Lange schon ist der Traumatherapie bekannt, dass mit bloßem Reden über das Furchtbare kein Trauma aufzufangen oder gar aufzulösen ist. So haben sich zur Traumabewältigung und Reduktion der posttraumatischen Stresssymptome unterschiedliche therapeutische Ansätze entwickelt, die von Imaginationsarbeit wie in der Hypnotherapie, über Konfrontation mit dem angstauslösenden Stimulus bis hin zu EMDR reichen. (Eye Movement Desensitization and Reprocessing verbindet imaginative Konfrontation mit Augenbewegungen, um das immer wieder in die Gegenwart flutende Trauma schließlich als vergangen ad acta legen zu können.)
Und doch ist bereits seit der Schaffenszeit des humanistischen Therapeuten Carl Rogers (der einen nomothetischen Ansatz vertrat, also davon ausging, dass die Erfolgsvariablen einer Therapie zumindest prinzipiell der wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich sein sollen) klar, dass wir Menschen nur und ausschließlich an Beziehungen heilen. Rogers beschrieb die hinreichenden und notwendigen Eigenschaften des Therapeuten mit den populär gewordenen Begriffen der Empathie, unbedingten Wertschätzung und Kongruenz. Das meint, dass jeder Mensch, der eben aus seiner eigenen Kongruenz heraus empathisch und wertfrei sein kann, als heilendes Gegenüber wirken kann. Dazu bedarf es keiner klugen Deutungen und Analysen, keiner Rückschau und Aufarbeitung des Vergangenen, keiner großen Worte und Technik: Es ist die Atmosphäre, die zwischen zwei Menschen entsteht, die Dichte des Gesehens-, des Verstandenseins, die die beschwichtigende Heilkraft entfaltet. Ein Moment, ein Mensch, ist genug – ein Augenblick kann reichen, um Jahrzehnte des Verlusts des Verrats, der Grausamkeiten aufzuheben.

Wir Menschen sind soziale Tiere, jedes Ich braucht ein Du, um sich selbst zu spüren. Ich brauche diese fremde Haut, diese andere Schulter, diesen zu meinem komplementären Körper, um meine eigene Ich-Grenze entwickeln zu können, um mich sicher und willkommen zugleich zu glauben.

Heute erklären wir den Heileffekt, der durch eine derartige Beziehung entsteht, mit der Polyvagal-Theorie: Kurz gesagt besteht der Nervus Vagus aus einer dorsalen und ventralen Ausrichtung, wobei die Aktivierung des dorsalen Parts für den so genannten Freeze Effekt, die dissoziative Schockstarre, bei einer Traumatisierung zuständig zeigt (manchmal die einzige noch funktionierende Überlebensstrategie, wenn Angriff und Flucht nicht mehr möglich sind). Der ventrale Ast wirkt an der sozialen Anbindung mit und wird eben durch diese aktiviert. Seine Aktivierung ist traumalösend, ist beruhigend, ausgleichend. Und manchmal ist es wie ein neuer Horizont, wie ein erster Blick nach einer jahrzehntelangem Blindheit, wenn wir ein erstes, oder auch ein deutliches Mal, wirklich spüren, was es meint, Mensch unter Menschen zu sein.

Manchmal erzähle ich meinen erwachsenen Schülern, die bei mir in Ausbildung sind, zur Veranschaulichung dieser Theorie ein Erlebnis, das mich durch und durch prägte und den Grundstein für mein heutiges Leben setzte: Ich war jung, wild, verzweifelt und verloren. Ein erster von mir bewusst wahrgenommener Krieg, der beginnende Balkankrieg, brachte mich auf die Straße: Mit meiner Gitarre um die Schulter geschlungen, Asche ins Gesicht geschmiert, meinen violettfarbenen Haaren und zerrissenen Jeans wollte ich am Bahnhof einer kleinen geldigen Gemeinde zu einer Demonstration aufrufen. Da stand ich also, meine beste Freundin im Schlepptau, und brüllte den Pendlern, die den Bahnhof verließen, meine Ohnmacht entgegen: „Gegen den Krieg!“, schrie ich. Da trat eine Frau, sie war wohl in einem Alter, in dem ich heute bin, in einem schicken Kostüm, zu mir, und sprach mich an: „Sie dürfen nicht „gegen den Krieg“ sagen. Sie müssen „für den Frieden“ sagen.“ und sie sah mich an. Sie sah mich an, sie sah mich, sie nahm mich wahr. Und ich, die ich all die Jahre so stolz auf meine nicht geweinten Tränen war, die bei jedem Schlag, den sie erlitt, dem Schlagenden ins Gesicht lachte, die eigenen Härte pries, ich brach also weinend zusammen. Und diese Frau trat heran, nahm mich in den Arm und ließ sich ihr Kostüm mit meinen aschegeschwärzten Tränen versauen.
Diese Minute, die diese Szene vielleicht dauerte, wog all die Jahre des Entsetzens zuvor auf. Das erste Mal spürte ich diese Bedingungslosigkeit der Zuwendung, spürte diese Art von Liebe, wie sie uns als Geschöpfe verbindet.
Wir alle brauchen einen solchen Augenblick, eine solche Begegnung, um unser zerbrochenes Ich wieder aufrichten zu können, um uns innerlich glätten zu können. Und es gibt ihn, irgendwo da draußen, diesen einen Menschen, auch für dich: Diesen, der dir diese Liebe schenkt, einfach so, die du so sehr ersehnst und selbst noch nicht geben kannst. Mehr braucht es nicht, um plötzlich in die Gegenwart, die alles ist, was wir alle haben, einzutauchen Und JETZT ist alles HIER, was es braucht, um gut versorgt, gut genährt zu sein. Lebe. Jetzt.