Lange haben wir geklagt, jetzt ist Zeit, wieder aktiv zu werden. Hier können wir Kants Philosophie als Leitplane nutzen.
Die vier berühmten Fragestellungen Immanuel Kants, dem deutschen Vorzeigedenker der Aufklärung, umfassen:

Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Wenn wir uns an diesen Fragestellungen entlanghangeln, spannen wir den Bogen von den faktischen Voraussetzungen unserer eigenen psychischen Krise zu eventuellen Lösungsansätzen. Legen wir los:

Was kann ich wissen?

Die erste Frage ist bezüglich der aktuellen Einschätzung der Gefährlichkeit und Verbreitung des Virus, Mutationsrisiken, dauerhaften und zuverlässigen Schutz durch Impfen etc. schnell beantwortet: kaum etwas.

Wir können uns nicht einmal Wissen vorgaukeln, solange wir keine erfahrenen Epidemiologen sind. Und auch dann ist es fraglich, was wirklich zu wissen und was anzunehmen ist – selbst Experten sind häufig diskordanter Ansichten. Sinnvoll scheint, solange wir eben nicht wissen, womit wir es zu tun haben, die potentielle Bedrohung als a) real und b) hoch einzuschätzen und funktionale Maßnahmen zum Schutz zu ergreifen. Hier liegt die Crux: Was funktionale ist und was nicht, können wir nicht wissen, solange wir nicht wissen etc.

Die realen Auswirkungen der Maßnahmen zum Versuch der Eindämmung des Virus hingegen können wir sehr gut beurteilen.

Für unsere menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten gilt „use it or lose it“ genauso wie für das Gehirn in seiner Funktion und Struktur.
Wir wissen, dass (und die fortlaufende Cosmo Studie, die seit dem 1. Lockdown die Auswirkungen auf die Bevölkerung monitort, bestätigt dies schon seit Mitte 2020) der erzwungene Rückzug nicht nur Angststörungen und depressive Symptome verstärkt. Positive Verstärker fallen weg, das geht jedem an die Substanz, früher oder später,

Verschwörungstheorien heizen auch Paranoia und schizophrene Psychosen an, die permanente Konfrontation mit Krankheit ist u.a. Futter für Hypochondrie und Zwangserkrankungen.

Wenn Manfred Spitzer im Jahr 2018 Einsamkeit als Todesursache Nr. 1 beschreibt, wird deutlich, dass Isolation beträchtlichen Stress auch aufs Gehirn ausübt, mit der entsprechenden Kaskade an Folgen wie Immunschwäche, Blutdruckanstieg, Degeneration hippocampaler Neuronen, Krankheitsanfälligkeit etc.

Auf psychologischer Ebene sind v.a. im 2. Lockdown verringerte Frustrations- und Ambiguitätstoleranz, schnellere Reizüberflutung und durch die soziale Entwöhnung Verminderung der soz. Kompetenz und Zunahme von Misstrauen zu verzeichnen.

Zunehmend wird unsere Entscheidungsfreiheit eingeschränkt: Diese Beeinträchtigung der s.g. Selbstwirksamkeit bedingt „erlernte Hilflosigkeit“, ein von M. Seligman bereits in den 1960ern beschriebenes depressogenes Konzept. Erst 2016 wurde dieses Konzept von M. Seligman selbst und S. Maier insofern adaptiert, dass nun Passivität als Reaktion auf einen Schock als standardmäßige, ungelernte Reaktion auf längere aversive Ereignisse beschrieben ist. Feststellbar sind Interessenverlust, Antriebsminderung, Motivationslosigkeit. Austausch, Kommunikation wird dann nicht mehr als entlastend, sondern als verpflichtend und eher belastend erlebt.

Subjektiv nimmt durch die Abnahme interpersonellen Vertrauens das Gefühl der Bedrohung durch die Mitmenschen zu – die Suggestion, jede zufällige oder intentionale Begegnung mit einem anderen Menschen stelle eine Gefahr für die eigene Gesundheit dar, zeigt Wirkung. In ihrer Wirkung wird diese Suggestion durch eine zweite verstärkt: Die Suggestion, es gäbe die Möglichkeit, das Leben dauerhaft zu verlängern und, wenn man sich nur ausreichend durch Isolation schützt, dauerhaft gesund zu bleiben.

Wir entwöhnen uns vom Miteinander – und mit uns entwöhnt sich unser Gehirn. Unser Empathievermögen ist auch durch die Unmöglichkeit der mimischen Wahrnehmung, durch die Gesichtsmasken bedingt, beeinträchtigt. Auch daran passt sich unser Gehirn in seinen Spiegelneuronensystemen an: Wir verlernen den wohlwollenden Umgang miteinander, wir verlieren die selbstverständliche Identifikation mit dem anderen.

Wenn nun Erwachsene schon nach den ersten Wochen des 1. Lockdowns mit einer Beeinträchtigung der psychischen und in Folge physischen Gesundheit reagieren, wie die ersten Cosmo Monitorings der Uni Erfurt zeigten – welche Auswirkungen hat ein Jahr sozialer Entwöhnung auf Kinder? Für einen 50-Jährigen stellt ein Jahr 1/50 seiner Lebenszeit dar – er kann auf 49 Jahre Vorerfahrung zurückgreifen und kann eine bessere Zukunft antizipieren. Für einen 5-Jährigen macht ein Jahr 1/5 seines Lebens aus, die Hälfte seiner bewussten Erinnerung. Für den Bedürfnisverzicht (fehlende Gemeinschaft, kein gemeinsames Spiel etc.) hat ein sich entwickelndes Gehirn einen hohen Preis zu zahlen: Es verliert mehr und mehr auch seine sozialen Funktionen.

Dies alles führt zu unseren nächsten Fragen:

Was soll ich tun?

Der eigenen Resignation gegensteuern, sich Selbstwirksamkeit zurückholen!

Es gilt:

  • nicht noch mehr dessen mit einer noch größeren Vehemenz anwenden, was bereits gezeigt hat, dass es nicht funktioniert

  • die Freiheit nutzen, die noch gegeben ist

  • in die Natur gehen, rausgehen!

  • Selbstwirksamkeit üben, wo und wann immer möglich: eigenen Entscheidungen treffen, für sich selbst Verantwortung übernehmen

  • Kindern zwischenmenschliche Nähe, Wärme geben

  • Einsichten und Methoden der positiven Psychologie nutzen: Die aktuelle „Glücksforschung“ vermittelt uns wie die klassische Logotherapie die Bedeutung von Gemeinschaft, Engagement und Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns.

  • dem aktuellen Schreckensjournalismus eine Absage erteilen. Schlagzeilen sind nur eine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu sehen und darzustellen, sie SIND NICHT Wirklichkeit.

  • Beiträge auf Facebook und Co. nicht als einzige Wahrheit nehmen, sich besser mitteles Papierzeitungen informieren: Hier kommt die Wahrnehmung nicht umhin, auch nicht interessenselektierten Nachrichten ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

  • Sich immer wieder fragen, ob wir die Welt, die wir gerade konstruieren, deren Grundfesten wir in den vergangenen Monaten gelegt haben, für lebenswert erachten. Wenn nicht: Ändere den Umgang nit dir und anderen.

  • Unserem Vorzeige-Denker Kant zeigen, dass wir den Leitsatz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ nicht über Bord geworfen haben.

Was darf ich hoffen?

Wenn wir uns aus der Resignation befreien, wenn wir beginnen, wieder selbstwirksam zu sein, dann können wir hoffen, dass wir die sich abzeichnende zwischenmenschliche Katastrophe noch eindämmen können. Dass wir noch nicht, stoisch auf McCarthys Straße wandelnd, unsere selbst gemachte Dystopie zur „neuen Normalität“ erklären.

Was ist der Mensch?

Die humanistische Psychologie beantwortet diese Frage, auch unter Berücksichtigung der Kenntnisse aus der Hirnforschung, so: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dies impliziert Konzepte der Zwischenmenschlichkeit, Empathie, Bedürfnisachtsamkeit, etc. Und immer wieder auch die Bereitschaft, selbst zu verzichten und Kompromisse einzugehen, um andere Wesen zu schützen. Wir Menschen können oft mehr aushalten, als wir glauben, wenn uns nicht eine der wichtigsten Pfeiler unseres Menschseins genommen ist: das Miteinander.

Was ist für dich der Mensch? Wer bist du, wer willst du sein?