In meiner Abiturzeit war ich mit einem irischen Studenten zusammen: Wir hatten uns beim Jobben in einer Pizzeria kennengelernt. Er blieb drei Monate in Deutschland, dann ging er zurück nach Dublin und wir führten eine studentische Fernbeziehung. Ich setzte mich mit in seine Vorlesungen zum Electronic Engineering. Und stellte überrascht fest, dass mir Mathematik in dem Moment Spaß zu machen begann, als die Begriffe nicht mehr auf Deutsch, sondern eben auf Englisch ausgesprochen wurden. Ich liebte alles, was ich für irisch hielt: Ich gewöhnte mir das „gotta head“ für „ich muss mal los“ an, auch, wenn ich es bei meinen Besuchen natürlich nie eilig hatte. Statt Kaffee frühstückte ich schwarzen Tee mit reichlich Milch. Wir gingen zu einem Rugby-Match und davor betranken wir uns mit Guinness. Im Kino wechselten wir mitten in der Vorstellung die Kinosäle, weil der eine Film uns langweilte (so was ging damals in Dublin durchaus!). Kurz: Ich probierte bislang unbekannte Verhaltensmöglichkeiten wie neue Kleidungsstücke an.

 

 

Ich erinnere mich genau, wie ich auf dem Fensterbrett saß. Das Fenster ging zum Hinterhof, der den Namen nicht verdiente: Kaum einen Meter war die Hausmauer des Nebengebäudes entfernt. Ich wollte mir jeden Sprung in der Mauer, jeden Quadratzentimeter abblätternde Farbe, jeden moosbewachsenen Vorsprung einprägen. An einer Wand seines 1-Zi-Appartements hing sein Fahrrad an der Wand: Die damals in Dublin übliche Art, sein Bike zu parken.

Auch, wenn unsere Beziehung irgendwann ihr Verfallsdatum erreicht hatte, bleibt mir bis heute das Bewusstsein dieser damals von mir empfundenen Absurdität: Ein Fahrrad, das an der Wand aufgehängt ist! Ein Fenster zu einer Mauer hin! Für mich waren dies Symbole der gehängten Freiheit.

 

Nach Hannah Arendt existieren Menschenrechte nicht an sich.Vielmehr müssen sie stest aufs Neue ausgehandelt, verhandelt, erstritten werden. Es gibt kein angeborenes Recht des Menschen, verteidigte sie ihre These. Im alltäglichen, menschlichen Miteinander konstatiert sich eine eigene Wirklichkeit, hier zeigt sich die Person in ihrer Einzigartigkeit. Das Personsein limitiert und erschöpft sich nicht in der Aufzählung von Attributen - in der geteilten Welt des Alltäglichen tritt diese Einzigartigkeit hervor, sie ist unaussprechbar und offenbart sich im Zwischenmenschlichen. Genau in dieser Offenbarung, in der Erkenntnis des personalen Einzigartigen meines Gegenübers, gründet sich der Schutz des Einzelnen vor den Übergriffen anderer. Jede Theorie von Rechten kann nicht, über das Erstellen von normativen Richtlinien hinaus, die Achtung des einzelnen erwirken. Wir, untereinander, können dies.

 

Ich frage mich: Was geschieht, wenn wir das abstrakte Monstrum, den Begriff „Freiheit“, ebenso zurückführen auf die echte Begegnung, auf den Augenblick der Maskenlosigkeit, wenn dem „Ich“ ein „Du“ begegnet, ein „Wir“ entsteht, das mir wiederum mein Ichsein ermöglicht?