Nach dem ersten Kennenlernen wollen viele frische Paare testen, wie kompatibel sie sind: Die meisten haben dann die Idee, gemeinsam einige Tage fernab vom Alltag zu verbringen, sich irgendwohin gemeinsam zurückzuziehen. Um sich so richtig auf Herz und Nieren zu prüfen? Sich Persönlichkeitstests zu unterziehen? Das ist batürlich Unsinn.
Außerhalb des alltäglichen Lebens kann vielleicht die Qualität einer Affäre geprüft werden, ob jedoch die Intensität einer Beziehung erreicht werden kann, auf diese Art und Weise keinesfalls. Aus verschiedenen Gründen: In Ausnahmesituationen, in denen Herausforderungen gemeistert werden wollen (und Urlaub kann durchaus eine solche sein, wenn man nicht Jahr für Jahr an den selben Ort in die selbe kuschelige Anlage fährt!), zeigen sich Beziehungen eher stabil, wenn die Partner UNTERSCHIEDLICH sind – wir profitieren dann als Paar mehr von diversen Bewältigungsstrategien, als wie wenn beide dieselben Problemlösungsmechanismen anwenden würden. Mehr von dem, was nicht hilft, hilft nämlich eben auch nicht besser. Hier würde Kompatibilität also eher durch Inkompatibilität entstehen – jedoch nur unter besonderen Umständen.
Echte Kompatibilität kann sich nur im Teilen des Alltags zeigen. Doch auch hier braucht es zunächst eine andere Voraussetzung: Kongruenz.

 

Unter Kongruenz verstehen wir in der humanistischen Therapie die Übereinstimmung mit sich selbst, die unverfälschte Wahrnehmung der eigenen Affekte (Empfindungen) und Emotionen (Gefühle). Damit dies möglich wird, ist meistens eine durchaus langjährige Autoreflexion und Auseinandersetzung mit sich selbst vonnöten. Viele Introjekte der Kindheit wollen erkannt und aufgelöst werden, die inneren Dämonen und Kritiker wahrgenommen und integriert werden. Du solltest dich ausgesöhnt haben mit all den expliziten und, ärger noch: den impliziten Erwartungen, die du als Selbstbild und Idealbild von dir abgespeichert hast. Du solltest bereits SPÜREN, was du willst – und aufgegeben haben, dich auf eine Art zu verhalten, wie du denkst, dass du willst.

Oftmals werden wir als Kinder eher empfindungsdistanziert und gefühlsbeschämend erzogen: In dysfunktionalen Familien werde Emotionsäußerungen sogar häufig ins Lächerliche gezogen, oder sie werden ausgenutzt, usurpiert oder später als Druckmittel verwendet. Als Kinder lernen wir dann schnell, unsere Empfindungen und damit in der Folge Gefühle nicht mehr auszudrücken – wir lernen es so gut, dass wir sie sogar selbst irgendwann nicht mehr wahrnehmen. Dies bedingt unsere Inkongruenz: Unser Körper nimmt auf einer wesentlich basalen Ebene durchaus wahr, was gut tut und was wir vermeiden sollten – wir haben nur verlernt, dies wahrzunehmen. Oder unser innerer selbstentwertender Narzisst meint, es würde von Größe zeugen, hart und fordernd mit sich umzugehen.
Der innere Narzisst richtet sich dabei an einer entweder-oder Polarität aus: Wenn ich nicht xy tue, damit nicht damit ganz besonders bin etc. etc., dann bin ich nichts wert, dann bin ich ein Versager... Das Kontinuum, das die beiden Pole verbindet, ist ihm nicht zugänglich. So bleibt das Leben ein ewiges Gerenne, ein ewiger Kampf nach Anerkennung.

Gerade in einer frischen Beziehung, wenn der Wunsch nach einer quasi symbiotischen Vereinigung gegeben ist (schließlich bist du ja verknallt und willst in das Leben, in den anderen förmlich hineinschlüpfen), ist dann die Gefahr dann groß, aus diesem noch inkongruenten Erleben heraus die Kompatibilität prüfen zu wollen. So wird der nächste (Selbst-)Betrug generiert, und, wenn die 3 – 6 Monats-Verliebtheits-Psychose abgeklungen ist, vielmals im Partner der Grund gesucht, weshalb es „halt dann doch nicht klappt“.

So sollte jeder zunächst auf die Reise mit sich, zu sich selbst, zur eigenen Kongruenz, gegangen sein, bevor er wieder und wieder Kompatibilitätstestreihen unternimmt...