Achtsamkeit ist seit einigen Jahren das neue Modewort: Sowohl die Psychotherapie will auf achtsamkeitsbasierte Ansätze nicht mehr verzichten, doch auch in der Selbsthilfe wird die Fokussierung auf die Gegenwart groß geschrieben. Meditation, Atemübungen, wertfreie und gegenwärtige Wahrnehmung – all das kann als Übung Bestandteil von eines achtsamen Lebens sein. Eine beliebte und einfache Übung hin zu mehr Achtsamkeit ist beispielsweise, sich auf den Atem zu konzentrieren und dadurch Distanz zu den Gedanken zu schaffen.

Achtsamkeit meint, im Hier und Jetzt zu sein – ganzheitlich, also mit Körper, Seele und Geist. Das ist weitaus herausfordernder, als es ist – schweifen unsere Gedanken doch nur allzu gerne ins Gestern ab oder nehmen das Morgen vorweg. Beide, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft, sind dabei nicht real. Erinnerungen sagen mehr über uns im Präsens aus, über unsere Befindlichkeiten, Sehnsüchte, Verletzungen, als über das, was wirklich geschah – und die Zukunft ist wenig mehr als phantasievolle Fiktion.

Achtsam sein bedeutet, sich auf den Moment zu konzentrieren – und, wichtiger noch: ihm wertfrei zu begegnen.

Ein achtsamer Mensch hingegen achtet auf den Moment, ohne ihn jedoch zu bewerten. Das ist schwierig – neigen wir doch alle dazu, alles um uns und in uns ständig zu bewerten, in „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen. Doch so verselbstständigen sich unsere Gedanken oft, kreieren sich ihre eigene Wirklichkeit, die oft nur noch wenig mit den realen Begebenheiten zu tun hat. Das ist die Grundlage von Depressionen wie auch Angststörungen. Doch im Jetzt gibt es keine Trauer, gibt es keine Angst.

Doch das zeitgenössische Postulat der Achtsamkeit wird auch übersteigert: Blinder Hedonismus, der gegenwärtigen Genuss über alles stellt, tarnt sich manchmal derart. Hier leben wir dann so, als ob es kein Morgen gäbe, frönen dem Heute unter dem Postulat des „carpe diem“, vergessen „memento mori“, das unabdingbar mit dem ersten Satz verbunden ist.

Wir tragen nicht nur Verantwortung für uns und das, was uns umgibt, im Moment – wir haben auch Verantwortung für unser zukünftiges Ich zu übernehmen. Das meint, dass wir mit unseren internen wie auch externen Ressourcen sinnvoll und bewusst umgehen, dass wir durchaus auch Vorsorge für das Morgen treffen.

Ein Leben lang: Denn wenn der Zukunft eins gewiss ist, ist es das: Sie ist niemals da. Sie ist stets im Werden begriffen, sie nähert sich nicht einmal, kommt nicht heran. Ihr Abstand zu uns stets gleich bleibt. Und eben deswegen können wir niemals sagen: Jetzt ist die Zukunft da und wir könnten damit aufhören, uns um sie zu kümmern. Für unser gegenwärtiges Ich bleibt immer die Aufgabe, sich seinem morgigen gegenüber fürsorglich zu zeigen, der Welt von morgen heute schon mit Respekt zu begegnen.