einen Schritt weiter gehen kannst. Innerlich verhöhnt dich deine eigene Stimme, die nur dann übertönt wird, wenn du andere Menschen nieder ringst.

Vereinsamt und in innerer Kerkerhaft ziehst du durchs Leben. Gehst Augenscheinlich auch Beziehungen ein. Bindung ist nur Allianz im Kampf auf Leben und Tod für dich, ändert sich das Kriegsgeschehen, bricht das Bündnis entzwei. Mehr und mehr richtet sich dein Hass auf das, was dir angetan ist.

Du bemerkst nicht, dass dieser Hass dich selbst trifft: Er entspringt einem Täterintrojekt – du hast Verhaltensweisen der Personen, die so übergriffig waren, in dein eigenes Verhalten, dein Denken, Fühlen, integriert. Du merkst gar nicht mehr, dass es nicht du selbst bist, der / die da zornig, hasserfüllt, rachedurstig ist.

Halte inne, schau einmal genauer hin: Welche Emotionen entsprechen noch der Gegenwart? Was geschieht HEUTE, was dich innerlich auffrisst?

Du wirst feststellen, dass die meisten deiner belastenden Gefühle der Vergangenheit entspringen. Sie haben nichts, oder nur noch wenig, mit dem HEUTE zu tun. Dabei richten sich die schmerzerfüllten Emotionen nun gegen dich selbst, tun dir selbst nicht gut. Wie befreiend es wäre, sie loszulassen und sich neu zu sortieren!

Es wäre die Möglichkeit, in innerem Frieden nun endlich du selbst werden zu können, frei von den Introjekten der Menschen, die dich instrumentalisierten.

Nein, es geht nicht ums Verzeihen, es gibt nichts zu entSCHULDigen (auch, wenn jeder Täter seine eigene Geschichte hat) – es geht ausschließlich um deinen inneren Frieden.

Höre auf, dir dasselbe traumatische Narrativ Tag für Tag wieder zu erzählen, entscheide dich dafür, deine Gedanken auf andere Bahnen zu bringen. Orientiere dich an dem, was JETZT ist, was JETZT geschicht. Du wirst feststellen, dass die Welt nicht nur ein Ort zum Kämpfen und zum Fürchten ist.

Stell dir vor: Dein inneres Kind darf endlich erwach(s)en.